Sie sind der ordnende Teil des Soerser Ganzen

Von: Marlon Gego
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Ordner sein kann Spaß machen,
Ordner sein kann Spaß machen, wenn man sich als Team gut versteht: (v.l.n.r.) Uwe Kuckelmann, Kurt Hartmann, Andreas Köbernik und Petra Lutterbach, die die Männer am Nachmittag schon mal vertritt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Männer kommen früh am Morgen, wenn die Soers erst langsam aufwacht. Das Stadion räkelt sich, Kehrmänner fegen den Staub vom Gelände, und drüben hinterm Dressurstadion bricht der neue Tag an. Die ersten Besucher kommen, das Stammpublikum ist meist früh da. Hartmann grüßt hier und da, man kennt sich, zu tun hat er jetzt noch nichts.

Ein Kollege hat zwei Kühltaschen von zu Hause mitgebracht, da schaffen sie Getränke rein. 36 Grad sind für den Nachmittag vorhergesagt, später Unwetter. Der Abschnittsleiter kommt und bespricht sich mit den Männern. Alles ruhig, nur ein paar Mann mehr, die könnten sie schon brauchen. Der Abschnittsleiter sagt, er sehe, was er tun kann. Dann ist er wieder weg. So geht die Zeit dahin. Kurt Hartmann steht am Rondell, an der Drehscheibe des Turnierplatzes in Aachen.

In vier Richtungen

Am Rondell führt der Weg entweder zum Dressur- oder zum Springstadion, zu den Ställen oder zum Ausgang. Vier Richtungen, zehntausende Menschen, und zwischen allem die Pferde, die von hier nach da geritten werden und die Wege der Zuschauer kreuzen. Hartmann und die Männer sehen zu, dass nichts passiert, dass niemand unter ein Pferd kommt und dass niemand ein Pferd erschreckt. Sie ordnen den Strom der Menschen. Deswegen heißen sie Ordner, obwohl sie auch Beschützer sind, vielleicht sogar in erster Linie.

Langsam steigt die Sonne Richtung Mittag, es wird heiß, Hartmann setzt den Strohhut auf. Der Hut sei aber auch keine Lösung, sagt Hartmann, darunter schwitzt er immer so. Er setzt den Hut kurz ab, damit man die kleinen Schweißperlen auf seiner Halbglatze mal sehen kann. Im Springstadion läuft die erste Prüfung, bei Hartmann ist jetzt Betrieb. „Momentchen bitte, ja?”, sagt Hartmann und baut sich auf. Wenn ein Pferd kommt, dann müssen die Passanten am Rondell anhalten. In Aachen warten die Menschen, bis die Pferde ihres Weges gegangen sind. Nicht umgekehrt. Das sagt eigentlich schon alles.

Die Hitze macht die Menschen ungeduldig, sie warten nicht gern, schon gar nicht, wenn sie von einem Ordner dazu aufgefordert werden. „Wichtigtuer”, nuschelt ein Besucher vor sich hin, dabei kann er froh sein, dass Hartmann ihn nicht hat ins Pferd laufen lassen. Kurz darauf hält Hartmann einen Besucher zurück, der sich an ihm vorbeidrängeln will, obwohl sich Hartmann ihm in den Weg gestellt hat. „Momentchen bitte, ja?”, sagt Hartmann noch ein zweites Mal, dann ist Ruhe.

Die Männer am Rondell sind zwar morgens die ersten, die kommen, und abends die letzten, die gehen, aber von den Wettbewerben in den Stadien sehen sie nichts. Sie sehen jeden Reiter und jedes Pferd; wer ins Springstadion will, muss an ihnen vorbei. Aber sie sehen sie nur vor dem Ritt und nach dem Ritt. „Tja”, sagt Hartmann, „ist so.” Die Ordner können andererseits auf der ganzen Welt erzählen, dass sie Teil des CHIO sind, dass sie den sicheren Ablauf jedes Turniers garantieren. Für Hartmann braucht es das nicht mal, damit es ihm Spaß macht, Teil dieses Soerser Ganzen zu sein.

Im Grunde ist es immer dasselbe, Warten, Mahnen, freundlich sein. Und doch kann das alles seinen Reiz entwickeln, wenn die Kollegen nett sind und ein Team zusammenwächst, ein Ordner-Team. 1998 überredete ihn sein Schwager, einfach mal mitzumachen, Hartmann sagte ja und blieb dabei. Früher gab es einen Kollegen, der jedes Jahr aus Ungarn kam, nur um auf dem CHIO als Ordner dabeizusein. Hartmann sagt: „Das muss man sich mal vorstellen.”

Uwe Kuckelmann, einer von Hartmanns Kollegen, macht eine Pause. Er will jetzt auch mal eine Geschichte erzählen. Die, wie er Meredith-Michaels Beerbaum 2005 vorausgesagt hat, sie werde den Großen Preis von Aachen gewinnen. Er hat Recht behalten. Nach der Siegerehrung kam sie und nahm ihn in den Arm. Oder die vom niederländischen Springreiter Albert Zoer, der sich gern mit den Männern in Hartmanns und Kuckelmanns Abschnitt unterhält. Kuckelmann hat Dutzende solcher Geschichten erlebt, er erinnert sich gar nicht mehr an alle. Einmal, sagt er, habe er einem Zuschauer das Leben gerettet, als er fast unter ein Pferd gelaufen wäre. Kuckelmann packte ihn am Schlawitt und riss ihn zurück. „Die Erinnerungen nimmt einem keiner mehr”, sagt Kuckelmann.

Die Sonne wandert den Himmel entlang, die Männer stehen in der Sonne, aber sie klagen nicht. „Die Kleine von der Stawag hat heute flache Schuhe an”, sagt Hartmann. Gestern hatte er einer jungen Frau, die am Stand der Stawag im Ladendorf arbeitet, gesagt, sie solle flache Schuhe anziehen, das sei besser für den Rücken. Die junge Frau hatte erwidert, sie habe ohnehin Probleme, einen Mann zu finden, weil sie so groß sei. Sie fand, das mit den flachen Schuhen sei eine gute Idee. Einen Tag später steht sie da in flachen Schuhen. Hartmann lächelt kurz, aber zufrieden.

Die Männer sind nicht nur Ordner, sie sind auch das Gesicht des Turniers. Alle 300 CHIO-Ordner sind das. Am besten ist, sie fallen gar nicht auf. Sind sie unfreundlich, fällt das auf den ganzen CHIO zurück. Sind sie zuvorkommend, bleibt das den Zuschauern in Erinnerung. Deswegen sind sie auch lebende Wegweiser und Ersthelfer.

Sportliche Fairness

Am Dienstag hat ein alter Mann die Hitze nicht gut vertragen, er sah verstört aus. Hartmann fiel das auf, er sprach ihn an. Über Funk rief er einen Sanitäter. Hartmann hat früher mal Dart gespielt. Eigentlich spielt er immer noch, aber nur noch in der zweituntersten Liga. 1996 waren sie mit der Mannschaft Zweiter der Deutschen Meisterschaften, 1998 Dritte bei der Europameisterschaft in Marmaris, Türkei. „Schöne Zeit”, sagt Hartmann. Er glaubt, das Dartspiel habe ihn sportliche Fairness gelehrt, Gerechtigkeit und natürlich Geduld, aber er sei eh ein ruhiger Typ. Seine Frau fragt ihn manchmal, wie er nur immer so ruhigbleiben könne.

Die Sache mit der Fairness kann er an der Schranke gut gebrauchen, findet Hartmann, er behandele jeden Menschen gleich. Kommt ein Pferd, muss man bei Hartmann stehenbleiben, gleich ob man Stehplatzbesucher ist oder Prominenter, ob man einen Anzug trägt oder Shorts. Einmal kam ein Präsidiumsmitglied des ALRV, der den CHIO ausrichtet, mit einem Fahrrad gefahren. Fahrrad zu fahren ist aber auf dem Turniergelände verboten. Also haben Hartmann und seine Kollegen dem Präsidiumsmenschen gesagt, er möge bitte absteigen. Da hat er erwidert, sie wüssten wohl nicht, mit wem sie’s zu tun haben und fuhr weiter. Hartmann machte Meldung. 15 Minuten später kam das Präsidiumsmitglied zurück, zu Fuß, und entschuldigte sich.

Wenn die Sonne untergegangen ist und Hartmann abends nach Hause kommt, isst er noch was, dann geht er schlafen. Zwölf, 14 Stunden steht er am Rondell und ordnet, die einzige Pause dauert 30 Minuten. Es gibt eine kleine Aufwandentschädigung, sonst nichts. Die Hitze, die Nörgler, immer wieder die Ermahnungen. „Abends bin ich kaputt”, sagt Hartmann und wischt sich über die Stirn. Es fühlt sich nach „einem guten Kaputt” an, findet er.
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