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Kleine Wunder lassen sich nicht bestellen

Von: Helga Raue und Christoph Pauli
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Einer der Siegreiter: Der Niederländer Leon Thijssen auf Tyson. Foto: Wolfgang Birkenstock

Ein Wunder, zumindest ein kleines, sollte es dann schon sein. Otto Becker, Bundestrainer der Springreiter, hatte vorab auf außerirdische Kräfte gehofft. Auf der Erde waren zuletzt ein paar komische Sachen passiert. Seine Equipe hatte Anfang Juni auf den Nationenpreis in St. Gallen verzichtet, weil sie ihren Pferden die widrigen Bedingungen nicht zumuten wollte.

Dann bogen die Paragraphenreiter um die Ecke und bestraften solchen Tierschutz als Verstoß gegen das Reglement. Laut den Statuten hätte das Team nun alle Punkte aus der Saison verlieren müssen, erledigt wäre die Chance, sich für das Finale der besten Sechs (Deutschland ist derzeit Siebter im Ranking) im September in Barcelona zu qualifizieren.

Hinter den Kulissen wurde in etlichen Durchgängen ein Kompromiss ausgehandelt: keine Punkte in St. Gallen, aber Deutschland darf weiter Punkte sammeln. Und immer noch ist ein Protest gegen diese Lösung möglich.

Das war die Ausgangslage, als es am Donnerstagabend wurde in der Soers und der Mercedes-Benz-Preis begann. Die Aufholjagd der Deutschen, um sich mit einem Springen weniger für das Finale zu qualifizieren, lief an – das Projekt „kleines Wunder von Aachen“. Der hoffnungsvolle Bundestrainer nutzte das „Länderspiel“ nicht, um für die EM in Herning (Dänemark) zu sichten, stattdessen nominierte er sein bestes Quartett.

Nach dem ersten Durchgang ging das Zittern an diesem gut getarnten Sommertag weiter. Das Team lag in Schlagdistanz auf Platz 3. Christian Ahlmann startete famos, „Codex one“ schwebte fehlerfrei über die 15 Sprünge, was sonst im ersten Durchgang nur noch vier Startern gelang.

Daniel Deußer sattelte erstmals in Aachen für Deutschland seinen Hengst Cornet d’Amour. Der Deutsche Meister machte einen einzigen Fehler an einem sonst „verschonten“ Steilsprung, als sein Pferd zu flach wurde. Die Amazone im Team nahm Fahrt auf. Für den Fehler von Meredith Michaels-Beerbaum am Wassergraben war fast ein Videobeweis notwendig. Bella Donna kam mit fünf Fehlern ins Ziel. Und auch für ihren Schwager Ludger Beerbaum wurde ein Abwurf zur Halbzeit notiert. Beckers Quartett lag mit acht Punkten auf Platz 3. Der Außenseitertipp Belgien lag mit einem Punkt in Front.

Verkorkster Auftakt

Dabei war der Auftakt für das Team von Ex-Bundestrainer Kurt Gravemeier ziemlich verkorkst, Gregory Wathelet stürzte fast ins Wasser, sammelte bis zum Ende 20 Punkte ein und trat im zweiten Durchgang nicht mehr an. Familie Philip- paerts – Vater Ludo und Sohn Nicola – blieben fehlerfrei, Dirk Demersman steuerte nur einen Zeitfehler bei. Die Zeit war ein unerbittlicher Gegner an diesem Abend. Nur elf Starter blieben im erlaubten Budget, Parcourschef Frank Rothenberger hatte den selektiven Parcours sehr ambitioniert gesteckt.

Frankreich träumte auf Platz 2 (7) noch von der Titelverteidigung. Abgeschlagen war da nur Saudi-Arabien. Das Trio ohne Streichergebnis holzte sich munter durch den Stangenwald.

Deutschland nahm die Verfolgung auf. „Wir greifen an“, kündigte Becker vor dem zweiten Akt unbeeindruckt „nach zwei überflüssigen Fehlern“ an. Der nächste kam schnell dazu, Ahlmann unterlief ein Flüchtigkeitsfehler, dazu kam der fast obligatorische Zuschlag für das Überschreiten der Zeit. „Ich bin nicht so richtig durchgekommen zum Steilsprung“, ärgerte sich der 38-Jährige.

An diesem Steilsprung vor der Reitertribüne zerplatzten dann die Hoffnungen, denn auch Deußer unterlief sein einziger Fehler hier. „Wir hatten in beiden Umläufen eine Unstimmigkeit, das reicht dann eben nicht, um zu gewinnen.“ Meredith-Beerbaum wiederholte noch einmal den ersten Durchgang, das Timing am Was-ssergraben stimmte wieder nicht, zu langsam, macht erneut fünf Punkte. Auch Ludger Beerbaum wurde zum Wiedertäter, wiederholte seinen Fehler. Mit dem Sieg hatte das Team nichts mehr zu tun.

Den Niederländern gelang eine famose Aufholjagd, Marc Houtzager, Leon Thijssen und Gerco Schröder blieben fehlerfrei, Harrie Smolders Abwurf wurde gestrichen. Die Entscheidung fiel beim letzten Starter am letzten Hindernis. Ludo Philippaerts vergab wie schon vor einigen Jahren an gleicher Stelle in letzter Sekunde den belgischen Triumph. Die Niederlande siegten vor Belgien und Deutschland.

Und Bundestrainer Otto Becker? Sein Vorrat an guter Laune war verbraucht. „In unserer Situation reicht ein dritter Platz nicht.“ Wunder lassen sich eben schlecht planen.

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