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Die Erinnerungen schweifen weit in die Fußball-Vergangenheit ab

Von: Daniel Theweleit
Letzte Aktualisierung:
Grenzenlose Enttäuschung: Mö
Grenzenlose Enttäuschung: Mönchengladbachs Marco Reus beißt fast ins Gras nach dem Pokal-Aus im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern. Foto: imago/mika

Mönchengladbach. Es war kalt geworden draußen in der Frühlingsnacht, ein fürchterliches Verkehrschaos umgab den Gladbacher Borussia-Park, aber das war eher nicht der Grund dafür, dass die Fußballer, die zuvor in einer 120-minütigen Schlacht und einem Elfmeterschießen um den Einzug ins Pokalfinale gekämpft hatten, keine Anstalten machten die Arena zu verlassen.

Niemand wollte schnell ins Bett nach diesem prächtigen Fußballspiel, vielmehr schien es, als nutzten Spieler und Funktionäre ihren ausgiebigen Plausch mit den Journalisten, um herunterzukühlen. Jedenfalls ging es um weit mehr, als um diese eine Partie. Es wurde über ein Elfmeterschießen von 1984 diskutiert, ja Zusammenhänge zum EM-Finale 1976 wurden gesponnen.

In den beiden Duellen in der Bundesliga hatte Manuel Neuer mit ziemlich spektakulären Fehlern Gladbacher Siege ermöglicht, und damit entscheidend zum Rückstand auf Borussia Dortmund in der Bundesliga beigetragen. Nun war der Torhüter endlich einmal auch als Münchner zum Helden des Abends geworden. Mit 4:2 nach Elfmeterschießen besiegte der Rekordmeister die Überraschungsmannschaft vom Niederrhein, und Neuer hatte brillant gehalten.

„Mich freut es für den Manu, dass er seinen Gladbach-Fluch eindrucksvoll abgelegt hat”, meinte Thomas Müller. Die Fans, von denen ein widerborstiger Kern den ehemaligen Schalker immer noch ablehnt, feierten ihren Torhüter in der Kurve. „Das war ein wichtiges Signal, ich hoffe, er ist endgültig angekommen”, sagte Präsident Uli Hoeneß.

Neuer hatte durch und durch souverän gespielt und mit einer teuflischen Tat sieben Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit eine weitere Niederlage verhindert. Im Elfmeterschießen hatte er dann auch noch den Schuss von Harvard Nordtveit abgewehrt, die Hauptfigur dieser finalen Minuten von Mönchengladbach war aber ein anderer: der Innenverteidiger Dante. „Um mich herum haben alle von Lothar Matthäus gesprochen, als der Brasilianer zum Elfmeter antrat”, berichtete Hoeneß.

Matthäus hatte 1984 in seinem letzten Spiel für Borussia Mönchengladbach einen Elfmeter im Pokalfinale gegen die Bayern vergeben. Damals stand bereits fest, dass er nach München wechseln werde, nun gilt es als ziemlich sicher, dass Dante an die Isar geht. Und er drosch den Ball in frappierend ähnlicher Art und Weise über das Tor wie seinerzeit Matthäus. „Ich hätte ihn nicht schießen lassen, weil er besonders unter Druck stand wegen den Diskussionen”, sagte Hoeneß, während Dante ein paar Meter weiter stand und einmal nicht lächelte. „Heute bin ich ganz enttäuscht, ich habe keine Worte mehr”, sagte er, Elfmeterschießen sei eben immer „eine Frage des Glücks, mehr nicht”.

Diese Meinung teilt Hoeneß nicht, er hat andere Erfahrungen gemacht. Der einstige Stürmer kramte seine Erinnerungen an 1976 hervor, als er im Europameisterschaftsfinale den entscheidenden Versuch in den Himmel von Belgrad befördert hatte, um diesen Sieg zu erklären.

Die Borussia war schon während der Verlängerung mit ihren Kräften am Ende, müde gespielt von den erschöpfenden Ballzirkulationen der Bayern. „Die waren stehend K.o., einige hatten Krämpfe”, hatte Hoeneß beobachtet, und dieses Gefühl kennt er. „Damals in Belgrad war ich auch völlig kaputt, da willst du den Ball nur irgendwie ins Tor bringen. Du hast eigentlich nicht mehr den Nerv, das Spiel mit dem Torhüter auszuspielen. Und so haben sie dann auch geschossen.”

Lange Ballstafetten

Die langen Ballstafetten der Bayern werden ja oft kritisiert, wenn sie nicht zu Toren führen, an diesem Abend entwickelten sie einen kostbaren Effekt. Nicht zuletzt aufgrund der Münchner Überlegenheit in der Verlängerung hatte dieses sehenswerte Fußballspiel am Ende einen verdienten Sieger gefunden. „Wir haben gegen einen übermächtigen Gegner alles in die Waagschale geworfen, was wir in die Waagschale werfen konnten”, sagte Gladbachs Marco Reus, dem die Enttäuschung deutlich anzumerken war. Trainer Lucien Favre hingegen fand diese Niederlage nur halb so schlimm, „es war ein wichtiges Spiel, aber Samstag ist wichtiger für mich”, behauptete er, und brach mit diesen Worten ein Mönchengladbacher Tabu.

Der Subtext dieses Satzes enthält nämlich eine Aussage, die die Gladbacher zuletzt krampfhaft umschifft haben: „Wir wollen in die Champions League!” Die Qualifikation für die Europa League hätten die Gladbacher mit dem Einzug ins Pokalfinale sichern können, wenn Hoffenheim noch bedeutsamer ist, dann kann das nur heißen: Das wahre Gladbacher Saisonziel lautet längst Königsklasse.

Und dort, in den Stadien von London, Mailand oder Madrid, ist es mindestens genauso schön wie in Berlin.

Fast zwölf Millionen Zuschauer beim Pokal-Krimi

Vom Einzug Borussia Dortmunds und Bayern Münchens ins DFB-Pokal-Endspiel können auch der Tabellenfünfte und -siebte der Bundesliga profitieren. Der siebte Rang berechtigt zur Teilnahme an der Europa League, wenn sich beide Pokalfinalisten über den Ligabetrieb für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert haben. Zudem wäre der Fünfte direkt für die Gruppenphase der Europa League gesetzt.

Durchschnittlich 9,93 Millionen Sportinteressierte verfolgten den Pokalkrimi zwischen Borussia Mönchengladbach und FC Bayern München im Ersten. Das entspricht einem Marktanteil von 32,8 Prozent. Bis zu 11,87 Millionen Zuschauer erlebten am Bildschirm mit, wie sich die Münchner durch die besseren Elfmeterschützen und die Reaktionen von Bayern-Keeper Manuel Neuer für das Finale in Berlin qualifizierten.

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