Favre: „Wir müssen mehr nach vorne spielen”

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
Ein Arbeiter auch an der Seite
Ein Arbeiter auch an der Seitenlinie: Borussias Erfolgstrainer Lucien Favre. Foto: imago/Reichwein

Mönchengladbach. Er ist ein Perfektionist und leidet, wenn seine Spieler wie zuletzt häufiger unnötige Fehler machen. Lucien Favre, Trainer von Borussia Mönchengladbach, hat sich spätestens seit dem Nichtabstieg und der noch laufenden sensationellen Saison einen Ruf erarbeitet, nicht nur einzelne Spieler, sondern auch eine komplette Mannschaft besser machen zu können.

Derzeit kämpft der Schweizer, der noch einen Vertrag bis Juli 2013 besitzt, nach den Dämpfern im Pokal und in der Liga darum, sein Team wieder zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Am besten schon am Samstag im Borussia-Park (18.30) gegen seinen Ex-Klub Hertha BSC.

Was ist los mit Ihrer Mannschaft? Woran hakt es in den letzten Wochen?

Favre: Man muss jedes Spiel für sich analysieren. Das Bayern-Spiel hat viel Kraft gekostet - aber im Kopf. Trotzdem haben wir gegen Hoffenheim über weite Strecken gut gespielt, nur unsere Chancen nicht genutzt. Das Spiel war schwieriger zu verdauen.

Sie haben nach der 1:2- Niederlage in Hannover gesagt, dass einige Prozent gefehlt haben. An was? Einstellung, Einsatz, so wie Ihr Vizepräsident Rainer Bonhof kritisiert hat?

Favre: Hannover hatte im Spiel zwei Schüsse aufs Tor, und das waren zwei Tore, zwei völlig unnötige. Insgesamt haben wir zu wenig nach vorne investiert. Wir müssen jetzt ruhig bleiben und unsere Top-Konzentration und Entschlossenheit wiederfinden.

Also ist es ein Kopfproblem?

Favre: Ja: Das Pokalfinale in Berlin ist nicht mehr da, und auch der Abstand zur Tabellenspitze ist größer geworden, das ist eine andere Situation. Mit 51 Punkten besitzen wir eine gefestigte Position. Vielleicht ist bei dem einen oder anderen ein bisschen Spannung weg, wir brauchen jedoch hundert Prozent Konzentration, um erfolgreich zu sein. Wenn sie jedoch glauben, dass sie wirklich so gut sind, wie die Zeitungen schreiben, dann wirds gefährlich.

Ihre auf Direktpass basierende Spielweise ist anspruchsvoll und anfällig: Wenn ein Glied versagt, stoppt der Spielfluss...

Favre: Ein Spieler kann alles kaputtmachen, wenn er falsch läuft. Es geht auch um die richtige Bewegung.

Die war in Hannover alles andere als optimal, trotz des hohen Anteils an Ballbesitz.

Favre: Ja, 65 Prozent! Ich will Ballbesitz, aber so bringt es nichts. Wir müssen mehr nach vorne spielen, uns in der Ballannahme mehr nach vorne orientieren.

Sie wirken immer so, als wenn Sie am liebsten direkt nach dem Spiel, besonders nach einer Niederlage, mit den Spielern trainieren würden, um die Fehler auszumerzen. Täuscht das?

Favre: Nein, nein, so geht das nicht. Man muss Prioritäten setzen, man kann nicht alle Fehler angehen. Die Spieler müssen mit Vertrauen und Selbstbewusstsein agieren, nicht mit Selbstzweifeln. Sie müssen wagen, nach vorne zu spielen. Und das geht nur mit Vertrauen ins Spiel und in den Stil. Damit haben wir 51 Punkte gesammelt. Das ging nur, weil ich solch spielintelligente Spieler habe. Kompliment an die Mannschaft - aber das heißt nicht, dass sie Weltklassespieler sind.

Sie haben sie verwandelt.

Favre: Ich konnte die Mannschaft gut organisieren. Sie funktioniert gut. Bei neuen Spielern müssen wir auf Spielintelligenz, aber auch Technik in Bewegung und Schnelligkeit, auch was die Gedanken angeht, achten.

Würden Sie gerne noch mehr mit der Mannschaft trainieren?

Favre: Nein, ich muss nicht mehr arbeiten. Aber die Mannschaft braucht grundsätzlich viel Arbeit, das ist die einzige Lösung, sonst kann sie ihren Fußball nicht spielen. In den ersten anderthalb Monaten haben wir allerdings sehr, sehr intensiv gearbeitet. Und es hat zum Glück schnell funktioniert, sonst würden wir uns heute nicht über Erstliga-Fußball unterhalten.

Aber wären Sie nicht froh, wenn Sie ausschließlich auf dem Platz arbeiten müssten?

Favre: Als Trainer ist das Training dein Spaß. Es hat absolute Priorität für mich. Aber dazwischen hat man natürlich viel zu tun: Gespräche mit einzelnen Spielern, mit der Mannschaft, mit der Presse, mit dem Präsidium... Das gehört dazu.

Bei Klubs wie den Bayern sind all diese Dinge noch ausgeprägter, vor allem auch die Pressearbeit. Könnten Sie gut darauf verzichten?

Favre: Alle sagen, zwei Jahre in Berlin etwa sind wie sechs Jahre. Aber das war okay. Das gehört dazu. Du musst dich weiterentwickeln, neue Ideen, neue Einheiten kreieren. Aber du brauchst vor allem gute Spieler. Punkt!

Zur Arbeit gehört vor allem auch, sich nach neuen Spielern umzuschauen und zu holen. Wie wichtig ist dabei eine gute Scouting-Abteilung?

Favre: Wir sprechen kontinuierlich über die Zukunft. Aber es ist sehr schwer, sich als Trainer darauf zu konzentrieren. Ein Top-Klub will einen Spieler X und verpflichtet ihn. Den kennen dann alle. In Mönchengladbach ist das bei den nach wie vor begrenzten finanziellen Mitteln viel komplizierter. Man muss einen Spieler entdecken, ihn weiter beobachten. In der Schweiz war alles überschaubar, da konnte ich das noch selbst machen, reisen. In der Bundesliga ist das nicht mehr möglich.

Was ist denn für die Zukunft möglich? Ihre Mannschaft weist Parallelen in der Spielweise zu Borussia Dortmund auf, deren Spieler allerdings wesentlich aggressiver und offensiver den ballführenden Gegner selbst in dessen Hälfte attackieren. Wäre das der nächste Schritt der Entwicklung?

Favre: Unser Spiel hat nichts mit dem von Borussia Dortmund zu tun. Wir haben jetzt drei schwere Spiele in acht Tagen, und in diesen müssen wir zu unserer alten Stärke zurückfinden. Und zwar schon am Samstag gegen Hertha BSC.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert