Borussia Mönchengladbach muss der nächste Balance-Akt gelingen

Von: Bernd Schneiders
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Die Perspektive beschönigt noch: Der Abstand zwischen Gladbachs Sechser Granit Xhaka und Sidney Sam ist viel zu groß. Der Leverkusener holt ungeblockt zum 3:2-Schuss aus. Sechser Nummer 2 (Rückennummer 23) Christoph Kramer kommt eh zu spät. Foto: sport/Moritz Müller

Mönchengladbach. Der Fußball soll von der Insel kommen, aber er ist keine Insel: Profis stehen auch unter dem Einfluss der Öffentlichkeit und des veröffentlichten Fußballs. Davon war vermutlich auch Borussia Mönchengladbach be- und am letzten Wochenende beim 2:4 in Leverkusen vor allem getroffen. Die Spieler von Lucien Favre gingen den Reflexionen des spielerischen Glanzes, den sie im ersten Saison-Heimspiel gegen Hannover (3:0) versprüht hatten, auf den Leim.

Die Balance zwischen Offensive und Defensive ist ein teuflisch fragiles Gebilde. Gegen Bayer kippte sie zu Ungunsten der Abwehrqualität. „Wir müssen die Balance so schnell wie möglich finden“, fordert Lucien Favre vor dem Spiel am Samstag gegen Werder Bremen.

Doch der Schweizer Tüftler benennt den Widerspruch, den die Bundesliga vorgibt: „Das braucht Zeit.“ Selbst bei einer Mannschaft, die bis auf die Neulinge Raffael, Kruse und Kramer eingespielt sein sollte. Aber im Mechanismus erfolgreicher Fußball kann bereits der Austausch eines Rädchens zu Disbalancen führen. Bei Borussia sind es im Grunde genommen vier. Denn auch Granit Xhaka war lange Zeit als zweiter Sechser nur eine Option, aber kein fester Bestandteil des Favre-Konstrukts. Und damit sind wir genau an der Stelle, an der die Achse für die Balance beheimatet ist: der Mittelfeldposition vor der Abwehr. Dass Xhaka mit seinem einst überbordenden Selbstbewusstsein diese Problematik verkörpert, dazu kann der immer noch junge Schweizer nichts.

Der Plan seines Trainers und seines Vereins ist, dass in dieser Spielzeit die Aufgabe dieser Doppelfunktion offensiver definiert wird. Die mickrig anmutende Zahl an Torchancen in der letzten Saison machte diese Vorgabe zwingend, wenn man einen Schritt vorwärts machen wollte. Dabei aber stoßen (fußballerischer) Charakter eines Schlüsselspielers, beschriebene Reflexionen der ansehnlichen Leistung gegen Hannover, aber auch die Erlebnisse beim 3:0 selbst zusammen und sorgen für Sprengstoff. Alle Favre-Spieler erfuhren am eigenen Leibe, welch fußballerischen Input die Mannschaft durch die neuen Spieler erhalten hat. Da kann das Bewusstsein um die neue Kraft wie ein süßes Gift wirken. Hier ein Prozentchen weniger häufig oder schnell zurücklaufen, dort ein Bruchteil weniger Konsequenz im Zweikampf. Obendrein birgt das Sechser-Tandem ein weiteres Problem: Xhaka ist erst 20, Kramer bereits 22, aber immer noch ein Erstliga-Rookie. Beiden geht Erfahrung ab, die durch spielerisches Potenzial (Xhaka) und Marathon-Qualitäten (Kramer) nicht per se aufgefangen werden kann.

Nur bedingt trainierbar

Diese Position im Fußball braucht Schnelligkeit vor allem im Kopf, weniger laufen, aber im richtigen Moment am richtigen Platz zu stehen, was etwa bei beiden letzten Bayer-Treffern gefehlt hat, ist wichtiger. Das kann man lernen, aber nur teilweise trainieren. Und dafür benötigt man Zeit, die kein Klub in der Bundesliga hat oder sich nicht zu nehmen traut. Da wird auch Lucien Favre nicht zu viele Spiele abwarten wollen, wenn etwa am Samstag gegen Bremen sein Kombinations-Team erneut aus der Balance gerät, ist er zu personellen Eingriffen gezwungen.

Bei dem Kader kann keiner mehr ernsthaft den Beobachtern verklickern, es sei immer noch nur eine Lerngruppe. Ergebnisse müssen her, so bescheiden und vorsichtig Sportdirektor Max Eberl die Saisonziele auch formulieren mag. Gelöst werden kann das Problem nur im Ensemble. Denn es sind nicht nur allein Xhaka und Kramer, an denen es hängt. Wenn Patrick Herrmann in fast 90 Minuten nach vorne nur ein – sehr guter – Pass gelingt, er aber nach hinten nicht konsequent genug arbeitet, hat er keine Berechtigung aufzulaufen, selbst nicht, wenn er wie gegen Bremen sein 100. Bundesligaspiel absolviert. Das gleiche trifft auf Arango zu. Ohne die Mitarbeit gerade der offensiven Außenspieler sind die Doppelsechser und auch die Viererkette verraten und verkauft.

Gladbach besitzt inzwischen Alternativen. Harvard Nordtveit lauert, Raffael und Kruse können auch links spielen, Branimir Hrgota auch und ebenso auf der Gegenseite. Samstag gegen Werder müssen Arbeitsproben abgegeben werden – in diesem Fall, um Versetzungen zu verhindern.

Voraussichtliche Aufstellung: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dominguez, Daems - Kramer, Nordtveit - Herrmann, Arango - Raffael, Kruse

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