Albert Streit nimmt mit 31 Jahren neuen Anlauf

Von: Klaus Schmidt
Letzte Aktualisierung:
Side, Türkei, 18.01.2012, Fus
Albert Streit nimmt mit 31 Jahren neuen Anlauf. Foto: PICTURE POINT

Side. Diese Geschichte ließe sich so drehen wie die meisten, die zum Thema veröffentlicht wurden: vorlauter, arroganter, egoistischer Raffzahn erhält seine letzte Chance zur Resozialisierung.

Keine Zweitliga-Personalie hat in diesem Winter für so viele Schlagzeilen gesorgt wie der Wechsel von Albert Streit zu Alemannia Aachen. Vermutlich würde dem 31-Jährigen - noch bevor er sein erstes Ligaspiel bestritten hat - auch das wieder zum Vorwurf gemacht: Streit belegt im Mannschaftshotel in Side ein Einzelzimmer. „Ich habe keine Extra-Wünsche”, sagt der offensive Mittelfeldspieler. Es gab einfach kein Doppelzimmer mehr, in das Streit eigentlich mit Timo Achenbach einziehen sollte, dem Kollegen, mit dem er mal beim 1. FC Köln in die Bundesliga aufgestiegen war.

Nun soll der Mann, dessen Name einst Programm schien, seinen Beitrag dazu leisten, dass Alemannia nicht in die Dritte Liga abrutscht. Er fühle sich wohl, „sehr wohl sogar, ich bin sehr nett aufgenommen worden”, sagt Albert Streit. Rund zwei Monate war er raus aus dem Trainingsbetrieb, zwischen der fristlosen Kündigung bei Schalke 04 im August letzten Jahres und der außergerichtlichen Einigung auf Auflösung des Vertrags. Er hielt sich fit, so weit es ging: „Läufe, Krafttraining, ein paar Mal privat in der Halle gespielt.” Beim NRW-Ligisten durfte Vikoria Köln Streit mittrainieren; die Karriere als Spieler schien jedoch beendet. „Ich wollte erst gar nicht weitermachen.” Der Sinneswandel kam schnell: Sein Berater rief an, Friedhelm Funkel hätte sich gemeldet. Und nach einem Gespräch mit seinem ehemaligen Trainer aus Kölner und Frankfurter Zeiten war Streit überzeugt - Aachen ist noch mal einen Versuch wert.

Hinter all diesen Geschichten vom „Anecker” und „Prahler” ist untergegangen, dass Streit einen feinen Fußballer abgibt, der auch manchem Erstligisten immer noch gut zu Gesicht stünde. „Mir fehlt sicher Spielpraxis”, sagt der Rechtsfuß. Im November 2010 hat er seine letzte Regionalliga-Partie bestritten, der letzte Profi-Einsatz ist vom Mai 2009 überliefert, für den Hamburger SV gegen den 1. FC Köln. „Aber ich habe mich immer so fitgehalten, dass ich - wenn ich eine Chance bekomme - nicht direkt bei 200er Puls bin. Schlimm wäre, wenn ich jetzt bei Alemannia mit einem Bauch angekommen wäre.” Friedhelm Funkel, unter dem Albert Streit die meisten Spiele in seiner Profi-Karriere bestritten hat, hält große Stücke auf seinen Zugang. „Er weiß, wie ich ticke und wie er mich zu nehmen hat”, sagt Aachens Nummer 13. „Wir sind auch mal in Frankfurt aneinandergeraten. Aber da ist keiner nachtragend gewesen.” Funkel verfügt über die soziale Kompetenz, die einem Felix Magath nahezu abgehe. Streit nimmt den Namen des Trainers, der ihn aussortierte, nicht in den Mund.

Um Streit zu verstehen, sollte man wissen, dass er „schon in der Schule so war: Wenn ich etwas als ungerecht empfunden habe, dann habe ich meine Meinung vertreten.” Vielleicht hätte er auch später manchmal „lieber die Klappe halten sollen. Aber es ist gut, so wie es ist.” Gegen sein Image anzugehen, das hat Albert Streit aufgegeben. „Wenn ich lese, was geschrieben stand, dann wollte ich auch nicht mit so einem wie mir zusammenarbeiten. Das ist gespeichert und bequem - es gibt ja nicht die Pflicht, Geschichten zu hinterfragen.” Aber wenn er das höre: „Der sitzt seinen Vertrag aus und macht nichts mehr! Ist jemals ein Journalist gekommen und hingesehen, ob ich im Training nicht mehr 100 Prozent gebe?” Oder die Frage, ob er auf Schalke nicht doch ein paar Freunde hinterlasse: „Hat irgendjemand sich erkundigt, bei anderen Spielern, Betreuern, Mitarbeitern, ob ich geholfen oder die Leute getreten habe? Es hat keinen interessiert. Aus einem bad boy einen lieben Buben zu machen, das passte nicht mehr.”

Albert Streit sagt das ohne Groll. Nun will er sich bei Alemannia „anders vom Fußball verabschieden”, der Mannschaft helfen mit „ein paar Vorlagen und guten Spielen, und wenn noch das eine oder andere Tor herausspringt, dann ist allen damit gedient”. Man solle das bewerten, was auf dem Platz ist. „Ich will es nur mir selbst beweisen. Nicht dem Trainer oder irgendjemand anderem.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert