Alemannias Immunsystem funktioniert wieder

Von: Christoph Pauli
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Gruppenbild mit Schiedsrichter
Gruppenbild mit Schiedsrichter: Christian Fischer muss von Ordnern und Aachens Manager Erik Meijer vor aufgebrachten Alemannia-Spielern geschützt werden. Foto: Schönberger

Ingolstadt. Das Team kassierte eine Überdosis an Rückschlägen: Eigentor, umstrittener Elfmeter, Ausgleich in letzter Sekunde. Tabellarisch hat sich Alemannias Lage weiter verschlechtert, inhaltlich aber erstmals seit vielen Monden verbessert.

Niemand kann sagen, ob an diesem Spieltag der finale Knackpunkt oder der überfällige Wendepunkt stattfand. Das Drehbuch für dieses 3:3 in Ingolstadt war jedenfalls hoffnungslos überladen. Es gab so viele Geschichten zu erzählen an diesem österlichen Sonntag. Zum Beispiel die erfolgreiche Geschichte von Ralf Aussem. Aachens neuer Trainer hatte während der 90 Minuten so entspannt gewirkt wie ein Übungsleiter, der weit über 1000 Bundesliga-Partien als Spieler und Trainer bereits mitgemacht hat. Er hatte die Mannschaft ziemlich radikal und mutig reformiert und war bestätigt worden.

Gelungene Schachzüge

Sein Plan: „Schnell umschalten und schnell in die Räume kommen.” Dafür bedurfte es schneller Spieler. Ergo purzelten Kapitän und Co-Kapitän, Benny Auer und Bas Sibum, aus der Startformation. Albert Streit übernahm die Organisation vor der Abwehr, und im Angriff durfte erstmals in dieser Saison Marco Stiepermann ran. Viele Schachzüge des Trainers gingen auf. Erstmals seit Monaten wirkte das Team, als funktioniere das Immunsystem wieder.

So könnte man die schöne Geschichte von Marco Stiepermann erzählen, einem Stürmer, den sein Ex-Trainer in die 5. Liga verbannt hatte. Seit dem Sommer bekämpfte er die Torlosigkeit, die ihm wie die schwarze Beulenpest erschienen ist. Die Monate der Torlosigkeit endeten, als der Dortmunder Leih-Spieler einen neuen Trainer traf, der ihm umgehend das Vertrauen aussprach. Stiepermann gelang in Ingolstadt das Spiel seiner jungen Karriere.

Nach 13 Minuten hatte ihm Ingolstadts Marvin Matip den Ball einfach geschenkt. Stiepermann umkurvte noch Keeper Ramazan Özcan, und dann führte der Tabellenletzte mit 1:0 und fasste endlich wieder Mut.

Plötzlich hatte das Aachener Spiel über die schnellen Angreifer Tiefe, die erste Führung nach Monaten brachte das Leben zurück. Eine Prise Glück kam dazu, als ein Treffer des starken Manuel Schäfflers nach 35 Minuten von Schiedsrichter Christian Fischer wegen einer Behinderung von Keeper Waterman aberkannt wurde. Der Ausgleich fiel dann doch, und er fiel auf unglaubliche Art. Ingolstadts Leitl gab einen herausgeschundenen Freistoß vors Tor, Stiepermann flog heran und verlängerte mit der Schulter ins eigene Tor. Der Doppel-Torschütze reklamierte ein Foul, in Wahrheit war er über ein Bein von Teamkamerad Casper gestolpert (42.).

Das skurrile 1:1 brachte den Gast nicht aus dem Gleichgewicht, und mit der letzten Aktion der ersten Halbzeit gingen die Gäste wieder in Führung. Olajengbesi setzte sich nach einer Uludag-Ecke robust gegen Biliskov durch und köpfte das 2:1. Es kam noch besser, denn Stiepermann düpierte die gesamte Ingolstädter Abwehr und erzielte mit einem Rechtsschuss das 3:1 (53.). „Ich habe einen Trainer, der mit vertraut”, begründete der „Mann des Spieltags” seinen fulminanten Auftritt. „Wir haben heute eine Mannschaft gesehen, in der jeder 100 Prozent abruft.” In der Tat wirkte das Team so vitalisiert, dass plötzlich neue Fragen zu den letzten Wochen aufziehen.

Stiepermann verließ entkräftet das Spielfeld, es folgte noch die unschöne Geschichte um Christian Fischer, die alles überlagerte. Der Schiedsrichter hatte nachhaltig in dieser 75. Minute das Drehbuch mitgestaltet. Ingolstadt spielte einen Angriff aus, obwohl Aachens Hadouir mit Krämpfen am Boden lag, auch Fischer hielt die Partie nicht an. Das fehlende Fairplay machte sich bezahlt. Olajengesi rettete in letzter Sekunde mit einer wagemutigen, aber fairen Grätsche gegen Schäffler, doch der Spielleiter hatte eine andere Interpretation. Elfmeter, fünfte Gelbe Karte gegen Olajengbesi. „Wir haben das Spiel bis dahin unter Kontrolle, bis der Schiedsrichter sich aufmacht, diese Partie zu entscheiden. Das ist nur bitter”, blickte der starke Albert Streit zurück.

Ingolstadts Kapitän Leitl interessierten solche Klagen nicht, er verkürzte zum 2:3 (77.). Diese Szene hätte deutlich an Wichtigkeit verlieren können, wenn Alper Uludag nach einem feinen Solo präziser in den Fünfmeterraum auf den eingewechselten Radu gepasst hätte. So flog eine letzte Flanke in den Aachener Strafraum, Olajenbesi verlor sein einziges Kopfballduell, Schäffler schaffte das 3:3 (90.).

Zusatzbericht ohne Spielernamen

Die Belohnung für die Aachener blieb aus, auch weil Radu Sekunden vor dem finalen Pfiff nur das Außennetz traf. Dieses 3:3 fühlte sich wie eine Niederlage an, die Schuld suchte die Aachener Delegation beim schnaubenden Spielleiter. Nur mit Mühe konnten Alemannias Keeper Boy Waterman und sein Trainer Hans Spillmann am Spielende davon abgehalten werden, ihm sehr nahe zu kommen. Spillmann und auch Manager Erik Meijer tauchten namentlich im Zusatzbericht von Fischer auf.

Die Mannschaft fühlte sich verraten, sie trat auch nach Spiel-ende wie eine Einheit, wie ein Rudel auf. „Jetzt stehst du hier und fühlst dich verarscht”, fasste der aufgebrachte Meijer den Spieltag zusammen. Die Schmerzen waren zurückgekehrt, aber der Patient wirkte deutlich munterer als in den letzten Monaten.

Erik Meijer von der Trainerbank wieder auf die Tribüne verbannt

Beim letzten Heimspiel fiel der Tribünenbesucher Erik Meijer auf, als er wütend gegen die Plexiglasumrandung der Dresdner Ersatzbank trommelte. Aachens Manager war mit dem Verhalten der Dynamo-Delegation nicht einverstanden. Bis zum Ende der Saison wird der Limburger, der diese Woche wieder mit seinem Team trainierte, selbst neben seinem neuen Trainer auf der Ersatzbank sitzen. Wohlgemerkt nicht als Spieler.

In Ingolstadt kam dann aber wieder der Ex-Profi deutlich zum Vorschein - zumindest aus Sicht des Schiedsrichters. Der schickte Meijer gleich wieder auf die Tribüne, weil er beim nachvollziehbaren Reklamieren die Coaching-Zone verlassen hatte. Am Spielende eilte der sportlich Verantwortliche dann wieder runter auf den Platz und suchte das Gespräch mit Christian Fischer. „Ich wollte ihm die Hand geben, er hat den Handschlag verweigert”, stellte Meijer fest.
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