Alemannia: Nachdenken über den Sportlichen Leiter

Von: Christoph Pauli
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Wehrt sich gegen den Abstieg mit allen Kräften: Alemannias umstrittener Manager Erik Meijer. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Verabschiedungen sind nicht geplant bei Alemannias letztem Heimspiel am Sonntag. Dabei könnte im Ernstfall gleich eine komplette Mannschaft Erinnerungsmappen erhalten. Die Kabine wäre geräumt bei einem Aachener Abstieg.

Es ist das Ergebnis einer unglaublichen Fehlplanung: Niemand besitzt in diesem Klub einen Vertrag für die Liga 3, die längst ihre kalte Hand nach Aachen ausstreckt.

Rechts und links plant die Konkurrenz für die nächste Saison, nur der Klub, der vor dem größten Scherbenhaufen der Vereinsgeschichte steht, hat sich noch nicht entschieden, wer diesen zusammenkehrt. Dabei konnte sich Alemannia seit Monaten mit dem Szenario beschäftigen, der drohende Abstieg ist nicht über Nacht in den Verein eingefallen wie ein Einbrecher.

„Wir liegen zeitlich nicht gut im Rennen”, räumt auch Klub-Boss Meino Heyen ein. Das ist geschmeichelt, denn der Verein hat sich weder festgelegt, wer Trainer noch Manager in der kommenden Spielzeit ist - unabhängig von der Ligazugehörigkeit. Der Klub steht still. Die zweite Mannschaft dürfte nicht aufsteigen, in der Jugendabteilung würden Talenten Perspektiven fehlen. Größer kann der Untergang kaum sein. „Wir müssen uns im Bereich des Sports neu strukturieren”, kündigt Heyen an.

Lösung oder Teil des Problems?

Der Aufsichtsrat ist honorig besetzt, aber die Männer bewegen sich in einer Branche, in der sie nicht zu Hause sind. Natürlich denken sie auch in den Gremien darüber nach, ob Erik Meijer noch die richtige Besetzung ist. Ist er Lösung oder Teil des Problems? Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Eine Beschäftigungs-Garantie für den ehemaligen Publikumsliebling will aber auch Heyen nicht geben.

Meijers Auftritte in den letzten Monaten waren zunehmend dünnhäutiger und unsouveräner. Das Gremium hat die Eskapaden gleichgültig hingenommen. Er gönnt sich zur Hauptsendezeit einen Segeltörn. Egal. Er trommelt auf die gegnerische Trainerbank ein. Egal. Er attackiert Schiedsrichter. Egal. Der Manager wurde nur begleitet, aber nicht geführt. So war es auch im ersten Jahr, aber da hat sich niemand daran gestört im Rausch der Pokalspiele und der guten Hinrunde mit Trainer Hyballa. Die Dinge haben sich verselbstständigt, Kritik war nicht willkommen, sie wurde kaum geäußert.

Als Meijer bei der Jahreshauptversammlung ein Aufsichtsratsmitglied und Journalisten attackiert hatte, ging er zurück vom Rednerpult zu seinem Platz. Unterwegs tätschelte ihn der damalige Präsident Alfred Nachtsheim. „Unser Erik.” Dabei hätte „unser Erik” auch hier eher deutliche Worte verdient. Nun ist es am Volk zu erkennen, wann der Kaiser keine Kleider mehr trägt.

Er wurde zumindest von vielen Mitgliedern noch gefeiert. Meijer surfte am Mikro auf der emotionalen Welle, stieg noch einmal hoch im Pokalspiel gegen die Bayern, köpfte noch einmal das Tor, das auch diesen Verein erst zum Fliegen brachte. Dabei sollte es an diesem Abend nicht um seine unbestreitbaren Verdienste als Anführer dieser goldenen Generation, sondern um seine Arbeit als Sportdirektor gehen. Meijer ist populär, das hat auch den Aufsichtsrat gehemmt einzuschreiten.

Jetzt ist der Karren so verfahren, dass der Neuanfang zwingend ist. Meijer hat diesen Kader zu verantworten, Tabellenplatz 18, Versetzung akut gefährdet. Der 42-Jährige hat im Verbund mit seinen damaligen Trainern erstaunlich oft im Spielerregal daneben gegriffen. Erb, Strifler, Maek, Bäcker und Hartmann haben überhaupt keine Rolle gespielt. Gravierender war, dass die durchaus teure niederländische Achse nicht funktionierte. Torhüter Boy Waterman spielt zwar eine gute Saison.

Aber Bas Sibum hat der Mannschaft nicht weiterhelfen können, er ist allenfalls ein solider Abfangjäger. Anouar Hadouir war der kapriziöse Star, der sich in der körperbetonten 2. Liga nie durchsetzen konnte. Nur ganz wenige Transfers saßen, viele Ideen sind wie Seifenblasen längst geplatzt.

Noch zweimal hat der Klub spektakulär nachgeladen. Auf Wunsch der jeweils amtierenden Trainer kamen David Odonkor und Albert Streit an den Tivoli. Effekt für das Team: überschaubar.

So hat die schlechteste Mannschaft der Liga bereits zweimal den Trainer kostspielig entsorgt. Bei Peter Hyballa rebellierte die Mannschaft, bei Friedhelm Funkel die Gremien.

Viele Episoden pflastern die desolate Saison. Es gibt die Geschichte von Daniel Engelbrecht, der den Verein in Richtung Bochum II verlassen wird. Er begründet den Schritt auch damit, dass er zu wenig Respekt am Tivoli gespürt habe. Seit anderthalb Jahren trainiert er bei den Profis, aber die Weihnachtsfeier durfte er auf Geheiß des Managers nicht besuchen. Kleine Narben. Engelbrecht ist kein wichtiger Spieler gewesen, seine vielen Tore schießt er für die Zweite Mannschaft in der NRW-Liga. Aber der Umgang mit ihm ist exemplarisch.

Spielerberater sprechen von einer grassierenden Arroganz, sie müssten um Gesprächstermine betteln, teilweise blieben Rückrufe aus. Der Berater von Marco Höger hat erzählt, dass er mehrfach um Kontakt gebeten habe, weil sein Klient gerne in Aachen zu leicht verbesserten Konditionen verlängern würde. Reaktion habe es keine gegeben. Meijer dementiert.

Nebenbei ist in dieser Saison noch eine faszinierende Idee entsorgt worden. Der Verein wollte Talente anlocken, veredeln und gewinnbringend weitergeben. Alemannia Ausbildungsverein. Die Visitenkarten sind eingestampft worden, als es nur noch um das nackte Überleben ging.

Es gibt die kleinen Details, die verräterisch sind. Der Angreifer Sergiu Radu sagt, dass sich sein Vertrag nach 20 Einsätzen verlängert habe. Meijer betont, dass es eine solche Klausel nicht gebe. Einer von beiden kennt den Vertrag nicht. Im Falle des Spielers wäre es dusselig, im Falle des Managers unglaublich.

Der Mammut-Kader ist handwerklich von Meijer und teilweise von den Ex-Trainern so schlecht zusammengestellt, dass man gar nicht weiß, wo die Reparaturen beginnen sollen. Das Team ist mitleiderregend harmlos. An dieser Stelle erzählt Meijer oft die Mär von seinem Zwiebelportemonnaie. Bei der Hauptversammlung teilte Geschäftsführer Frithjof Kraemer mit, dass der Sportetat im letzten Jahr um zehn Prozent auf 7,7 Millionen Euro erhöht wurde. Meijer hat den Kader verteuert, aber nicht verbessert. Das ist die Wahrheit, die keiner hören will.

In der Etat-Tabelle liegt Alemannia im obersten Drittel der 2. Liga. Solche Fakten kratzen am Denkmal. Natürlich muss man den lausbubenhaften Niederländer mögen, er ist eine Erinnerung an die bessere Vergangenheit. „Unser Erik” ist aber auch mit verantwortlich für die (h)ausgemachte Krise. Er macht zunehmend den Eindruck, dass er überfordert ist. Niemand zweifelt an seiner Identifikation mit dem Klub, gerade hat er aus eigener Tasche ein Trainingslager bezahlt.

„Mein Herz sagt ja”

Meijer hat angedeutet, dass er auch in der 3. Liga weitermachen würde. „Mein Herz sagt ja.” Das erinnert an einen Mitarbeiter, der in seiner Firma fast alle Ziele verpasst, um dann seinem Chef keck mitzuteilen, er wisse noch nicht, ob er für die Firma weiterhin arbeiten möchte. Verkehrte Welt.

Inzwischen hat der Aufsichtsrat ein Konzept für die Ligen angefordert. Das sollte für einen planenden Geschäftsführer eine leicht zu erfüllende Aufgabe sein. Am Tivoli tickt der Countdown. Die Weichen müssten längst gestellt sein, Heyen will „sorgfältig in den Gremien” abwägen.

Sie haben gesehen, dass Meijer als Manager nicht funktionierte, aber sie wollen das Vorzeigegesicht des Klubs nicht einfach aufgeben. Das Dilemma muss zeitnah gelöst werden. Ein „Weiter-so” ist nach dieser Saison ausgeschlossen.
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