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Frontzeck-Elf provoziert einen Nackenschlag

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
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Der Richter und sein Täter: Thorsten Kinhöfer zeigt Dante Rot und fühlt sich in seiner Entscheidung durch die protestlose Reaktion des Brasilianers bestätigt. Foto: Johannes Kruck

Mönchengladbach. Fernsehen macht Schiedsrichter glücklich. Zumindest an diesem Samstagabend in Mönchengladbach. Fast strahlend kam Thorsten Kinhöfer aus der Kabine. Nicht, weil seine Frisur so perfekt lag.

Der 42-Jährige hatte wohl gerade nicht beim Blick in den Spiegel, sondern auf die Mattscheibe tiefe Befriedigung erfahren. Bei der 2:3-Niederlage der Borussia hatte Kinhöfer anderthalb Stunden zuvor ein Tor des Tabellenletzten annulliert und vier Minuten vor Schluss einen höchst umstrittenen Foulelfmeter gegen den Gastgeber gegeben, den der VfB Stuttgart zum Siegtreffer nutzte: „Zum Glück ist es so, dass die Bilder das beweisen”, war der Unparteiische mit sich im Reinen.

Und detailliert bis genüsslich schilderte er die Abläufe, die die um ihn gescharten Journalisten nicht so deutlich und zum Teil auch anders gesehen hatten. Und langsam kroch das Gefühl hoch, dass Kinhöfer mehr die TV-Bilder wiedergab als seine ursprünglichen Beobachtungen.

Kaum jemand hatte ohne elektronische Unterstützung das Handspiel von Dante gesehen, Kinhöfer sehr wohl. Und gestenreich ahmte er die Bewegung nach, die zur unseligen Berührung zwischen Körper und Ball geführt haben soll.

Die 39.132 Zuschauer plus Spieler und Verantwortliche im Borussia-Park hatte der Referee zuvor im Unklaren gelassen: Bei einem derartig „unsichtbaren” Vergehen klärt ein Schiedsrichter normalerweise die verdutzten Beobachter durch eine entsprechende Handbewegung auf - allein schon, um das Pfeifkonzert etwas abzuschwächen.

„Adlerauge” Kinhöfer unterließ es und unterrichtete die Öffentlichkeit indirekt erst nach dem Studium der Fernsehbilder. Hmmmmm????!!!!

Levels´ Vorlage

Es wäre das 3:2 für Mönchengladbach gewesen (75.). Die Szene, die dieses Ergebnis umkehrte, war zumindest offensichtlicher, wenn auch nicht weniger umstritten. Nach einer „Vorlage” des indisponierten Tobias Levels klärte Dante gegen Pavel Pogrebnjak per Grätsche.

Der Ball verändert zwar die Richtung. Doch Kinhöfer erklärte erneut detailliert seine - hoffentlich - Live-Wahrnehmung. „Dante spielt Ball und Gegner.” Viele hatten - selbst nach den TV-Bildern - eine Reihenfolge gesehen.

Doch Kienhöfer unterstützte die Gleichzeitigkeit durch zwei fast moralische Vorwürfe: „Ausschlaggebend war die hohe Intensität.”

Bestätigt fühlte sich Kinhöfer durch ein in seinen Augen eindeutiges Schuldgeständnis des Übeltäters. „Das Verhalten des Spielers, der genau wusste, was er gemacht hat. Dante hat sich aus dem Staub gemacht.”

„Protestieren nützt doch nichts”, erklärte Dante seine Zurückhaltung. Die ihn allerdings nicht vor der Gelb-Roten Karte schützte. Drei Punkte gegen einen Abstiegskonkurrenten aus der Hand gegeben, der beste Abwehrspieler für ein Spiel gesperrt . „Einen Nackenschlag in dieser Form haben wir noch nicht bekommen”, bekannte Michael Frontzeck.

Doch Gladbachs Trainer tat gut daran, sich nicht zu sehr auf die seherischen Fähigkeiten oder gar Fantasie eines Thorsten Kinhöfer zu versteifen. Die wahrhaft Schuldigen waren bei der sportlichen Analyse auch ohne TV-Unterstützung auszumachen.

Nach zwei Toren durch Dante (Kopfball/29.) und Igor de Camargo (31.) ging die Frontzeck-Elf mit einem komfortablen Vorsprung in die Kabine. Und kam verändert wieder raus. „Wir wollten auf das dritte Tor gehen und auf unsere Chance warten”, erklärte Frontzeck die Pausen-Abmachung.

Die Gewichtung übernahm seine Mannschaft: Vom Drang auf den dritten Treffer war nichts zu sehen, von der abwartenden Haltung dagegen um so mehr. Die überlebenswichtige Haltung „mein Stadion, mein Spiel, mein Sieg” hatte die Mannschaft einmal mehr in den Umkleideräumen gelassen. Heraus traten statt Aktiv-Fußballer die alten Schreckgespenster der „Reaktionäre”: Mal abwarten, was der Gegner macht...

Nun, der hatte auf ein System mit drei Stürmern umgestellt und Neuzugang Tamas Hajnal auf die Position hinter den Spitzen beordert. Pogrebnyak (51.) und Martin Harnik (56.) bestraften die Lethargie. Timo Gebhart machte mit seinem verwandelten Strafstoß den Deckel drauf.

Und Frontzeck bemühte sich, die eigene taktische Inaktivität zu erklären: „In Frankfurt haben wir gezeigt, dass wir gegen drei Spitzen spielen können.”

Doch Harvardt Nordtveit und Roman Neustädter bekamen keinen Zugriff auf ihre Mittelfeldgegner. Und die vermeintlich neu erworbene Defensiv-Stabilität erwies sich durch diese Mischung aus taktischem Unvermögen und mangelnder Aggressivität als äußerst bröckelig.

„Kopf hochhalten, aus den Fehlern lernen”, lächelte Dante dennoch selbstbewusst. „Ich mag das: je schwieriger, desto lieber.” Den Gefallen haben die Gladbacher sich und ihrem Abwehrchef getan.
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