Würselen - GoalControl: Nur Abstoß oder doch Anstoß?

GoalControl: Nur Abstoß oder doch Anstoß?

Von: Roman Sobierajski
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Bis auf eine Abweichung von weniger als einem Zentimeter genau zeigt es die Torlinientechnologie an: Der Ball ist vollständig hinter der Linie. Foto: dpa

Würselen. Diese Revolution kommt ohne große Erschütterungen. Mehr als ein leichtes Vibrieren wird von ihr nicht zu spüren sein, wenn bei der WM in Brasilien zum ersten Mal gegen den Ball getreten wird. Nur an den Handgelenken der 25 Schiedsrichtergespanne, die von der Fifa für die 64 Partien der 20. Auflage des Weltturniers nominiert wurden, wird es rappeln und blinken und „Goal“ signalisieren – oder eben nicht.

Torlinientechnologie heißt das kleine Wunder, das den Unparteiischen bei der Entscheidung helfen soll, ob der Ball nun vollständig die Linie überquert hat. Doch auch kleine Wunder haben ihren Preis, und so kosten die Systeme der Würselener Firma GoalControl je nach Ausstattung zwischen 170.000 und 300.000 Euro. Pro Stadion, pro Saison. Sicherlich kein Pappenstiel, aber: „Torlinientechnik gibt den Schiedsrichtern Sicherheit. Es ist eine Entscheidungshilfe, kein Entscheidungssystem. Ganz wich- tig ist, dass die Torlinientechnik das Spiel nicht verändert“, sagt GoalControl-Geschäftsführer Dirk Broichhausen bei der Präsentation des Systems auf dem Aachener Tivoli.

Technik und Entertainment

Mit dieser Aussage hat der 46-Jährige Recht und Unrecht zugleich. Richtig ist, dass die 14 Hochleistungskameras ihre Daten so schnell an den Computer liefern, dass das Spiel nicht unterbrochen werden muss, um in weniger als einer Sekunde das Signal an die Schiedsrichter-Uhr senden zu können. Acht Gigabyte in der Sekunde stellen eine beeindruckende Datenmenge dar. Vier Spielfilme ließen sich auf DVD aufzeichnen – in nur 1000 Millisekunden. Richtig ist aber auch, dass das System in der Rolls-Royce-Version wesentlich mehr leisten kann, als nur über Anstoß oder Abstoß zu befinden.

Das komplette Spiel ließe sich in Bits und Bytes zerlegen, jede Abseitsstellung wäre unwiderlegbar festzustellen, jedes Seitenlinien-Aus, jeder Laufweg der 22 Akteure. „Torlinientechnik und Entertainment werden sich massiv durchsetzen“, ist Broichhausen überzeugt. Als Zuhörer ist man geneigt, diese Überzeugung zu teilen, wenn man sich die Möglichkeiten vor Augen führt: Die Wiederholung direkt auf dem Videowürfel im Stadion, die Bereitstellung von Analysesequenzen für die TV-Stationen bei laufender Übertragung, die Spieloptimierung für die Mannschaften in der Nachbearbeitung in einem Fußball-Zeitalter, in dem es auf Sekundenbruchteile ankommt. Vielleicht lassen sich sogar in nicht allzu ferner Zukunft Partien an der Playstation mit dem Originalmaterial nachspielen.

Jeder kann Cristiano Ronaldo vor der Abwehrmauer werden, den Blick grimmig auf die Gegner gerichtet. Jeder ein Lionel Messi beim federleichten Dribbling. Bei dieser Vorstellung bekommen die Träume schon so viele Nullen angehängt, dass es wohl selbst die Fifa-Gewaltigen fröstelt. Broichhausen hat also Recht, wenn er sagt, dass diese Technologie nicht ins Geschehen eingreift, verändern würde sie das Spiel aber gewaltig. Sie würde dafür sorgen, dass Schiedsrichter wie Howard Webb oder Spieler wie Geoff Hurst schneller in Vergessenheit geraten.

Webb und Hurst

Webb dürfte es freuen, schließlich erhielt der Referee Morddrohungen nach einer strittigen Elfmeterentscheidung gegen Polen in der Nachspielzeit bei der Euro 2008 gegen Österreich. Hurst hätte die Technologie allerdings einen Großteils seines Ruhms gekostet, denn der Stürmer wäre nur noch Statistik-Freaks wegen eines Lattentreffers bei der Final-Partie 1966 zwischen England und Deutschland in Erinnerung – nicht als Schütze des legendären Wembley-Tores. Gekostet hätte eine fehlerfreie Entscheidung auch 48 Jahre voller leidenschaftlicher Diskussionen. Schon deshalb wird diese Technologie das Spiel neu erfinden.

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