Ein ergrauter Favre wäscht Kollege Keller den Kopf

Von: Bernd Schneiders
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Geballte Freude – auch wenn Raffael (2. v.r.) gegen seinen Ex-Klub getroffen hat. Foto: sport/Revierfoto

Mönchengladbach. Die Probleme würde Jens Keller gerne haben. „Noch mehr graue Haare“, sagte sein Mönchengladbacher Kollege und zeigte auf seinen dichten Haarschopf. Dabei hatte seine Borussia gerade Verfolger Schalke 04 mit 2:1 bezwungen und als Vierter der Tabelle den Vorsprung auf den Champions-League-Teilnehmer auf sieben Punkte ausgebaut.

Den stärksten Tönungsvorgang auf dem Kopf des Schweizers hätten die 54 010 Zuschauer in der letzten Minute der Nachspielzeit erleben können. Doch wie Favre selbst, hatten sie ihre Augen auf das Gladbacher Tor gerichtet und gebannt verfolgt, wie Marc-André ter Stegen mit einer sensationellen Parade einen Kopfball von Kevin-Prince Boateng parierte. „Ich war überrascht. Ich hatte schon gedacht: Scheiße – 2:2!“

Stattdessen ein knapper und mühsam erkämpfter Sieg, der Platz vier zementiert und die Hoffnungen auf eine Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb nährt. Favres Schalker Kollege muss einen Farbwechsel der ganz anderen Art fürchten. Königsblau könnte bald Geschichte für den Fußballlehrer sein, der in seiner knapp einjährigen Regentschaft stets umstritten blieb.

Sieben Punkte Abstand auf Platz vier, das Aus im DFB-Pokal in der letzten Woche und am Mittwoch droht auch der Rauswurf aus der Champions League: Da konnte es nicht verwundern, dass der 43-Jährige versuchte, möglichst viel Nektar aus der bitteren Niederlage zu ziehen. „In der ersten Halbzeit haben wir das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben.“

Ob das selbstausgestellte Zeugnis ihn in der Winterpause vor einem Rauswurf bewahrt, ist zweifelhaft. Seine Schalker hatten zwar Aggressivität und einen guten Konter durch Farfan gezeigt, doch die Spielanlage der Borussia wies einen weitaus höheren Entwicklungsgrad und eben die Handschrift Favres auf: Immerhin aber hatte nach Farfans Einzelleistung auf der rechten Seite Gladbachs Julian Korb den einschussbereiten Kevin-Prince Boateng umgerissen und die Gäste-Führung per Strafstoß (Farfan) initiiert (17.).

Doch der Ausgleich durch einen brillanten Schuss von Raffael in den Winkel (24.) und auch der Handelfmeter, den Max Kruse zum Siegtreffer nutzte (45+1), waren Beleg für eine überlegene Gladbacher Elf. Der fehlte lediglich zu oft der richtige Zeitpunkt zum Abschluss. „Zu kompliziert“, schimpfte Favre. Schalke wurde erst besser, als sie in Unterzahl spielten. Benedikt Höwedes hatte Gelb-Rot gesehen, nachdem er sich in einen platzierten Schuss Kruses gestürzt und den Ball mit seinem Arm über das Tor gelenkt hatte.

Diese vermeintliche Ungerechtigkeit beflügelte die Schalker, doch da dies keinen Einfluss mehr aufs Ergebnis hatte, zeigte sich Keller verständlicherweise nicht dankbar, sondern kritisierte Schiedsrichter Felix Zwayer. Und das gleich doppelt. „Bei unserem Strafstoß hätte Korb Rot sehen müssen. Dann wären wir in Überzahl gewesen.“ Und der Handelfmeter für Gladbach sei ebenso unberechtigt gewesen wie beide Gelben Karten für Höwedes.

Unterstützung erhielt Keller von Manager Horst Heldt – in dieser Kritik. „Der Schiedsrichter hat das Spiel entschieden“, giftete der Schalker. Die spielerisch enttäuschende Leistung der Gelsenkirchener wird er dennoch registriert haben. Keller brachte mit seinem Entlastungsversuch allerdings Lucien Favre in Rage. „Das gehört nicht zum Fußball“, ärgerte er sich über die Rot-Forderung seines Kollegen.

Der Schweizer ist ein erklärter Gegner persönlicher Strafen bei Strafstoß-Entscheidungen. Ohne Vereinsbrille, denn auch Gelb-Rot für Höwedes empfand er als ungerecht. Und so knöpfte sich der 56-Jährige seinen jungen Kollegen nach der Pressekonferenz vor.

Der Mann mit den grauen Haaren wusch Keller den Kopf. Doch schnell merkte er auch, dass der eh schon genug gebeutelt ist. Und so baute der Schweizer seinen deutschen Kollegen schnell wieder auf – mit Tipps über die Spielweise und Stärken von Schalke-Gegner Basel. Nette Geste. Zumal Schalkes Verlängerung der Doppelbelastung durch die Champions League beim Kampf um Platz vier auch eine positive Rolle spielen kann.

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