Rückkehr des 1. FC Köln: „Papa, weißt Du noch, wie es damals war?“

Von: Roman Sobierajski
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7. April 1981: Der 1. FC Köln (hier in der Bildmitte Stürmer Tony Woodcock) verliert das Hinspiel im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Ipswich Town im Portman Road Stadion mit 0:1. Auch das Rückspiel in Köln endet 0:1, für den FC platzt der Traum vom Finale. Foto: Imago
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20. März 1985: Im Rückspiel des Uefa-Cup-Viertelfinales gegen Inter Mailand erzielt Karl-Heinz Rummenigge (Mitte) beim 1:3 zwei Treffer für die Italiener. Nach dem 0:1 im Hinspiel scheidet der FC aus. Foto: Imago
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3. November 1982: Im Uefa-Cup-Rückspiel gegen Glasgow Rangers erzielt Stephan Engels ein Traumtor zum 2:0. Der FC gewinnt 5:0 und zieht ins Achtelfinale ein. Foto: Imago
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20. Mai 2017: nach einem umkämpften Heimsieg gegen Mainz 05 sichert sich der 1. FC Köln einen Platz in der Europa League. Die Fans im Stadion feiern die Europa-Rückkehr auf dem Rasen und den Rängen. Foto: Imago

Aachen. Es gibt diese seltenen Momente kollektiver Glückseligkeit im Fußball. Und weil sie so rar sind, nisten sie sich gerne ganz tief in das „Weißt Du noch?“-Gedächtnis ein. Die Frage: „Weißt Du noch, was Du am 20. Mai gemacht hast?“, wird jeder Kölner wie aus der Pistole geschossen beantworten können, denn für den Bruchteil einer Sekunde hielt die Millionenstadt den Atem an, um dann in einen Jubelschrei wie aus einer einzigen Kehle zu verfallen.

Es war 17.12 Uhr an diesem sonnigen Samstagnachmittag, der 1. FC Köln führte gegen Mainz 05 mit 1:0. Nur mit 1:0, denn die Choreographie des Spieltags schrieb unbarmherzig vor, dass die Mannschaft von Trainer Peter Stöger mit leeren Händen dastehen würde, sollte den Mainzern doch noch der Ausgleich gelingen. Alles für die Katz? Der FC hatte bis dahin „a grandios Saison gespielt“, um Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller angemessen zu zitieren. „All the team was famos.“

Schon seit Wochen hatte sich auf den Zuschauerrängen in Müngersdorf eine neue Hymne unter den Anhängern etabliert: „Eines Tages, eines Tages …“ kam es fast drohend rüber und ging nicht weniger beunruhigend weiter mit „… wird es geschehen …“. Doch die Auflösung „… und dann fahren wir nach Mailand, um den FC Köln zu sehen“ zeigt, dass niemandem Angst gemacht werden sollte, sondern eher ein Verdurstender den letzten Tropfen Wasser vor seinen Augen doch noch irgendwie verschwinden sah. Aber dann schoss Yuya Osako im Spiel gegen Mainz drei Minuten vor Schluss das alles entscheidende 2:0 für den FC, und selbst der Kölner Dom dürfte befreit einen kleinen Hüpfer gemacht haben, als alle Einwohner gleichzeitig in die Luft sprangen.

Landebahn für Leverkusen

Das große Saisonziel „Europapokal“ war über die Linie gebracht. Die Volksparty brach spontan auf den Kölner Ringen aus, die Polizei musste Straßenzüge für den Verkehr sperren; und auch die Sause im Kölner Stadion ließ wenig zu wünschen übrig: Die Zuschauer stürmten den Platz, sicherten sich ihr Stück Rasen, trugen die Spieler auf den Schultern. Der Kabinenbereich ertrank in Bier-Pfützen, und als Trainer Peter Stöger zur Pressekonferenz erschien und die Seinen dort mit randvoll mit Kölsch gefüllten Plastikeimern erblickte, dürfte dem 51-Jährigen klar gewesen sein, dass es vor der Bierdusche kein Entrinnen geben würde.

Trotzdem stieß der Österreicher in Richtung von Anthony Modeste, der mit seinen 25 Saisontreffern maßgeblichen Anteil am Kölner Erfolg hatte, die ultimative Drohung aus: „Mach keinen Scheiß, ey“, warnte Stöger den farbigen Franzosen, „ich mach Dich weiß.“ Vergeblich. Man kann jetzt nicht sagen, dass Köln in den 25 Jahren davor gar keine Rolle mehr gespielt hatte im internationalen Fußball. Aber fast keine Rolle: Denn das nahe gelegene Leverkusen ist zwar eine Stadt, die alles bietet, was man zum Überleben braucht – vom Grünflächenamt bis hin zum Dackelklub. Nur zu einem Flughafen hat es halt nicht gereicht, und so landeten die Vereinspräsidenten von Real Madrid, des AS Rom oder des FC Barcelona immer in Köln, wenn die Werkself mal wieder Auftritt in der Champions League oder im Uefa-Pokal hatte.

Nur für die Kölner Spieler und ihre Fans waren diese Abende recht trist, da man in die Röhre schauen musste. Aber wer hätte denn auch ahnen können, dass diese 0:3-Niederlage im Rückspiel bei Celtic Glasgow am 30. September 1992 der letzte Auftritt in einem internationalen Pflichtspiel für ein Vierteljahrhundert sein würde? Nun gut, die Saison endete unter Trainer Jörg Berger auf einem enttäuschenden 12. Platz, nachdem der FC die Saison davor noch als Vierter beendet hatte. Der Berichterstatter unserer Zeitung vermeldete damals: „Der mit sechs Millionen Mark verschuldete Kölner Verein verpasste die in greifbare Nähe gerückte Millioneneinnahme in der nächsten Runde, womit die Zukunft des rheinischen Renommierteams aus finanzieller Sicht weiterhin düster aussieht“.

Doch wer glaubte zu diesem Zeitpunkt wirklich daran, dass die wahrhaft dunkle Zeit noch kommen würde? Dass die größten Erfolge, die noch zu feiern sein würden, die Wiederaufstiege in die Erste Bundesliga sein würden? Dass es zwar noch weiterhin Spiele mit internationalem Flair geben würde, diese aber an Montagabenden gegen Klubs wie Wacker Burghausen oder Erzgebirge Aue stattfinden würden? Niemand. Schließlich war der Verein über Jahrzehnte hinweg so selbstverständlich in den internationalen Wettbewerben vertreten, dass der „FC Kölle“ noch heute in der ewigen Tabelle aus Messepokal, Uefa-Cup und Europa League der bestplatzierte de utsche Klub ist. Und selbstverständlich spielte das „Weiße Ballett“, wie die rheinische Selbstwahrnehmung in Anspielung auf Real Madrid war, nicht nur mit, sondern sorgte regelmäßig für wahre Dramen.

Insgesamt 300 Minuten Spielzeit

Jeder Fernsehsender würde sich noch heute um die Ausstrahlung der Partie gegen den FC Liverpool im Pokal der Landesmeister reißen: Das Hinspiel endete ebenso wie das Rückspiel torlos. Das 1965 noch fällige Entscheidungsspiel in Rotterdam ging 2:2 aus, da auch die Verlängerung torlos blieb, war die Partie auch nach 300 Minuten Spielzeit noch nicht entschieden. Und da das Elfmeterschießen noch nicht erfunden war, um englische Mannschaften aus dem Wettbewerb zu eliminieren, war es an Schiedsrichter Robert Schaut, per Münzwurf das Team zu ermitteln, das ins Halbfinale einziehen sollte.

Der Belgier warf die Münze – und die blieb senkrecht im matschigen Boden stecken. Der fällige zweite Versuch war erfolgreicher, aber nur für Liverpool, denn nicht nur der Kölner Spieler Wolfgang Weber, der die Begegnung mit gebrochenem Wadenbein zu Ende gebracht hatte, musste das Ausscheiden (fast) ohnmächtig zur Kenntnis nehmen. Der FC war es gewohnt, Maßstäbe zu setzen, bezahlte als erster Klub eine siebenstellige Ablösesumme für den Belgier Roger van Gool, und es setzte eine wochenlange Debatte ein, ob eine Million Mark für einen einzigen Spieler nicht eine unmoralische Summe ist.

Yasuhiko Okudera war 1977 der erste Japaner in der Bundesliga, und es war wohl ein Versehen der Geschichte, dass Tony Woodcock „nur“ der zweite Engländer war, der in Deutschland spielte, weil der Hamburger SV zuvor schon Kevin Keegan verpflichtet hatte. 1985 stand der FC unter Trainer Rolf Herings dann sogar im Finale gegen Real Madrid, doch der 2:0-Sieg im Rückspiel reichte nicht, um das 1:5 aus dem Hinspiel zu egalisieren. Der Keim für den schleichenden Abstieg des Vereins war da schon längst gelegt, auch wenn noch nationale Erfolge zu verzeichnen waren.

Nicht erst seit dem Abtritt von Präsident Dietmar Artzinger-Bolten im Jahr 1991 war klar, dass der Verein zu lange über seine Verhältnisse gelebt hatte und hoch verschuldet war. Böse Zungen behaupten, dass dem Klub dann jahrelang nichts anderes einfiel, als sich bis zur Halskrause zu verschulden, um Lukas Podolski zu kaufen und mit ihm abzusteigen; und anschließend Lukas Podolski wieder zu verkaufen, um die Schulden zu tilgen, die durch seinen Kauf entstanden waren.

Es bedurfte jahrelanger geduldiger Aufbauarbeit durch Präsident (Werner Spinner), Geschäftsführer (Alexander Wehrle/Jörg Schmadtke) und Trainer (Peter Stöger), um zwischen dem in Köln üblichen „Hosianna“ und „Kreuziget ihn“ ein klein wenig Platz zur Entfaltung zu schaffen. Und kaum ist das zarte Pflänzchen aus dem Boden gekommen, werden schon wieder erste Rücktrittsforderungen laut, nachdem der Saisonstart alles andere als zufriedenstellend verlaufen ist.

20.000 Kölner haben sich auf den Weg nach London gemacht, obwohl nur die wenigsten in den Genuss gekommen sind, eine der heiß begehrten 2900 Tickets zu ergattern, die den FC-Fans zugeteilt wurden. Irgendwie wird man schon ins Emirates Stadium kommen, so die Hoffnung, auch wenn der FC Arsenal auf seiner Website mit schönem britischen Understatement warnt, Kölner Fans außerhalb des Gästeblocks „are likely to be ejected“, werden also höchstwahrscheinlich vor die Tür gesetzt.

Aber schließlich hat man lange genug den Geschichten von Papa und Opa lauschen müssen, wie toll es denn früher war, als damals an den 17 Abreißkarten für die Saison-Heimspiele in der Bundesliga mit großer Selbstverständlichkeit noch einige für „Sonderspiele“ hingen, mit denen man zu den internationalen Begegnungen gehen konnte. Irgendwann ist man ja selbst Vater oder Großvater und wird gefragt wie es war, damals, als der FC wieder in Mailand spielte. „Papa, weißt Du noch, wie es damals war?“

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