Radarfallen Blitzen Freisteller

Aufholjagd mit viel Phantasie und Treue?

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
gladfo20
Wie´s drinnen aussieht, geht keinen was an. Doch auch beim Versuch, seine Tränen zu verbergen, wird Mönchengladbachs Roman Neustädter nicht siegreich sein. Foto: imago/Sven Simon

Mönchengladbach. Nur phantasiebegabte Menschen können noch an die Rettung von Borussia Mönchengladbach glauben. Am Freitag haben sie die letzte Patrone verschossen und mit dem 1:2 gegen den Hamburger SV erneut das Ziel - diesmal - nicht weit, aber eindeutig verfehlt.

Zehn Punkte aus 17 Spielen, 47 Gegentore: Das reicht normalerweise noch nicht aus, lediglich den Relegationsplatz als Traumziel auszurufen.

Normalerweise. Doch diese Saison ist nicht normal, was der Blick auf die Tabelle belegt. Ein Tableau des Schreckens für den Tabellenletzten: Von den fünf gefährdeten Mannschaften davor tragen drei die Namen VfB Stuttgart, Werder Bremen und VfL Wolfsburg. Mag diese Spielzeit auch noch so anormal sein: Dieses Trio wird sich bald aus diesen Gefilden verabschieden. Zu groß ist die personelle Qualität. Was bleibt sind der FC St. Pauli und der 1. FC Köln. Alle anderen erwarteten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt wie Freiburg, Hannover, Nürnberg oder Mainz rangieren mit vollgefressenen Punkte-Wänsten in gesicherten bis komfortablen Zonen.

Traumziel Relegationsplatz

Traumziel Platz 16: Auch der ist bereits fünf Punkte entfernt. Die Konsequenz: Soll aus diesem Strohhalm ein Rettungsring werden, bleibt nach dem Rückrunden-Start beim 1. FC Nürnberg keine Zeit mehr für Prozesse oder Entwicklungen, der Schalter muss in der Winterpause umgelegt werden. Nach dem 18. Spieltag zu sagen, unsere Rückkehrer Dante und Roel Brouwers sind noch nicht bei 100 Prozent nach ihren Verletzungen und die zwei bis drei Neuen noch nicht integriert, verbietet sich.

Die Borussen-Verantwortlichen haben sich bereits entschieden, dass sie am ehesten Michael Frontzeck zutrauen, diese Umschalt-Qualitäten zu besitzen. Eine Garantie dafür besitzen sie nicht. Zumindest Zweifel müssen erlaubt sein. Denn die Mannschaft ist in dieser Hinrunde eine Verlierermannschaft geworden. Frontzeck ist ein Teil von ihr. Ob er, der stets so vehement seine Spieler schützt und für viele Fehlleistungen noch Verständnis aufbringt, in den nur zwei Wochen der Vorbereitung den mentalen Zugriff auf seine Profis bekommt, ist zumindest fraglich. In solchen Momenten ist Autorität ein Vorteil, um fehlende Leistungsprozente aus derangierten Profi-Hirnen rauszukratzen.

Beispiele Bayern und Schalke

Treue ist ein etwas altmodischer Begriff für Kontinuität, die bei der Borussia seit geraumer Zeit Eingang in die Vereinsphilosophie und -Wirklichkeit gefunden hat. Frontzeck verkörpert diese Tugend (Beispiel: das lange Festhalten an Torhüter Logan Bailly) und wird nun von ihr geschützt. Die Grenze zu bestimmen, wo diese Treue nur noch Selbstzweck ist, ist schwierig. Ist Treue endlich? Bis dass der Erstliga-Tod euch scheidet? Es gibt aktuelle Beispiele mit Schalke und Bayern München, die diese Grenze ausgedehnt haben - mit Erfolg. Und auch Michael Frontzeck kann für sich in Anspruch nehmen, dass er diese Mannschaft am besten kennt.

Es ist eine Abwägung zwischen der Schockwelle, die sehr häufig ein neuer Trainer ad hoc auslösen kann, und den Detailkenntnissen des Teams und des Klubs. Borussia hat sich für Frontzeck entschieden, auch weil das Anheuern eines sogenannten Feuerwehrmanns dem Vereinsdenken entgegenlaufen würde. Was macht man mit ihm, wenn der Verzweiflungsakt gelungen ist? Legitimiert der Wunsch nach dem nackten Überleben das Aus aller programmatischen Ziele?

Sportdirektor Max Eberl betont die Zusammenarbeit und die gemeinsame Verantwortung für die Malaise. Einen, nämlich Frontzeck, deshalb zu opfern, sei ihm zu einfach. Diese Gemeinsamkeit aber muss auch in der überfälligen Fehleranalyse vollzogen werden. Wenn nach dem 1:2 gegen den HSV wieder auf vermeintlich positive Aspekte in der ersten Halbzeit hingewiesen wird, bleiben Zweifel an der Fähigkeit auch zu schmerzhaften und selbstkritischen Analysen. Diese Art der Verklärung ist ein treuer, aber gefährlicher Begleiter der vergangenen Spieltage. Hamburgs Vorstellung vor der Pause war eine Frechheit, als sie ernsthaft begannen, Fußball zu spielen, war´s mit der vermeintlichen Gladbacher Herrlichkeit vorbei. Die Sportliche Leitung des Klubs sieht das Problem in der Verletzungsmisere, damit in der mangelnden Qualität. Eine gefährliche Reduzierung: In den ersten vier Liga-Spielen kassierte Borussia in defensiver Bestbesetzung 15 Gegentreffer. Reiner Zufall?

Ist die Mannschaft wirklich gut zusammengestellt? Wenn ja, warum ist sie nicht in der Lage - unter zugegebener Maßen erschwerten Bedingungen - 90 Minuten aggressiv gegen den Ball zu arbeiten, den Gegenspielern auf den Füßen zu stehen, den Gegner mit Manndeckung zu nerven und wehzutun?

„Reaktionäre” Spielweise

Gladbach ist zu einer durch und durch „reaktionären” Mannschaft entwickelt worden, abhängig vom Auftreten des Gegners. Fatal, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht und jeden Punkt braucht. Dabei kann auch eine auf Defensiv-Arbeit ausgerichtete Vorgehensweise aktiv umgesetzt werden. Speziell in einem Heimspiel. Zwei Wochen bleiben Zeit, um die Denk- und Laufweise der Spieler umzukrempeln, die Neuen gewinnbringend einzugliedern und die Ex-Verletzten möglichst nahe an 100 Prozent ihres Leistungsvermögens heranzubringen.

26 Punkte sind eine Marke, die die Halbzeit-Tabelle zur Rettung setzt. Versagt da auch die Phantasie?
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert