Ballack auf zwei Abstellgleisen: DFB und Bayer brauchen ihn nicht

Von: Gregor Derichs und Stefan Tabeling, dapd
Letzte Aktualisierung:
ballack
Auf zwei Abstellgleisen: Der DFB und Bayer Leverkusen sind nicht mehr auf Michael Ballack angewiesen. Foto: dapd

Stuttgart. Mit nur sechs anderen Feldspielern arbeitete Michael Ballack am Montag auf dem Trainingsplatz hinter dem Leverkusener Stadion. Nichts anmerken ließ sich der 34-Jährige, der diese Situation, mit dem Rest eines Teams zu trainieren, kaum kennt. In einer Länderspielwoche war er über zwölf Jahre in der Regel unterwegs.

Mit Reservisten und aufstrebenden Junioren zu arbeiten, hat der 98-malige Nationalspieler praktisch nie kennengelernt.

Aber bei Bayer Leverkusen, dem nach dem Pokal-Aus in Dresden mit 0:2 in Mainz auch den Bundesliga-Start am Sonntag missriet, ist für Michael Ballack in diesen Tagen alles anders. Nicht nur bei der deutschen Nationalmannschaft ist der Sachse ins Aus gelaufen, auch bei der Werkself spielt er nicht mehr mit. Einen Abgesang auf seine große Karriere stimmte am Sonntag Franz Beckenbauer an. Die Einschätzung des früheren DFB-Teamchefs, der dem ehemaligen Bayern-Spieler Ballack jahrelang gesonnen war, klang fast wie eine Grabrede.

Beckenbauer: „Spielstil nicht mehr zeitgemäß”

Ballack habe ein „würdiges Ende” verdient, erklärte Beckenbauer. Sein Spielstil sei nicht mehr zeitgemäß, befand der „Kaiser”. Exakt das hat Bundestrainer Joachim Löw bereits im Juni entschieden, als er Ballack nach langem Zögern die Zukunft in der Nationalmannschaft nahm. Diese bereitete sich am Montag in Stuttgart auf den Länderspiel-Klassiker gegen Rekordweltmeister Brasilien vor. Ballack, der zum Zeitpunkt der Mannschaftssitzung in Leverkusen trainierte, hätte dabei sein können.

Löw war bereit, ihm am Mittwoch im Mercedes-Benz-Stadion angemessen zu verabschieden. Doch der Mittelfeldspieler lehnte das Angebot mit harschen Worten ab, er bezichtigte Löw sogar, die Unwahrheit zu verbreiten und sich nicht an im März getroffene Absprachen zu halten. Bis zu dieser Entscheidung, die Abschiedsofferte zurückzuweisen, war er offiziell Kapitän der DFB-Auswahl. Nun steht er auf dem Abstellgleis, beim DFB von Löw ausrangiert, in Leverkusen vom neuen Bayer-Trainer Robin Dutt.

Auch in Leverkusen auf dem Abstellgleis

„Leistung ist der eine Parameter. Da genießt kein Spieler eine Ausnahmestellung”, sagte Dutt in der vorigen Woche in einem dapd-Interview. Im Klartext bedeutet dies, dass der baden-württembergische Landsmann von Löw auch erkannt hat, dass Ballack keinen Stammplatz mehr verdient hat, zumindest aktuell. Beim 3:4 bei der Pokal-Blamage in Dresden kam Ballack nach einer Stunde als Einwechselspieler in die Partie. Die 3:0-Führung ging verloren, die einst häufig gezeigte Fähigkeit, eine in Schwierigkeiten geratene Mannschaft zu führen, entwickelte er nicht.

„Er hatte eine Teilschuld wie die anderen auf dem Platz auch”, sagte Dutt und ließ Ballack am Sonntag in Mainz 90 Minuten auf der Ersatzbank sitzen, wie es auch sein Vorgänger Jupp Heynckes seit dem Frühjahr häufiger praktiziert hatte.

Ausnahmestellung und Sonderrechte für den Ex-Star

Gewisse Sonderrechte erhält der einst größte Star des deutschen Fußballs bei Dutt durchaus. „Was seine Person, seine Vita betrifft, genießt er selbstverständlich eine Ausnahmestellung. Es ist klar, dass ich mich mit seiner öffentlichen Position mehr auseinandersetzen muss”, sagte Dutt.

Der aus Freiburg an den Rhein gekommene Coach kennt die Problematik. Ballack ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht irgendwer. Darauf reagiert Dutt, indem er sich Fragen nach Ballack nicht entzieht. Bei Bayer haben sie das Szenario x-mal durchgespielt, wie atmosphärische Störungen entgegenzutreten sind, wenn seine Degradierung zur Aushilfskraft wieder mehr Schlagzeilen verursacht als die sportlichen Erfolge.

Glücklich sind die Leverkusener mit Ballack nie geworden, seitdem er nach der WM 2010 vom FC Chelsea zu Bayer zurückkehrte. „Status quo ist, dass es mit ihm bis heute keine Probleme gab”, sagte Dutt vorige Woche. Mit jeder Nichtberücksichtigung aber wächst sicherlich die Gefahr, dass Ballack der Kragen platzen könnte. Wie hart er zur Sache gehen kann, weiß Löw.

Dutt: „Michael ist 34 Jahre alt und keine 18”

Dutt sprach völlig offen an, dass Ballack nicht mehr die Fitness besitzt, um Anspruch auf einen Stammplatz zu erheben. „Er ist fit, aber natürlich nicht wie jeder andere Spieler. Michael ist 34 Jahre alt und keine 18”, erklärte der Bayer-Trainer. Dass Ballack wegen seines Alters und nicht wegen des Nachholbedarfs nach den Verletzungen nicht die Idealwerte besitzt, hat sich vorher noch keiner getraut zu sagen. „Seine persönlichen Leistungsfaktoren sind alle auf einem guten Niveau. Er ist verletzungsfrei, kann das komplette Trainingsprogramm mitmachen. Seine Ausdauerfaktoren sind für seinen Bereich top”, fügte Dutt an.

Ausdauer gut, aber die Schnelligkeit lässt zu wünschen übrig. Und sie ist die entscheidende Größe im modernen Fußball. Dass er ein großer Kämpfer ist oder zumindest war, darf er wohl nur selten zeigen. In Leverkusen werden die ersten Vermutungen laut, dass Ballack vor dem Ende der Saison das Weite suchen könnte - vielleicht in irgendein arabisches Fußball-Rentnerparadies.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert