Ein „Dosenöffner“ für Favre und Borussia

Von: Bernd Schneiders
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Ungeklärtes Urheberrecht: Max Kruse (in der Luft v.l.), Adrián Ramos und Alvaro Dominguez suchen vor dem 2:0 der Borussia den B​allkontakt. Foto: Dieter Wiechmann

Mönchengladbach. Der Entwickler entwickelt sich: Lucien Favre verblüffte am Samstagabend. Nicht mit einer raffinierten taktischen Variante. Mönchengladbachs Schweizer Trainer zeigte nach dem 3:0 seiner Borussia gegen Hertha BSC eine bisher eher unbekannte Seite seiner Persönlichkeit.

In Abwägung, welche Halbzeit ihm besser gefallen habe, entschied sich der Coach mit todernster Miene für den zweiten, torlosen Durchgang. Doch dann kamen dem noch immer mit den Details und Nuancen der deutschen Sprache kämpfenden frankophonen Schweizer Bedenken: „Das war natürlich nur ein Scherz“, nahm er fast erschrocken seinen verbalen Coup zurück. Zwar liebt Lucien Favre die Kontrolle über ein Spiel, doch natürlich bevorzugt er es weiterhin, wenn sie durch gekonnte Attacken gewürzt wird, wie sie vor der Pause bei den spektakulär erzielten Toren zu bewundern waren.

Das Spiel breiter als die Brust

Die Ironie eines Hans Meyer, Kulttrainer der Borussia, wird ihm weiterhin so fern bleiben wie eine indifferente Vorbereitung auf den nächsten Gegner. Doch der erste Heimsieg anno 2014 verlieh Favre eine gewisse Lockerheit. „Das 1:0 war der Dosenöffner“, sagte Patrick Herrmann. Nicht nur für Lucien Favre als Überraschungsei. Denn bevor Juan Arango eine von Herrmann im vollen Sprint geschlagene Flanke mit seinem linken Zauberfuß ins Netz katapultierte (28.), war die Brust der Gladbacher trotz des überraschenden Erfolgs in Dortmund nicht so breit.

Dafür aber ihr Spiel: Die Außenverteidiger Filip Daems und Julian Korb schoben bei Ballbesitz extrem nach vorn und boten der zurückbleibenden Dreierkette mit Alvaro Dominguez, Martin Stranzl und dem neuen Sechser Tony Jantschke viele Anspielmöglichkeiten. Doch noch mehr geprägt war das Spiel von ausgeprägter Vorsicht und Geduld, die allenfalls einen knappen Sieg oder gar ein 0:0 gegen ebenfalls auf Fehlervermeidung konzentrierte Berliner befürchten ließ.

Ein 1:0 war in den Heimspielen zuvor schon öfter ein „Dosenöffner“ gewesen. Doch nicht selten entpuppte sich die Führung als Büchse der Pandora. Statt Souveränität erzeugte sie Verlustängste, die in individuellen Fehlern mündeten. Doch auch Favres Elf scheint sich entwickelt zu haben: Vorsichtshalber ließen Kruse & Co. noch zwei Tore folgen, von denen das letzte das schönste war: Raffael krönte seine Leistung, in dem er einen Bilderbuch-Doppelpass mit Max Kruse per Lupfer über Hertha-Keeper Thomas Kraft abschloss (40.).

Das 2:0 war weniger spektakulär, aber besaß Symbolkraft: Ein Freistoß von Arango suchte Kontakt zu Kruse, Adrián Ramos und Dominguez. Und derjenige, der dem Flugobjekt am wenigsten nahe kam, jubelte am offensivsten und bekam den Treffer zugeschrieben: Max Kruse. Selbstbewusstsein und Form sind beim Nationalspieler zurück. „Ich persönlich musste auch in die Spur zurückfinden – ich hoffe, dass mir das in den beiden Spielen gelungen ist.“ Der Ex-Freiburger kämpft um sein WM-Ticket für Brasilien.

In Südamerika könnte auch das neue Betätigungsfeld für Arango liegen. Zwar beteuerte Max Eberl erneut die fußballerische Ausnahmequalität des Venezolaners. Doch trotz der Arango-Gesänge der Borussen-Fans verwies der Sportdirektor auf die Vorgehensweise beim ehemaligen Publikumsliebling Mike Hanke, dessen Vertrag er nicht verlängerte. Eine ähnlich nüchterne Analyse bei der Frage, kann uns dieser Spieler in der Zukunft noch helfen, könnte auch das Aus für Arango bedeuten.

Die Entscheidung könnte bereits gefallen sein, zumal Eberl den unterschwelligen Vorwurf eines Journalisten leidenschaftlich konterte: „Wir sind keine Arschlöcher und halten ihn hin.“ Mexiko wird bereits als Arangos neue Spielwiese gehandelt, ebenso wie Augsburgs André Hahn als Nachfolger.

Für die sportlich Verantwortlichen ist die Zukunftsorientierung zwingend, fürs kickende Personal gefährlich. Trotz Platz 5 fordert Max Kruse deshalb die Konzentration aufs Gegenwärtige: „Über Ziele brauchen wir jetzt erst einmal nicht zu sprechen, das haben wir lange genug gemacht, und das hat uns nicht gutgetan.“ Nicht nur Lucien Favre entwickelt sich...

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