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Hooligans müssen mit EM-Verbot rechnen

Von: Gregor Mayntz
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Hooligans müssen mit EM-Verbot rechnen: Auf fast 15.000 wird inzwischen die Zahl der gewaltbereiten Krawallmacher geschätzt, die derzeit die Fußballstadien in Deutschland unsicher machen. Wenige Monate vor Beginn der EM in Polen und der Ukraine rüsten sich die Spezialisten der Polizei, um Hooligans gezielt zu warnen - und notfalls aus dem Verkehr zu ziehen. Foto: imago/Seskim Photo

Berlin. Die Polizei spricht von einer „besorgniserregenden Entwicklung”: Inzwischen halten 14.900 gewaltbereite „Problemfans” die Ordnungshüter in den Städten der Ersten und Zweiten Fußballliga in Atem, die Zahl der Verletzten hat sich im Zwölf-Jahres-Vergleich auf zuletzt 846 mehr als verdoppelt.

Jetzt haben geschulte Polizisten mit den Vorbereitungen begonnen, die gefährlichsten Gewalttäter wenigstens von der Europameisterschaft im Frühsommer in Polen und der Ukraine fernzuhalten. Dass die Gewalt im Fußball immer mehr Verletzte fordert, führt Polizeioberrätin Katja Kruse auf eine „zunehmende Solidarisierung der Gruppen” zurück. Wenn Steine, Flaschen oder Feuerwerkskörper geworfen würden und die Polizei einzelne Tatverdächtige herausgreifen wolle, umringe die Gruppe die betroffenen Personen.

Auf die Festnahmeabsicht wird aggressiv reagiert. Die Polizei achte zwar darauf, genau zu kommunizieren, weshalb sie einschreite. „Aber dafür interessiert sich in diesem Augenblick keiner”, berichtet Kruse.

Sie ist Vizechefin der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) in Neuss und koordiniert Informationen wie Vorgehen der Polizei bundesweit, ebenfalls die internationale Absprache. Im Jahr der Fußball-Europameisterschaft hat sie auf diesem Feld besonders viel zu tun. Bereits im Dezember haben die Polizeibehörden damit begonnen, diejenigen Fans zu identifizieren, die bei der EM Krawall im Sinn haben könnten.

„Wir haben ein Ohr an der Szene, um rechtzeitig zu wissen, wo Gefahren drohen”, erläutert Kruse. Bei jedem „Fan”, dessen Reiseabsicht klar wird und der in der Vergangenheit schon einschlägig aufgefallen ist, wird die Polizei in den nächsten Wochen an der Haustüre klingeln. „Gefährderansprache” heißt das. „Wir raten ihm, entweder nicht zu fahren oder sich bei seiner Reise regelkonform zu verhalten”, betont Kruse. Damit gebe die Polizei auch ein klares Signal von Mensch zu Mensch: „Wir haben Dich im Fokus.”

Gewinnen die Experten den Eindruck, dass weder die persönliche noch eine zusätzliche schriftliche Ermahnung die gewünschte Wirkung zeigt, kommen so genannte „Meldeauflagen” ins Spiel. Der „Fan” muss sich dann zu festgelegten Zeiten bei seinem örtlichen Polizeirevier melden. Die Zeiten sind natürlich so gelegt, dass es ihm äußerst schwer fallen dürfte, bestimmte Spiele zu besuchen.

Und wenn er es nicht tut? Dann drohen ihm saftige Geldstrafen zwischen 500 und 1000 Euro, die für die meisten schon recht eindrucksvoll sein dürften. Außerdem landet sein Name umgehend in einer speziellen Datei. „Die bewirkt, dass er an der Grenze bei stichprobenartigen Routinekontrollen herausgefiltert und an der Ausreise gehindert wird”, schildert die Sporteinsatz-Spezialistin. Kommt die Polizei zu der Einschätzung, dass sofort größere Kaliber nötig sind, kann sie auch bei den örtlichen Behörden „anregen”, dass die „Problemfans” Vermerke in ihre Pässe bekommen, die faktisch auf ein Ausreiseverbot nach Polen oder in die Ukraine hinauslaufen.

Auch die Innenminister von Bund und Ländern haben sich bereits zwei Mal mit der „Euro 2012” befasst. „Den Sicherheitsbehörden steht ein breit gefächerter Katalog von Erfahrungen und Maßnahmen zur Verfügung, die lageangepasst herangezogen werden können, um einen friedlichen, sportbegeisterten Ablauf zu unterstützen”, berichtet Laurenz Caffier, Chef der Innenministerkonferenz. Für genauere Einschätzungen über die mögliche Dimension drohender Gewalt sei es 120 Tage vor dem Anpfiff noch zu früh.

Kruse verweist darauf, dass bis Ende Februar noch die nächste Phase des Kartenvorverkaufs laufe und gerade „Problemfans” ihre Vorhaben nicht schon Monate im Voraus tagesgenau planten. Es hänge sehr stark von der Spielpaarung ab und wie „praktisch” ein Spiel terminlich gelegen sei, wie groß die jeweiligen Gefahren einzuschätzen sind. „Das können 50, aber auch 500 gewaltbereite Fans sein, um die wir uns kümmern müssen”, weiß die Polizistin aus der Vergangenheit.
Bei der letzten EM wurden jedenfalls nach ihrer Statistik vorab 195 Meldeauflagen ausgesprochen und 170 Ausreiseverbote erwirkt. Hunderten von Hooligans drohen also auch dieses Mal faktische EM-Verbote.

Außerdem führt Kruse ein so genanntes SKB-Team mit „szenekundigen Beamten”, die überall dort auftauchen, wo es Schwierigkeiten geben könnte. „Meine Beamten kennen die meisten Problemfans und umgekehrt”, erläutert die Polizistin, die sich bei ihren polnischen und ukrainischen Kollegen als „Chief Superintendent” vorstellen wird. Die Anwesenheit der deutschen Polizei sei oft schon ein wirksames Signal. „Wir unterstützen unsere Kollegen in Polen und in der Ukraine und beraten mit ihnen, wie sie mit Konfliktsituationen am besten umgehen”, fasst Kruse zusammen.

Manche Fans wollten vermutliche bewusst „Urlaub” in Polen oder in der Ukraine machen und von dort zu Spielorten fahren, obwohl sie keine Karte mehr bekommen hätten oder vielleicht nicht einmal eine wollten. Es gebe zwar keine generellen Probleme zwischen deutschen, polnischen und ukrainischen Fußballfans. „Das schließt aber nicht aus, dass einzelne Vereinsanhänger spezielle Feindschaften mit den Anhängern anderer Clubs pflegen und während des Turniers dann gezielt das Zusammentreffen suchen”, warnt die Polizistin.

Vom März an würden die Erkenntnisse der Polizei erwartungsgemäß immer konkreter. Dann könne sich auch die ZIS besser darauf einstellen, wie sie mit einem ganzen Strauß von polizeilichen Maßnahmen verhindern könne, dass das Gewaltpotenzial aus Deutschland in großer Zahl in Polen und in der Ukraine Probleme macht. Kruse: „Das sind wir den Ausrichterländern schuldig.”
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