Markus Breuer: „Wir Fußballer sind eben bekloppt“

Von: Bernd Schneiders
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Herr über 480 PS: Markus Breuer in „seinem“ Borussen-Bus. Foto: Dieter Wiechmann

Mönchengladbach. Von wegen zweite Reihe: Der Mann ist ganz vorne – an jedem Spieltag der Fußball-Bundesliga sowieso. Aber auch in den Fach-Organen wie www.transfermarkt.de wird er gelistet: Markus Breuer, Borussia Mönchengladbach, Vertrag bis 30.06.2015.

Von anstehenden Verhandlungen mit dem Management, den Vertrag zu verlängern, sickerte in den letzten Wochen allerdings nichts durch. Und auch die Rubrik Spiele/Tore bleibt leer: Der 43-Jährige ist Busfahrer und Zeugwart des Tabellendritten. Am Steuer des Klub-Gefährts sitzt er seit 1998, als Zeugwart ist Breuer bereits seit 1994 tätig. Seit fast 20 Jahren also ist der Mann aus Gierath bei Jüchen mittendrin, Zeit- und Augenzeuge der Hochs und Tiefs des Traditionsklubs, darunter zwei Abstiege (1999/2007). Da müssen die Fahrten anno 2013 fast wie Lustfahrten gewirkt haben.

Keine Polonaisen

Doch der geistige Fahrtenschreiber des Mönchengladbachers lässt sich nur mühsam auswerten: Zum einen ist der Busfahrer und Zeugwart seinem Arbeitgeber gegenüber zum Beinah-Schweigen verpflichtet. Zum anderen räumt der 43-Jährige recht schnell und überzeugend mit der Illusion von Polonaisen und Saufgelagen im Mannschaftsbus auf. „Natürlich ist die Stimmung nach einem Sieg besser und entspannter. Aber ansonsten läuft es heute extrem ruhig und professionell ab. Es ist ja auch eine ganz andere Generation als früher.“ Kaum vorzustellen, dass Stefan Effenberg und Co. sich seinerzeit wie Chorknaben durch das Land kutschieren ließen.

Für das gesittete Verhalten der Generation von Patrick Herrmann spricht auch die technische Entwicklung. „Meistens sind die Spieler mit ihren Laptops beschäftigt und haben Kopfhörer auf“, erzählt Markus Breuer. Der neue Bus, unterstützt die Ichbezogenheit mit W-Lan-Anschlüssen und vier Bildschirmen. Die lenkbare Hinterachse des 480 PS starken Gefährts erhöht auch den Komfort für den Fahrer. Im Vordergrund aber steht die Wohlfühl-Atmosphäre für die Fußball-Profis. Ledersitze, Kaffeeautomat, „die Bayern haben noch eine Küche an Bord. Aber die brauchen wir nicht. Wir essen immer im Stadion.“

Eine Zapfanlage wäre ebenfalls überflüssig. Selbst für Rückfahrten, in denen nicht nur die Glückshormone in der „Linie 1900“ tanzen sollten. Das bewies der 2. November 2013. Ein Festtag für Borussia und Trainer Lucien Favre. Nach Monaten einer Dreier-Durststrecke fiel der erste Auswärtssieg beim Hamburger SV und der Geburtstag des Trainers zusammen. Doppeltorschütze Max Kruse trauerte nach dem 2:0-Sieg um die von ihm erwartete rauschhafte Rückfahrt, die er durch seinen von Favre zugestandenen Heimaturlaub verpassen würde. Die nüchterne Feststellung des Busfahrers: „Es war ruhig und es floss nicht ein Tropfen Alkohol.“ Und Trainer Favre beschrieb die Feiermittel auf dem Weg zurück an den Niederrhein: „Mit Schlaf und Wasser.“

Natürlich herrschte eine gute Stimmung, wie sich Markus Breuer erinnert. Und nach einem Sieg „aus dem Stadion vorbei an den Fans rauszufahren“, ist für den Klub-Chauffeur „das Größte“. Seine Konzentration aber ist auf den Verkehr gerichtet. Seine sportliche Reisegesellschaft aber auf der Rückfahrt aus Hamburg neben Schlafen und Wassertrinken auch bereits wieder mit Fußball beschäftigt. Die Gladbacher schauten die Übertragung des Top-Spiels Eintracht Frankfurt gegen Wolfsburg.

Zu und von den weit entfernten Stationen wie München, Augsburg oder Berlin benutzt die Mannschaft den Flieger. Markus Breuer ist dann mit seinem Bus trotzdem vor Ort. Und die Leerfahrten machen ihm nichts aus. „Ich bin daran gewöhnt.“ Den Profis machen Leerfahrten offensichtlich auch nichts aus. Nachdem der Auswärtsbann am 11. Spieltag gebrochen war, lud der 43-Jährige zur nächsten Aufgabe in der Ferne vorsichtshalber und siegesbewusst einen Kasten Bier ein. Das Ergebnis des Spiels in Stuttgart: ein 2:0-Erfolg und ein nur zur Hälfte geleerter Kasten.

Zwölf Flaschen für in der Regel 33 Passagiere – den Fahrer natürlich exklusive – der Alkoholpegel wird bei der Ankunft am Borussia-Park kaum messbar gewesen sein. Selbst nicht unter der Prämisse, dass die Favre-Elf zu den laufstärksten Mannschaften der Liga zählt und nach diesem Kilometer-Aufwand besonders sensibel auf das Rauschmittel reagieren müsste. „Die haben doch auch alle ihre Autos am Stadion stehen und wollen nach Hause fahren.“

Als Marco Reus anfing zu singen

Es ist ruhig geworden auf den Fahrten. Fast wehmütig erinnert sich Breuer an Fahrten, als „Marco Reus anfing zu singen oder Dante in der letzten Reihe zur Gitarre griff“. Wie – Marco Reus, dieses stille Wasser, hat gesungen? „Klar, aber natürlich nicht ‚Blau, blau, blau blüht der Enzian‘ sondern Aktuelles aus den Charts“, grinst der Busfahrer. Wie bei Klassenfahrten sitzen die stimmungsvollsten Charaktere möglichst hinten. Das war bei Effenberg, Kastenmaier und Co. so, das ist heute mit Kramer, Xhaka, Jantschke und Kruse nicht anders. Doch der Fußball und die Fußballer haben sich entwickelt, die Charaktere und die Busse inklusive Fahrer auch. So sehnt sich Markus Breuer nicht zurück nach unruhigeren Zeiten.

Seine Hoffnungen sind vorwärts gerichtet, und dennoch wünscht er sich – auf dem ersten Blick überraschend – mehr Stress. Platz vier vor anderthalb Jahren brachte seinem Klub die Teilnahme an der Champions-League Qualifikation und Europa League ein, mit mehr Arbeit für den Busfahrer und Zeugwart. Dennoch hofft er auf eine Wiederholung am Ende der laufenden Saison. Zwar war er seinerzeit nicht mit dem Mannschaftsbus in der Ukraine, Frankreich, Türkei oder auf Zypern, sondern „nur“ als Zeugwart.

Doch die Fahrten mit den gemieteten Bussen und Chauffeuren hat er dennoch genossen. „Mit dem Bus durch Kiew – das hat schon gewaltig gekribbelt“, gesteht er die Lust auf derartige Abenteuer ein. Markus Breuer ist zuversichtlich, dass dieses Kribbeln in der neuen Saison sich wiederholen könnte. Spätestens am 10. Mai wird sich dies zeigen, abends irgendwann ab 18 Uhr auf der Rückfahrt von Wolfsburg. Und womöglich gibt es dann eine weitere Sensation neben etwa Platz vier: Bei der letzten Rückfahrt der Saison reißen sich die Spieler die Kopfhörer von den Köpfen und intonieren Beethovens Europa-Hymne (An die Freude). Und am Borussia-Park angekommen ist sogar der Bierkasten leer...

Markus Breuer ist auch der Herr der Trikotsätze. Ein Job mit großem Einfluss, wie der erste Auswärtssieg beim HSV gezeigt hat. „Seit unserem Sieg in der Vorbereitung bei Celtic Glasgow haben wir versucht, in den gleichen Trikots zu spielen.“ Der ominöse dritte Satz: Heimtrikot (weiß), Auswärtstrikot (grün), Eventtrikot (schwarz-grün). Vor den Spielen stimmt Breuer die Wahl mit dem Outfit der Heimmannschaft ab.

Kleine Schwarze, großer Erfolg

Doch der Einsatz der schwarzen Lieblings-Kluft wollte einfach nicht gelingen. „In Leverkusen waren wir schon dicht davor. Aber sie wollten in Schwarz spielen und entschieden sich erst eine halbe Stunde vor dem Anpfiff dann doch für Rot. Da war es für uns zu spät, auf die Event-Trikots umzuswitchen.“ Die Auswärtsmisere nahm ihren Lauf, auch Hertha machte einen Strich durch die Trikot-Rechnung. Erst in Hamburg durfte die von allen herbeigesehnte Kluft aktiviert werden: die kleine Schwarzen mit dem großen Erfolg – 2:0. „Wir Fußballer sind eben bekloppt“, schmunzelt der „Buswart“ über den Farb-Einfluss. „Sicherlich hat aber auch noch eine Rolle gespielt, dass die Jungs ihrem Trainer unbedingt ein Geburtstagsgeschenk machen wollten.“

Bereits erschienen sind die Geschichten über Alemannia Aachen (24. Dezember) und den 1. FC Köln.

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