Radarfallen Blitzen Freisteller

Wie ein Bad in geschmolzener Schokolade

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
alembild1
Die Botschaft ist angekommen: der Verein startet zuversichtlich ins nächste Jahr. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Wie beginnt man die Erzählung von einem Abend, der mindestens einen ganzen Verein verändert? Alemannias Reste-Mannschaft schlägt Eintracht Frankfurt im Pokal nach Elfmeterschießen. Das ist die Geschichte von einem Team, das über sich hinausgewachsen ist, das eine besondere Fähigkeit besitzt: Es ignoriert einfach die permanenten Rückschläge.

Die Hyballa-Mannschaft errackert sich den Sieg im Elfmeterschießen. Dieser letzte Countdown ist immer auch ein Glücksschießen. Und wenn das Füllhorn einmal über den Tivoli ausgekippt wird, dann auch richtig: Der FC Bayern ist die nächste Herausforderung. Der Verein hat den dicksten Fisch am Haken.

Es ist schwer, diesen Abend der ausbrechenden Emotionen in Worte zu kleiden, ein paar Episoden können das versuchen.

Video-Doping

Vielleicht beginnt man eine Stunde vor Spielbeginn in der abgedunkelten Kabine von Alemannia. Der Trainer hatte noch am Sonntagabend ein Drehbuch für einen kleinen Film geschrieben. Motto: Was ihr bisher erreicht habt, und was ihr noch erreichen könnt. Es war der letzte Push, die Mannschaft war aufgedreht bis zum Anschlag mit Adrenalin. Augenzeuge Erik Meijer: „Ich habe drei Jahre unter Christoph Daum gespielt, aber eine solche Motivationsansprache habe ich noch nie gehört.”

Das Trainerlob

Hyballa sagt über sich selbst, dass er etwas verrückt sei. Während des Spiels ruderte aufgeregt mit den Armen, als klebten Skorpione an seinen Fingern. „Diese Mannschaft braucht mehr Anleitung als eine erfahrene.” Die Energie verpufft nie, auch wenn er einen längeren Winterschlaf jetzt ankündigt. „Das Jahr 2010 war schon ziemlich mysteriös. Vom Arbeitsamt Dortmund zu Alemannia.”

Nach dem Spiel lief Hyballa so ziellos über den Rasen, als ob die Eltern ihn soeben vom Hausarrest befreit hätten. Er wusste gar nicht, wohin mit seinem Emotionen. „Ich habe zwar keine Kinder, fühle mich aber wie ein stolzer Vater”, sagte er. Im Laufe der nächsten Stunden trudelten ein paar hundert SMS ein, der „Freundeskreis” vergrößerte sich minütlich.

Im Sommer war der ehrgeizige Coach nicht die erste Wahl Meijers, eher dritte oder vierte. „Er passt unglaublich zu diesem Verein und zu dieser Mannschaft”, sagt Meijer ein paar Monate später. „Wenn er mit den Jungens spricht, gehen die Augen auf.”

Eine U23-Auswahl

Zwangsweise „verheiratet” wurde Hyballa im Sommer mit seinem neuen Co-Trainer Eric van der Luer. Es funktioniert, das Duo beherrscht nicht nur wunderbare Parodien, seine Arbeit ist erfolgreich. Die beiden mögen und schätzen sich. Van der Luer ist zwar jetzt bei den Profis, aber im Grunde coacht er immer noch eine verstärkte U23-Auswahl. „Das war nicht das letzte Aufgebot gegen Frankfurt”, sagt er. „Es war das Allerletzte.” Und ein gutes dazu. Da passte es auch, dass der Manager einen 22-Jährigen zum Spieler des Abends ausrief. „Unser Torwart David Hohs war vor ein paar Monaten noch in der fünften Liga. Das gerät in Vergessenheit, so wie er für uns spielt.”

„Payback-Tag”

Am (ganz) späten Abend standen die Leute zusammen, die das Ausmaß der finanziellen Misere am besten kennen. Der Aufsichtsratsvorsitzende Meino Heyen und Geschäftsführer Frithjof Kraemer hatten ein Lächeln im Gesicht, als hätten sie gerade in geschmolzener Schokolade gebadet oder Serotonin-Verstärker eingeworfen. „Man sieht, was man erreichen kann, wenn man zusammenhält”, strahlte Heyen, der „Bundesliga-Flair” ausmachte. Der Millionen-Coup kompensiert eine optimistische Kalkulation. „Das war nach vier Jahren der erste Payback-Tag”, strahlte Kraemer. Das Spiel und die Auslosung machen den Verein beweglicher. „Wir müssen nicht aus dem Mangel heraus planen, sondern können uns endlich einmal strategisch bewegen”, sagt Kraemer. Plakativ formuliert: „Das ist einfach mal ein saugutes Gefühl.” Das Faxgerät bestätigte den Eindruck am nächsten Tag. Glück- und Kartenwünsche trafen aus allen Bundesländern ein. „Das war eine gigantische Werbung für diesen Klub.”

Zwei Millionen Euro

Die finanzielle Dimension in Zahlen: Für das Erreichen des Viertelfinales gibt es 1,125 Millionen Euro TV-Geld, die Partie wird live am Mittwoch, 26. Januar, 20.30 übertragen, macht weitere 504000 Euro Zuschlag. Dazu kommen 400000 Euro für Ticketing und Catering, so viel lässt sich in einem ausverkauften Tivoli erwirtschaften. Die Partie krönt eine Woche mit drei Heimspielen (gegen Karlsruhe und Fürth zudem). Möglicherweise werden die Karten im Dreierblock verkauft.

Meijer will 1000 Karten

Der Vorverkauf für das Bayern-Spiel beginnt Anfang Januar beginnen. „Unsere Dauerkarteninhaber und Mitglieder genießen unbedingt ein Vorkaufsrecht”, sagt Kraemer. Ein prominentes Mitglied meldete noch am Mittwochabend kurz vor Mitternacht bei der Ticketing-Abteilung den Bedarf von exakt 1000 Karten an. Aber auch Erik Meijer wird sich begnügen müssen...

Holländischer Abend

Zum 110. Geburtstag hatte der FC Bayern eine Videobotschaft nach Aachen geschickt. „Ich habe gehört, dass ihr ein neues Stadion habt, da würde ich gerne mal spielen”, formulierte Mark van Bommel vor zwei Wochen. Der Wunsch geht in Erfüllung, es zeichnet sich ein holländischer Abend in Aachen ab. „Die Bayern sind ein Gegner, den wir kaum bezwingen können. Aber Hauptsache ein Heimspiel”, relativierte Kapitän Benny Auer.

Höger und Kratz verzichten

Elfmeterschießen hatte die Mannschaft nicht mehr geübt. „Die Drucksituation kann man nicht nachstellen”, sagte Hyballa vor dem Spiel. Vor den letzten fünf Schüssen in diesem Jahr versammelte er seine Mannschaft. „Ich nenne die Schützen, und wer sich traut, schaut mir in die Augen und sagt: Ich hauÔ ihn rein.” Kevin Kratz und Marco Höger zeigten Teamgeist, sie verzichteten, stattdessen wurden Thomas Stehle und Timo Achenbach nominiert. Stehles Elfmeter war der knappste an diesem Abend, Keeper Fährmann scheiterte nur knapp. Lakonischer Kommentar des Elfmeterhelden: „Den hab ich mal schön an der Wurst schnuppern lassen.”

Auer zittert

Benjamin Auer tauchte in der Aufzählung als letzter Spieler auf. „Ich wollte als erster oder zweiter schießen.” Der Plan war anders, später gab der Kapitän erleichtert zu: „Ich hatte die Hosen gestrichen voll.” Selbst der erfahrene Haudegen war erleichtert: „Es war ein grandioser Abend.” Nur nebenbei: In dieser Woche ist eine wissenschaftliche Auswertung von 9000 Strafstößen ausgewertet worden. Die Studie wurde sinnvollerweise an der London School of Economics gemacht, in jenem Land, das Panikattacken vor Strafstößen bekommt. Resultat: In 60 Prozent siegt die Mannschaft, die das Elfmeterschießen beginnt. Alemannia belegte die Theorie.

Vorzeitig urlaubsfrei

Für Mittwochmorgen war ein medizinischer Check vorgesehen. Die Pläne änderten sich am Mittwochabend kurz vor Mitternacht. Viele Spieler wollten in Köln feiern, die Trainer verkündeten deshalb vorzeitigen Urlaubsbeginn, damit niemand mehr auf glatten Fahrbahnen unterwegs sein musste.

Autobiographie von van Gaal

Die Trainer saßen schon um 10 Uhr wieder zusammen, das Trainingslager muss geplant werden. Auf ihren Schreibtischen fanden sich die Weihnachtsgeschenke: Die Autobiographie von Louis van Gaal: „Biographie & Vision”. Meijer hatte die Bücher schon lange vor dem Anstoß besorgt. Eric van der Luer hat noch vor ein paar Wochen bei seinem Landsmann hospitiert, der „halbe Holländer” Peter Hyballa gab am Abend preis, dass er jahrelang in Bayern-Bettwäsche eingeschlafen ist.

Neustart am 2. Januar

Die Winterpause ist rekordverdächtig kurz: Schon am Sonntag, 2. Januar, trifft sich die Gruppe wieder um 10 Uhr zum Trainingsauftakt am Tivoli. Tags darauf startet die Expedition ins Trainingslager nach Spanien. Fehlen wird dem neuen Torwarttrainer Hans Spillmann der verletzte Ersatz-Keeper Tim Krumpen, der an Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt ist. Die Patienten Thorsten Burkhardt und Thomas Zdebel sollen dagegen in den sechs Tagen an der Costa Blanca langsam wieder in Form gebracht werden. Henrik Ojamaa soll vorher noch zu einem niederländischen Verein ausgeliehen werden.

Da Nico Herzig und Seyi Olajengbesi noch ausfallen, ist noch reichlich Platz im Flieger. So wird auch der A-Jugendspieler Daniel Hoffmann eingeladen.

Shervin Radjabali-Fardi

Die Liste der potentiellen Neuzugänge hat sich nicht geändert, auch wenn Meijer nach dem Millionen-Coup größeren Spielraum bekommt, wie Geschäftsführer Frithjof Kraemer noch in der Nacht zusagte. Es bleibt dabei: Aachen holt Nachwuchstalente wie zum Beispiel Shervin Radjabali-Fardi. Der 19-jährige Linksverteidiger von Hertha BSC - bislang ohne Profieinsatz - wird für anderthalb Jahre ausgeliehen. „Wir bleiben bei unserem Konzept, dass wir mit guten deutschen U-Nationalspielern arbeiten.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert