Borussia und die geklaute Null

Von: Bernd Schneiders
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Fallrückzieher „in” den Mann: Diego trifft Tobias Levels an der Brust, Schiedsrichter Christian Dingert lässt das Spiel weiterlaufen und ermöglicht so Thomas Kahlenberg das 1:0. Foto: imago/team2

Mönchengladbach. Die eigentliche Sensation fand statt, weil etwas nicht stattfand: Da nimmt sich Logan Bailly die größte Krise seiner bisherigen Torhüter-Karriere - und ausgerechnet gegen die Offensiv-Übergrößen Dzeko, Grafite und Diego spielt dies überhaupt keine Rolle.

Beim 1:1 von Borussia Mönchengladbach gegen den VfL Wolfsburg stand der belgische Schlussmann nicht einmal ernsthaft im Brennpunkt. Zwei Schüsse auf Baillys Tor listet die Statistik auf. Und diese Prüfungen der Gäste reichten nicht einmal, um den Nationalkeeper als Wackelkandidaten zu entblößen.

Die zweite Sensation fand ebenfalls nicht statt. Die vermeintliche Schießbude der Ersten Liga spielte zum ersten Mal zu null! Das wirkt im ersten Moment bei einem 1:1 recht ungewöhnlich. Doch Christian Dingert machte den Widerspruch möglich. Der 30-Jährige ahndete in seinem zweiten Erstliga-Spiel ein misslungenes Kunststückchen von VfL-Spielmacher Diego an Tobias Levels nicht, Thomas Kahlenberg durfte als Nutznießer den Ball unbedrängt in den Winkel knallen (27.).

Levels mochte das versuchte Kunststück des Brasilianers nicht goutieren. Denn der „Solltesein”-Leckerbissen steht bereits als „Fallrückzieher am Mann” auf der Giftliste des DFB. Erst recht in der verschärften Version. „Diego macht den Fallrückzieher in mir drin”, schimpfte der Gladbacher Verteidiger.

Zurückzuliegen nach all den Rückschlägen sportlicher Art gegen eine Mannschaft wie Wolfsburg zählt nicht gerade zu den Traum-Szenarien eines Bundesliga-Trainers. Und so mochte Michael Frontzeck diesen bitteren Happen nicht auch noch unkommentiert schlucken. „Das war ein Foul - da gibt es keine zwei Meinungen.” Und da seine Mannschaft in den Spielen zuvor (reguläres Tor gegen Frankfurt annulliert, Platzverweis für Idrissou gegen St. Pauli, ohne dass dieser etwa gemacht hatte, vier Spiele Sperre für ein Foul von Brouwers auf Schalke) schon einiges an Fehlentscheidungen hinnehmen musste, platzte dem eigentlich besonnenen Frontzeck die Hutschnur.

„Ich weiß nicht, was wir verbrochen haben, oder ob für uns andere Regeln gelten?” Die Aufholjagd gegen diese Ungerechtigkeiten erschien ihm schwieriger als die Entwicklung raus aus der Krise, die ihre spektakulären Spitzen in den Klatschen gegen Frankfurt und in Stuttgart hatte.

„Das war aus meiner Sicht unser bestes Saisonspiel”, urteilte er. In Sachen Schiedsrichter-Verfehlungen aber wird aus Michael Frontzeck beinah ein Michael Kohlhaas. „Ich bin inzwischen davon abgerückt, dass ich sage, das gleicht sich in der Saison aus.” Seine Mannschaft aber ist trotz der geklauten Null auf dem besten, weil legalen Weg als Selbsthelfer.

Im Borussen-Park stießen zwei Gegenentwürfe aufeinander. Die mit Stars gespickte Mannschaft verließ sich ausschließlich auf ihre individuelle Qualität und verdiente diese Bezeichnung eigentlich nicht. Borussia aber setzte Frontzecks Vorgabe, die eben mehr als nur eine der üblichen Trainer-Sprachhülsen ist, vorbildlich um.

Die geforderte Gemeinsamkeit gegen die Wolfsburger Schreckensspieler war auch für den Fußball-Laien erkennbar: Hatte Dzeko etwa Levels vernascht, war sofort Bamba Anderson und falls nötig Filip Daems da. Die Erfolgsmelodie dieses Nachmittags hieß: „Du bist nicht allein!”

Womöglich eine bittere Erkenntnis für Roel Brouwers. Der rotgesperrte Innenverteidiger dürfte es schwer haben, in die Viererkette zurückzukehren. Denn „Ersatz” Anderson überzeugte erneut mit seiner geistigen und körperlichen Schnelligkeit.

Die neue Kette funkelte, und auch Arango, der vom Fußballerischen her bestens in die Star-Elf der Wolfsburger passen würde, scheint die Lehren der letzten Wochen verstanden zu haben: Der Offensiv-Extremist eroberte in der eigenen Hälfte gleich vier Mal (!) den Ball. „Wir haben als Mannschaft funktioniert”, sagte Thorben Marx lakonisch.

Der Mittelfeldspieler redet so unprätentiös wie er spielt. Seinen mehr als verdienten Ausgleich zum 1:1 schilderte der gebürtige Berliner recht unheroisch. „Die Flanke (Anmerkung der Redaktion: von Arango) ist mir auf den Kopf gefallen. Ich konnte nichts falsch machen.”

Das perfekte Spiel gibt es nicht, und natürlich hat Borussia trotz bester Saisonleistung einiges falsch gemacht - auch wenn verständlicherweise Frontzeck das nicht thematisieren wollte und aus psychologischer Sicht nicht durfte: Bei 42 Flanken, 26 Torschüssen, acht davon aufs Tor und den daraus resultierenden Torchancen stellt sich die Frage nach der Effektivität.

Der Aufwand war hoch, der Ertrag gering. „Ein Punkt ist zu wenig”, fand auch Marx. Doch auch in dieser Disziplin, die bei Beherrschung verhindern kann, sich über den Null-Dieb Dingert übermäßig aufzuregen, gibt es einen Hoffnungsschimmer: Igor de Camargo gab ein verheißungsvolles Debüt in den letzten acht Minuten.

Glück im Unglück für Patrick Herrmann

Patrick Herrmann musste nach einer Grätsche gegen Edin Dzeko verletzt vom Platz getragen (37.) und ins Krankenhaus gebracht werden. Die Röntgenuntersuchung ergab eine schwere Unterschenkelprellung sowie eine Muskelquetschung im rechten Bein.

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