Eine rosarote Woche für Arango & Co.

Von: Bernd Schneiders
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Der Mann mit der linken Klebe: Schon vor dem ersten Bundesliga-Spieltag wird Borussen-Neuling Juan Arango mit Lob und Ehrennamen förmlich überschüttet. Foto: imago/Team2

Mönchengladbach. Kunterbunt in die Saison: Die Vereinsfarben von Borussia Mönchengladbach sind schwarz-weiß-grün. Seit dieser Spielzeit um ein grelles Gelb des neuen Hauptsponsors erweitert. Nach dem erstaunlich soliden Pokalerfolg am letzten Wochenende beim FSV Frankfurt gesellt sich noch eine weitere Farbe dazu: rosarot.

Zumindest in der Berichterstattung. Nimmt man das ernst, hat Borussia einen neuen Weltstar. Interessanter Weise muss der in einem Labor in Venezuela geklont worden sein. Das Rezept ist ebenso geheim und traditionell wie das Kölnisch Wasser: eine Prise Günter Netzer, eine Prise Rainer Bonhof, eine Prise Hacki Wimmer. Ein wahrhaft (fußball)„göttlicher” Cocktail namens Arango - wir sind gerührt, nicht geschüttelt.

Und da die lautmalenden Kosewörter („KNALLrango”) langsam ausgehen, kann man sich schon mal ein neues Objekt der Beweihräucherung suchen. Und nach guter, aber noch nicht ganz so alter Tradition bietet sich da erneut Oliver Neuville an. Einer aus den Restbeständen der Aufstiegshelden. Der wird diese Saison mit 36 Jahren seinen Super-Frühling erleben.

Das hat er sich verdient, nicht weil er wie einige andere nun nicht mehr anwesende Profis kollegiale Beschwerdebriefe über einen Trainer verfassen kann. Er ist ein Opfer aus der Winterzeit, die der „eiskalte” Hans Meyer geschaffen hatte - nur um den Klub vor dem Abstieg zu retten. Unter dem neuen Coach aber, Michael Frontzeck heißt er, wird er auftauen - denn fürderhin waltet wieder Gerechtigkeit rund um den Borussia-Park.

Noch ist unbekannt, ob im Zuge dieser Humanisierungsaktion weitere Opfer wie etwa Sascha Rösler in die große Borussen-Familie repatriiert werden. Schwierig wird es wohl bei dessen ehemaligen Kollegen Alexander Voigt und Soumaila Coulibaly. Beide durften am Samstag in Frankfurt gegen ihren alten Klub antreten.

Sportmedizinisches Fazit: Sie sind von der unmenschlichen Behandlung des Hans M. noch immer so traumatisiert, dass sie wie gelähmt wirkten. Selbst ein stiller Brüter wie Michael Frontzeck könnte bei dieser Auftau-Aufgabe scheitern.

Nun hat Neuville wirklich noch seine Qualitäten. Er hat einen Namen, eine gute Schusstechnik, viel Erfahrung. Doch er spielt auf einer Position, die weit mehr von Spritzigkeit und Sprintqualität abhängig ist, als etwa die eines Sechsers, die Routine-Kollege Tomas Galasek so ideal und klassenerhaltend in der letzten Saison ausgefüllt hat. Der Tscheche schaffte das noch über 90 Minuten, Neuville ist dazu nicht mehr in der Lage, auch wenn er das nicht wahrhaben möchte.

Anderes Spiel in Bochum

Sowohl der ehemalige Kapitän als auch Arango zählten im Pokal zu den positiven Erscheinungen. Doch die Rede ist von einem FSV, der - aus welchen Gründen auch immer (womöglich lag es sogar an Borussia) - in keiner Phase des Spiels so auftreten konnte, wie man es von einem Zweitligisten erwarten kann, der zuhause im Pokal sein Mütchen am favorisierten Erstligisten kühlen will.

Sonntag in Bochum dürfte das ganz anders aussehen. Neuville spielte gut mit, schaffte in Zusammenarbeit mit Roberto Colautti Räume und damit Chancen. Der Israeli war der Auffälligere der beiden, eben auch wegen seines Tors und dem herausgeholten Strafstoß. Beide aber dürfen sich vor allem auch mit der Auszeichung „mannschaftsdienlich” schmücken.

Das Zeug zum Star haben sie nicht mehr (Neuville) und werden sie wohl nie haben (Colautti). Damit passen sie aber hervorragend in das Konzept von Michael Frontzeck. Der ehemalige Borussen-Profi setzt noch stärker als alle anderen Kollegen auf mannschaftliche Geschlossenheit. Was aber kompatibel ist mit einem Juan Arango. Der ragte heraus - bei einem Zweitligisten. Der verbindet Extra-Qualitäten mit Teamtauglichkeit. Ohne jede Allüren.

Geduld in der Mixed-Zone

Nach dem Pokalsieg stand er müde und erschöpft nach dem Hitzespiel in der Mixed-Zone, dem offiziellen „Verrichtungsraum für Interviews”. Und wartete und wartete - klaglos. Man stelle sich in der gleichen Situation Stefan Effenberg vor...

Die Journalisten wollten Arango, aber Dolmetscher-Integrator Jörg Stiel war noch mit dem verletzten Raul Bobadilla beim TV-Interview. Oberkörper entblößt, die Stutzen runtergekrempelt - auf seinen Schienbeinschonern waren seine Kinder zu sehen.

Und dennoch musste er mehr als eine Viertelstunde später erst vom Boulevard dazu beinahe genötigt werden, artig sein erstes Tor seiner Familie zu widmen. Offensichtlich gehört Arango nicht zur Garde der Spieler, die ihre Treffer per Ego-Trip und in enger Verbundenheit mit Gott und der Familie feiern müssen.

Geduld und Bescheidenheit - da muss seine Selbst-Einschätzung, wie weit er denn in seinem Leistungsstand sei, fast erschrecken: „Bei 70 Prozent!” Die 100 Prozent dürften dann wohl jedes Schmucknamen-Arsenal sprengen.
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