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Marco Kutscher: Kein Vertrauen, kein Ticket für London

Von: Bernd Schneiders
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Der Blick spricht Bände: Marc
Der Blick spricht Bände: Marco Kutscher auf seinem Cornet Obolensky nach dem verpatzten Nationenpreis-Auftritt. Foto: imago/Rau

Aachen. Da saß er nun wie ein Häufchen Elend. Marco Kutscher hatte gerade nicht nur zwei Durchgänge beim „Preis der Nationen” und damit den Sieg seiner deutschen Equipe vermasselt. Der 37-Jährige hatte auch sein Ticket für die Olympischen Spiele in London zerrissen. 32 Fehlerpunkte, zu viel, um diesen Abend nur als Ausrutscher einzuordnen.

Zumal Cornet Obolensky obendrein ein arg angegriffenes Nervenkostüm zeigte. „Er kann geniale Runden drehen, aber heute hat er seine andere Seite gezeigt.”

Bitter für Kutscher, dass dies bei der letzten Sichtung vor der Nominierung für London passierte. Er besitzt keine Chance mehr, den desaströsen Eindruck wettzumachen. Tapfer verkündete er zwar, „wenn man mich doch noch will, werde ich kämpfen”. Doch die ehrliche Beschreibung der Alptraum-Ritte konterkarierte diese Hypothese als völlig unrealistisch. „Mit einem Pferd für die Olympischen Spiele muss du in den Krieg ziehen können und nicht nur eine Schlacht gewinnen”, definierte Kutscher martialisch.

Sogar der eigene Reiter hat das Ur-Vertrauen in seinen Hengst verloren, obwohl dieser zuletzt in beiden Nationenpreisen zuvor in vier Runden nur einen Fehler machte. Erst recht die Personen, die für die Nominierung und die Klasse der Olympia-Equipe verantwortlich sind. Zwar werden die Starter erst am Sonntag nach dem Großen Preis veröffentlicht. Doch dass Kutscher raus ist, ist überdeutlich. „Das Risiko wäre sehr, sehr hoch”, sagte Heinrich-Hermann Engemann, Assistent von Bundestrainer Otto Becker. Nutznießer ist wohl Philipp Weißhaupt, der nach seiner Nicht-Nominierung für den Nationen-Preis rumgequengelt hatte. Gesetzt sind Marcus Ehning, Christian Ahlmann und Janne-Friedrike Meyer, plus Weishaupt. Gesucht wird noch der Ersatzreiter, die Entscheidung muss zwischen Meredith Michaels-Beerbaum und René Tebbel fallen.

Marco Kutscher hat zumindest einen Trost: Die Kritik fokussiert sich auf sein Pferd. „Marco hat keinen Fehler gemacht”, urteilt seine Team-Kollegin Meyer. „Aber das sind halt Lebewesen.” Und auch Marcus Ehning, der wie Ahlmann mit einer souveränen Vorstellung bestach, hielt einen Schirm vor den angeschlagenen Kollegen. „Marco ist ein Super-Reiter.” Der sich auch artig revanchierte: „Es tut mir Leid für die Kollegen, sie hatten mehr verdient.” Ungewöhnlich ehrlich veröffentlichte er auch seine Grübeleien, die ihn die ganze Nacht wachhalten sollten. „Cornet Obolensky ist vorher so stabil, so gut in Form gewesen.” Natürlich sei es nicht unbedingt sein Platz gewesen, der Hengst bevorzuge Sand. Und der Parcours sei auch kein Kinderspringen, sondern einer der schwersten Nationenpreise. „Aber ein Pferd, das zu den Olympischen Spielen soll, muss damit klarkommen.”

Es ist auch das Aus eines ehrgeizigen Projekts: Die Olympischen Spiele sollten der krönende Abschluss der Zusammenarbeit mit dem 13-jährigen Schimmel sein. „Ende 2012 soll er als Deckhengst in die Ukraine gehen”, sagt Kutscher. Auch sein Arbeitgeber ist in London nicht dabei: Ludger Beerbaum hatte zuvor freiwillig verzichtet, da Gotha nicht fit für Olympia sei. „Das ist bitter, dass es uns beide trifft”, sagt Marco Kutscher. Die Stall-Ehre aber rettet ungewollt Philipp Weishaupt: Auch er reitet für Beerbaum.

In seiner Depression hatte Kutscher schon den Großen Preis abgehakt. Um so überraschter war er am Freitag, dass er sich doch noch als Vorletzter der Liste qualifiziert hat. „Bei diesem Turnier ist so viel schief gelaufen.” Er wird am Sonntag Unglückspferd Cornet Obolensky satteln. Nicht, um es allen zu zeigen. „Das Springen ist hoch dotiert”, erklärt der Pechvogel. 350.000 Euro sind in der Schatztruhe, und dennoch wäre ein Sieg für ihn mit seinem Hengst fast noch mehr wert. Würde der doch noch die Fahrkarte nach London bedeuten? „Das denke ich nicht”, urteilt Kutscher nüchtern.

Etliche Reiter werden am Sonntag nicht mit ihrem Top-Pferd starten. Marcus Ehning hat sich bereits entschieden: „Ich reite im Großen Preis Copin.” Plot Blue wird für London geschont. Ähnlich wird wohl der Großteil der Equipe verfahren. Zwar ist Titelverteidigerin Janne Friederike Meyer überzeugt, dass Lambrasco einen Doppelstart verkraften würde. Aber „jetzt kommen auch taktische Erwägungen ins Spiel”. Doch Meyer bestätigt die besondere Note dieses CHIO 2012. „Es ist sehr schwer, sich auf das Turnier zu konzentrieren, denn du hast immer London im Hinterkopf.”

Denis Lynch muss auf sein Top-Pferd verzichten

Denis Lynch, am Abend zuvor auf Lantinus mit dem irischen Team noch Dritter im Nationenpreis, muss im weiteren Verlauf des CHIO auf sein Top-Pferd verzichten. Die Veterinärkommission nahm Lantinus aus dem Wettbewerb, da der 14-jährige Hannoveraner nach dem Springen empfindlich an den Beinen reagierte.

„Lantinus wurde wie alle Pferde laut Reglement von den Tierärzten vor dem Nationenpreis untersucht und war fit. Bei der Bandagenkontrolle nach dem Wettbewerb hat man eine Überempfindlichkeit an einem Bein festgestellt und das Pferd zur Re-Inspektion am folgenden Tag beordert. Da Lantinus auch am Freitagmorgen noch leicht reagierte, wurde er aus dem Wettbewerb genommen”, erläuterte Richter Stephan Ellenbruch.

Ein „not fit to compete” gilt zunächst für 24 Stunden, nach denen der Reiter sein Pferd noch einmal vorstellen kann. „Auf eine zweite Vorstellung hat Denis Lynch jedoch im Sinne des Pferdes verzichtet. Es bestand kein Verdacht einer Manipulation.”
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