Mönchengladbach - Er will ja nur spielen

Er will ja nur spielen

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
Eine Umarmung mit Lu
Eine Umarmung mit Lucien Favre, dem Trainer von Borussia Mönchengladbach. Doch bald wechselt Marco Reus zu den Dortmunder Borussen. Favre findet im Kurzinterview viele lobende Worte für Reus. Foto: imago/MIS

Mönchengladbach. Wehe, wenn er losgelassen wird. Er ist extrem gefährlich. Und dennoch passt zu keinem die Beschwichtigung so sehr wie auf ihn: „Er will doch nur spielen!” Nun ist Marco Reus nicht unbedingt bissig, aber torgefährlich.

Und wenn der Vergleich mit einem Hund konsequent zu Ende gedacht wird, muss der gerade 23 Jahre alt gewordene Bald-Dortmunder (ab dem 1. Juli) ein Windhund sein. Die Schnelligkeit des Noch-Mönchengladbachers ist es, die seine Gegner immer wieder vor große Probleme stellt.

Nicht nur sein Tempo an sich, sondern speziell die fließende Verarbeitung eines Zuspiels, das in Sekundenbruchteilen in eine Vorwärtsaktion verwandelt wird. „Der erste Ballkontakt” ist eines der Lieblingsthemen seines nun ehemaligen Trainers Lucien Favre. Diese Mischung aus Technik, Geschwindigkeit und Spielintelligenz, die Voraussetzung ist, um einen Pass ohne Unterbrechung, quasi pausenlos, aus einem sicheren Kombinationsspiel heraus in einen überraschenden Vorstoß Richtung Tor zu verwandeln.

Einen Chip im Ohr braucht „Windhund” Reus allerdings nicht: Der gebürtige Dortmunder hat seine Daten immer dabei: Auf seinen linken Unterarm hat er seinen Namen und seinen Geburtstag tätowieren lassen. Dabei macht ihn seine Spielweise unverwechselbar und deshalb auch so interessant für Joachim Löw. Einen Typ wie den Tempodribbler, der sein Können in der neuen Saison seinem Heimatklub Borussia Dortmund zur Verfügung stellt, besitzt der Bundestrainer nicht in seinem Kader.

Reus paart Geschwindigkeit mit Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, eine relativ seltene Kombination. Viele Offensivspieler sind schnell, aber nicht torgefährlich, oder torgefährlich, aber nicht schnell. Und das lockt sogar Löw auf neues Terrain: „Ich würde ihn gerne ganz, ganz vorne sehen, im Sturm”, erklärte der DFB-Coach in der EM-Vorbereitung.

Für eine Million Euro

Das ist dem Sprinter nicht völlig fremd, auch wenn das einige Analytiker nicht mehr so parat haben. Grundlegend überragend wurde der Mann, den Max Eberl für knapp eine Million Euro vom Zweitligisten RW Ahlen loseiste, in dem Moment, wo Favre ihn von der rechten Offensiv-Position in die Sturmzentrale schob. Er war Borussias Stürmer, auch wenn er bei dieser Aufgabe gerne und erfolgreich „rückfällig” wurde: sich ins Mittelfeld zurückfallen ließ, um dann mit Tempo in die Lücken vorzustoßen, die er durch sein Positionsverwirrspiel gerissen hat.

In Mönchengladbach hatte er dazu einen kongenialen Partner: Mike Hanke. Job-Sharing der besonderen Art. Beide entsprechen nicht dem Bild eines typischen Mittelstürmers. Beide sind extrem mannschaftsdienlich. Was Reus mit seiner Schnelligkeit interpretiert, füllt der Ex-Schalker mit seiner listigen Kombinations- und Passkunst aus. Joachim Löw gefällt diese unorthodoxe Spielweise. „Wenn ein Gegner mit allem verteidigt, ist Reus in unserem Kombinationsspiel auch anspielbar in der letzten Linie. Er kann sich wahnsinnig schnell drehen, ist wendig, beweglich und abschlussstark”, lautet die Lobeshymne. „Er hat das noch nie gespielt, aber das ist eine Überlegung wert. Ich bin mir relativ sicher, dass das ganz gut funktioniert bei uns.”

„Wenn ein Gegner mit allem verteidigt...” Das hört sich ja fast so an, als hätte die Uefa heimlich den FC Chelsea als fünftes Team zu Deutschland, den Niederlanden, Portugal und Dänemark in die Gruppe B geschmuggelt. Reus als Geheimwaffe gegen Defensiv-Extremisten. Da mag man den Bayern ja fast Beileid wünschen, dass sie das Tauziehen um den zukünftigen Ex-Mönchengladbacher gegen Dortmund verloren haben. Denn genau diese Qualität fehlte im verlorenen Finale der Champions League. Das wissen auch die Bayern, obwohl sie sich als schlechte Verlierer zeigten - nicht, nach der Niederlage gegen Chelsea, sondern als Reus sich für den BVB entschied.

Die Verschmähten streuten vermeintlich entlastende Begründungen, wie Reus wolle sich nicht der starken Konkurrenz in Bayern stellen, die in der Behauptung gipfelten: Der 23-Jährige hätte eine Stammplatzgarantie verlangt. „Völliger Schwachsinn”, fauchte der Jung-Nationalspieler. In dem Moment, als auch der alte und neue Deutsche Meister auf den Markt trat, war die Entscheidung schon gefallen, die Münchner hatten keine Chance mehr. Das hat mit dem Spielsystem der Dortmunder, das auch auf Schnelligkeit basiert, mit dem Trainer Jürgen Klopp und mit einer Grundeinstellung zu tun: Marco Reus will wirklich nur spielen - bar jeder Stammplatzgarantie.

Die pure Lust am Ball ist sichtbar in jedem Training, in jedem Spiel. Und so ausdrucksstark der junge Mann in diesem Bewegungsspiel ist, so schwer tut er sich mit den dritten Halbzeiten. Marco Reus ist ein Musterprofi. Und als solcher weiß er, dass Interviews und PR-Termine mit zum gut bezahlten Job gehören. Keine Arroganz, aber fehlende Begeisterung ist zu spüren, die seine sportlichen Auftritte so bemerkenswert und attraktiv machen. Sprüche, nette Anekdoten oder scherzhafte Bemerkungen sind Marco Reus fremd. Der Mann, der so elegant seine Gegner umkurvt, will auch im offiziellen Gespräch nicht anecken, will nicht zu viel von sich Preis geben. Artig jede Frage beantworten, aber auch nicht mehr.

Nicht aus Selbstüberschätzung heraus, sondern aus einer selbst gesteckten, gefühlten und gelebten Priorität: Marco Reus will einfach nur Fußball spielen. Und damit verkörpert er auf der einen Seite einen eigentlich alten Typus des Ruhrgebietkickers, der bestens zum Kappen-Credo seines neuen Trainers Jürgen Klopp passt: Pöhler. Mit seinen wechselnden und meist auffälligen Frisuren aber gehört er andererseits genau zu der neuen Playstation-Generation, aus der sich auch ein Großteil der Dortmunder Mannschaft rekrutiert.

Sehr emotional

Sich wohlfühlen, auch im Sozialgefüge eines Kaders: Das konnte ihm Borussia Mönchengladbach drei Jahre lang bieten, das wird ihm Borussia Dortmund in den nächsten Jahren bieten und auch die Auswahl, die Joachim Löw für die Europameisterschaft zusammengestellt hat. Der 23-Jährige ist sehr emotional, von Natur und familiärem Hintergrund her eher schüchtern und bescheiden. Er braucht all diesen Rummel nicht, mit dem ein junger Profi so vorschnell und übermäßig konfrontiert wird. Er ist kindlich geblieben, in der Kabine und auf dem Platz. Und dort kann er seinen Spieltrieb ausleben - auf Weltklasseniveau, wenn er sich wohl fühlt und das Selbstvertrauen hat. Beides kann ihm Joachim Löw liefern. Und dann könnte Marco Reus ein Kind der Europameisterschaft 2012 werden - er will ja nur spielen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert