Aachen - Hans Meyer blickt zurück: „Nicht für alle DDR-Bürger das große Ding”

Hans Meyer blickt zurück: „Nicht für alle DDR-Bürger das große Ding”

Von: Bernd Schneiders
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Engagiert bis in die Haarspitzen: Hans Meyer in seiner Zeit bei der Borussia. Foto: imago/Team 2

Aachen. Mit Hans Meyer zu telefonieren, ist mitunter wie Theater. Er bezieht die Menschen um ihn herum mit ein, bietet Überraschungen und vor allem Unterhaltung. Diesmal aber sind es nicht Spaziergänger, die er beim Gassi-Gehen mit seinem Golden Retriever Aldo trifft und als Laiendarsteller nutzt.

Diesmal ist es passenderweise seine Lebensgefährtin Maren Zimmermann, Dramaturgin am Staatstheater Nürnberg. „Maren, google doch mal bitte, was für ein Wochentag der 9. November war. Welches Jahr war das noch mal?”

Es ist nicht alles Theater, was der noch 66-Jährige in diese Szene reinpackt. „Es war nicht für alle DDR-Bürger gleich das große Ding”, räumt er ein. Und glaubhaft grübelt er darüber nach, ob er sich nicht doch an diesem geschichtsträchtigen Datum mit dem FC Karl-Marx-Stadt zum Europapokal in Sion (Schweiz) aufgehalten hat.

Sich den 9. November 1989 rot im Kalender angestrichen zu haben, wäre auch eine nette Pointe gewesen für einen, der fast erstaunt fragt: „Warum soll ich laut aufgebrüllt haben?”

Die Antwort steuert er natürlich auch bei. „Ich war relativ zufrieden mit einer fünfköpfigen Familie, einem guten Auskommen, einem hübschen Heim, Theaterbesuchen, Kindern, die in aller Ruhe ohne Angst lernen und studieren konnten, mit der Gewissheit, anschließend einem Beruf nachgehen zu können.”

Er mag die Verallgemeinerung nicht, dass alle in der DDR nur gelitten hätten. Und der erhellende Hinweis, dass bei so vielen Fußballern, die regelmäßig im westlichen Ausland gespielt haben, so wenig geflohen seien, was speziell für ledige wie etwa Andreas Thom risikolos möglich gewesen sei. „Es waren nicht alle nur Riesen-Opfer.”

Unglaublicher Konsum ist eben nicht alles, die „soziale Sicherheit” beruhigend und die Möglichkeiten, im Urlaub statt nach Mallorca nach Ungarn, Rumänien oder an die Ostsee zu reisen, habe gedrückt, aber die Ferien nicht permanent belastet. Darüber hinaus war Meyer „privilegiert”.

Über 40 Länder hat er als Trainer bereist und dabei gesehen: „Der Kapitalismus ist nicht allein gleichzusetzen mit den hochentwickelten Industriestaaten und ihren zum Teil perversen Überfluss. Auch Völkerrechtswidrige Kriege, hungernde Menschen, bitterste Armut, Korruption und Demagogie lassen zumindest Gedanken logisch erscheinen, ob das nicht Alternativen kennt.”

Zur Zeit des Mauerfalls betreute er den FC Karl Marx Stadt. Es folgte noch mal der FC Zeiss Carl Jena und Union Berlin. Ein Angebot aus dem Westen kam nicht, war aber mit dem heutigen Wissen auch nicht zu erwarten gewesen. Den Westen Deutschlands hat er dann gleich übersprungen für seinen ersten Job außerhalb der DDR bzw. Ostdeutschland.

Der ehemalige Manager des FC Twente, Ton van Dalen, erkundigte sich bei Volker Finke, mit dem er als Spielervermittler Kontakt hatte, nach Hans Meyer.

Der inzwischen verstorbene van Dalen kannte und schätzte ihn aus Begegnungen mit RW Erfurt und empfahl Meyer, der von Union entlassen worden war, seinem ehemaligem Klub. Enschede wurde Meyers Sprungbrett in die Bundesliga, zu Borussia Mönchengladbach.

Das Fußball-Leben ist für den Trainer „noch interessanter geworden”, aber wäre auch ohne Mauerfall „interessant geblieben”, wie er gleich wieder einschränkt. Der gelernte Sport- und Geschichtslehrer verfolgt natürlich den Alltag und das politische Geschehen in der Bundesrepublik.

Und in Verbindung mit solchen Arbeitnehmerschicksalen wie jüngst bei Quelle, werde man unwillkürlich an die Verzweiflung vieler Ostdeutscher erinnert, für die die Einheit Deutschlands auch der Verlust des vertrauten Arbeitsplatzes bedeutete.

Der Mann, der die Ironie so liebt und pflegt, ist weit davon entfernt, die Zustände in der ehemaligen DDR zu verharmlosen oder zu beschönigen. Aber er sympathisiert mit dem System, allerdings mit der Einschränkung: „Wie ursprünglich gewollt, nicht wie realisiert.”

Nicht die Theorie sei „Scheiße gewesen, sondern eine Partei mit einem perversen Machtanspruch und ihren fatalen Fehleinschätzungen.” Natürlich ist Hans Meyer auch angeeckt, beschwor mit seiner Art Konflikte mit seiner Umgebung herauf.

Als Opfer oder Widerstandskämpfer aber hat er sich dennoch nicht empfunden, wie er auf seine süffisant-ironische Art bemerkt. Er sei nicht im Gefängnis gelandet. „Man konnte durchaus auch mal etwas Unpassendes sagen, ohne gleich verhaftet zu werden.” Aber natürlich kennt und versteht er Menschen, die Grund genug hatten, das System zu hassen.

Einen Mann etwa, der beim Fluchtversuch geschnappt wurde, im Gefängnis gelandet ist, während dieser Zeit seine Kinder nicht sehen durfte und nach dem Mauerfall zurückgekommen ist, um demjenigen, der ihn „verzinkt hatte, einen in die Schnauze zu hauen”.

Er ist seinerzeit in die Partei eingetreten, weil er daran glaubte, dass der Staat der Masse der Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und soziale Sicherheit bieten konnte. „Wenn aber das, woran man geglaubt hat, zusammenfällt wie ein Kartenhaus ...” Und so habe er sich abgewöhnt, sich politisch zu engagieren.

Die Augen verschließen, mag er aber dennoch nicht. So will er nicht verstehen, dass mit steter Regelmäßigkeit und Ausdauer zu Recht die Menschenrechtsverletzungen zum Beispiel in China angeprangert werden und gleichzeitig trotz eines völkerrechtswidrigen Krieges gegen den Irak, mit 250.000 Zivil-Toten, schnell zur Tagesordnung übergegangen wird.

Seine Skepis in Richtung Kapitalismus wird auch genährt durch aktuelle Reisen - etwa nach Russland.

„In Moskau gibt es 1000 Milliardäre, 100.000 Millionäre - aber wenn du die Lebensbedingungen der Menschen nur 100 Kilometer entfernt siehst, dann machst du dir schon Gedanken über die Umsetzbarkeit der freien Marktwirtschaft in Ländern ohne Demokratieerfahrung.”

Aber eigentlich, eigentlich will er ja gar nicht über all das reden. Mindestens 25 Anfragen habe er schon abschlägig beschieden. „Warum reden wir nicht über Fußball?!” Immerhin hat inzwischen Maren Zimmermann erfolgreich gegoogelt.

Die Dramaturgin sorgt für den Vorhang. Der 9. November 1989 - ein Donnerstag war´s! Ach ja, die Erinnerungen kommen zurück. Also nicht Sion in der Schweiz. Aber doch Fußball, der Kreis schließt sich. „Da war ich zu Hause - gerade frisch vom Training.”

Und verfolgte die Geschehnisse „ungläubig” im Fernsehen. In Farbe etwa? „Ja - und ohne Kurbel!” Theater ist bei Hans Meyer vor allem auch Komödie.
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