Aachen - Die neue Mündigkeit der Mitglieder

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Die neue Mündigkeit der Mitglieder

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Auf welche Farbe springt die Ampel heute? Alemannia bereitet sich auf die nächste turbulente Jahreshauptversammlung vor. Foto: Steindl

Aachen. Das Mindeste, was man über Alemannias Jahreshauptversammlungen sagen kann: Sie sind turbulent. Vor drei Jahren wurde die Zusammenkunft abgebrochen, im letzten Jahr wurden nach sieben Stunden zwei führende Funktionäre schlicht nicht mehr gewählt.

Und es gibt verlässliche Indizien, dass auch die Hauptversammlung Donnerstagabend nicht im Weichspülprogramm gefahren wird. Mitglieder fordern mehr Demokratie - nicht nur in Aachen:

Beispiel 1. FC Köln: Da sorgte der Medienanwalt Stefan Müller-Römer mit einem Antrag dafür, dass das Präsidium um Wolfgang Overath nicht entlastet wurde. Aus dieser Stimmung wuchs der „FC Reloaded”, eine Initiative, um „die extrem mitgliederfeindliche, intransparente und missbrauchsanfällige Satzung” durch eine demokratischere zu ersetzen.

Beispiel Mönchengladbach: Die „Mitgliederoffensive 2007/2011” hat mit guten Erfolgsaussichten drei Anträge für eine Satzungsänderung gestellt.

Beispiel Bochum: Dort sorgte die Initiative „Wir sind VfL” mit einem „Manifest für den Neuanfang” für ein Erdbeben: Der Aufsichtsrat wurde nicht entlastet, daraufhin trat der Patron des Vereins, Werner Altegoer, zurück.

Beispiel Hamburg: Da verhinderte im Aufsichtsrat der Vertreter des „Supporter Club”, in dem 55000 Mitglieder zusammengeschlossen sind, dass der Vertrag von Klubboss Bernd Hoffmann verlängert wurde.

Beispiel Schalke: Dort wurde die Götterdämmerung von Felix Magath bei einer Mitgliederversammlung eingeläutet: Sein Vorschlag, die Grenze für zustimmungspflichtige Transfers aufzugeben, kam nicht an beim Fanvolk.

Der Unmut wächst um so stärker, um so weiter sich der Klub vom sportlichen Erfolg entfernt. Und es sind nicht die Ultras, die mit dem Verein unzufrieden sind. Es geht nicht um Eintrittspreise, bengalische Feuer, Werbepausen - die Mitglieder fordern mehr Mitsprache. „Die Protagonisten sind tendenziell mittelalt und als Ingenieure, Unternehmensberater oder Juristen überdurchschnittlich gebildet”, beschreibt das Heft „11 Freunde” gerade. Sie sind kundig, kennen sich mit Paragrafen und Satzungen aus. Neben der Sorge um den sportlichen Erfolg, interessieren sich Mitglieder plötzlich auch für wirtschaftliche Zusammenhänge in den zumeist ausgegliederten Fußballabteilungen.

Beispiel Aachen: „Wir wollen nicht mehr nur Hipphipphurra schreien, sondern sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg”, beschreibt Klaus Offergeld die neue Mündigkeit. Der Sprecher der Aachener Fan-IG spricht von einem gesellschaftlichen Phänomen: Nicht nur zusehen, sondern sich auch einmischen.

Die wachsende Bereitschaft hat auch etwas mit der neuen Medienwelt zu tun. „Die Community ist vernetzt”, sagt Axel Schaffrath. „Wir treffen uns virtuell auf vielen Plattformen. Der Informationsfluss ist viel größer geworden. So wird auch die Unzufriedenheit schneller als früher transportiert.” Der Alemannia-Anhänger spricht von einer neuen Fan-Generation. „Die Gremien können nicht mehr im stillen Kämmerlein werkeln, es gibt genügend kompetente Leute, die ihr Handeln beurteilen können.” Schaffrath würde die Satzung in Aachen gerne verändern, gleichwohl legt er Wert auf einen Unterschied zur Fan-IG, die das Projekt forciert. „Uns geht es nicht um Köpfe oder Posten. Uns geht es um Transparenz.”

Bei Alemannia treffen die Gremien die Vorauswahl der Kandidaten. Der Ältestenrat nominiert für den Verwaltungsrat, der Verwaltungsrat für das Präsidium und den Aufsichtsrat, das Präsidium für den Ältestenrat. Manch einem kommt das wie ein geschlossenes Modell vor.

Für jedes Amt wird nur ein Kandidat aufgestellt, die Mitglieder haben die Wahl, aber keine Auswahl - obwohl die taufrische Satzung dies ausdrücklich zulässt. Auch diesmal gab es ausreichend Bewerbungen, die nicht berücksichtigt wurden. Kandidaten wurden zum Beispiel für den Verwaltungsrat nicht einmal zur Vorstellung geladen.

In Aachen würden sie es vorerst gerne bei der Satzung belassen. Präsident Alfred Nachtsheim befürchtet sogar „chaotische Verhältnisse”, wenn zum Präsidenten gewählt werden kann, wer nur noch 50 Mitgliederunterschriften benötige. Seit Tagen wirbt er dafür, die Filterfunktion der Gremien beizubehalten. „Bei allem Respekt vor der Mündigkeit unserer Mitglieder: Es gibt zahlreiche Beispiele von anderen Klubs, wo so etwas schon schiefgegangen ist. Und ich bezweifle stark, dass qualifizierte Kandidaten sich zukünftig in ein solches Verfahren begeben würden.”

Und auch Manager Erik Meijer ist klar positioniert: „Ich bin 100 Prozent gegen eine Änderung. Ich will Qualität auf dem Platz und im Umfeld, sonst rutschen wir weiter den Berg runter.”

Über Jahre haben die Klubs stolz Mitglieder eingesammelt. Doch die stehen nicht mehr nur in den Kurven, sondern organisieren sich, wollen mitreden. Die Mitglieder, die ich rief, werde ich so schnell nicht mehr los. „Die Vereine haben erfolgreich um Mitglieder und Beitragszahler geworben, aber sie haben mündige Mitglieder bekommen”, sagt Klaus Offergeld, bis vor ein paar Tagen Mitglied des Verwaltungsrats.

Alemannia hat eine kniffligen Abend vor sich. „Wir entscheiden am Donnerstag über die Zukunft des Vereins”, sagt Nachtsheim. Ob ihm die Mitglieder folgen? Zuletzt protestierten sie gegen die Verhältnisse durch die Nicht-Wahl. Bei der letzten Jahreshauptversammlung fanden weder der Vorsitzende des Aufsichts- noch der des Verwaltungsrats eine Mehrheit. Donnerstag wird der Ältestenrat gewählt. Liveticker im Netz:
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