Chancentod statt Held: Reus vor erstem Länderspiel

Von: Sebastian Stiekel, dpa
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Marco Reus und Borussia Mönchengladbach - das passt gut zusammen. Das Überraschungsteam und sein Star sind hoch veranlagt, aber noch nicht ausgereift, beim 0:1 in Freiburg vergab vor allem Reus mehrere gute Chancen. Trotzdem steht er jetzt endlich vor dem ersten Länderspiel. Foto: dapd

Freiburg. Marco Reus muss sich vorgekommen sein wie ein Popstar, als er von der Kabine zum Mannschaftsbus schlich. „Marco, Marco”, kreischten einige Fans von Borussia Mönchengladbach, die ihren Frust über die völlig unnötige 0:1 (0:1)-Niederlage beim SC Freiburg nicht gerade am nächsten Bierstand herunterspülten.

Reus selbst war nicht nach Geschrei zumute, dafür ärgerte ihn sein eigener Anteil am vorläufigen Ende des Gladbacher Höhenflugs viel zu sehr. „Wir hätten unsere Chancen besser nutzen müssen - ich natürlich auch. Wenn wir das 1:1 machen, gewinnen wir noch”, haderte der 22-Jährige, der von einem halben Dutzend guter Borussen-Chancen die beiden mit Abstand dicksten vergeben hatte (48./90.+2). „Andererseits ist es nicht so, dass wir jeden Gegner in Grund und Boden spielen können. Wir müssen mit Rückschlägen rechnen. Wir sind auch nach der Niederlage gegen Schalke zurückgekommen.”

Was sein Standing in Gladbach angeht, ist es im Grunde aber völlig egal, ob er ein Spiel fast allein entscheidet oder daraus viel mehr hätte machen können, ob die Borussia gegen den Abstieg spielt wie in der vergangenen Saison oder immer noch auf einem Champions-League- Platz steht wie zurzeit. Reus ist immer der Publikumsliebling bei seinem Club und fast immer auch der auffälligste Spieler.

Und wenn nicht schon wieder etwas schiefgeht, wird er in dieser Woche auch noch die Tradition eines Berti Vogts oder Rainer Bonhof fortsetzen und der nächste deutsche Nationalspieler dieser ewigen Talentschmiede vom Niederrhein werden. „Ich freue mich natürlich”, sagte der Dribbelkünstler über seine Einladung zu den Länderspielen gegen die Türkei und Belgien. Und fügte den in seinem Fall nicht ganz unerheblichen Satz hinzu: „Alles ist okay.” Reus reist nicht zum ersten Mal zur Nationalmannschaft - aber gleich viermal musste er danach verletzt wieder nach Hause fahren. „Es ist egal, wann ich mein Debüt feiere. Hauptsache ich feiere es überhaupt”, meinte er.

Bundestrainer Joachim Löw hat den Flügelflitzer am Samstag noch einmal beobachtet und sah über dessen Chancenwucher genauso milde hinweg wie Gladbachs Coach Lucien Favre. „Marco hat bei seinen Schussversuchen einfach kein Glück gehabt. Aber er sucht immer den Abschluss, ist trickreich und kann eine Abwehr ganz allein beschäftigen”, sagte Löw der „Bild am Sonntag”. Bei Favre klang das ähnlich: „Marco hat von allen am meisten Torchancen provoziert. Das ist schon gut. Er kann den Unterschied machen”, meinte der Schweizer.

So verhält es sich mit Reus im Kleinen ähnlich wie mit dem Gladbacher Team in seiner Gänze: Er ist hoch veranlagt, aber noch nicht ausgereift. Trotz aller Chancen tat die Überraschungsmannschaft dieser Saison in Freiburg zu wenig, um den vierten Sieg in Serie zu erzwingen. Zu allem Überfluss fälschte Thorben Marx den Schuss von Johannes Flum in der 19. Minute auch noch unhaltbar zum 0:1 ab.

„Ich muss klar sagen: Wir spielen mehr als das Maximum in dieser Saison”, so Favre. „Das Wunder hat schon stattgefunden. Wir haben im Mai erst in der Relegation den Klassenerhalt geschafft. Da können wir jetzt nicht mit der gleichen Mannschaft ganz, ganz oben mitspielen.”

Für mindestens ein Tor in Freiburg sollte es eigentlich trotzdem reichen mit einem Reus oder de Camargo im Sturm. Der SC hatte zuvor dreimal verloren und dabei 13 Gegentreffer kassiert. „Endlich hatten wir auch mal das nötige Glück. Und endlich hat sich die Mannschaft auch mal belohnt”, meinte Trainer Marcus Sorg. Es war nicht das beste Freiburger Spiel dieser Saison. Aber das am meisten umjubelte.
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