Aachen - War Alemannia schon viel länger insolvent?

War Alemannia schon viel länger insolvent?

Von: Christoph Pauli
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Aktenberge: Johannes Delheid vertritt Alemannias Interessen vor Gericht. Foto: Steindl

Aachen. Die Gerichtsakten sind bereits auf über 1000 Seiten angewachsen, der Papierberg wird sicherlich noch deutlich höher werden in den nächsten Wochen. „Wir brauchen viel mehr Details“, sagt Wolfgang Bender, Vorsitzender Richter der Kammer für Handelssachen am Landgericht Aachen.

Dort will Alemannias ehemalige Geschäftsführer Frithjof Kraemer erreichen, dass seine fristlose Kündigung aus dem Herbst für unwirksam erklärt wird.

Der erfahrene Vorsitzende will in die Tiefe der Zahlen eintauchen, fordert am zweiten Verhandlungstag von Kraemer dessen Etat-Planungen für die aktuelle und die vorherige Abstiegssaison an. „Wo sind die Abweichungen, wer ist dafür verantwortlich?“, will das Gericht herausfinden.

Die Kammer will sich selbst im Reich der Etatposten einen Überblick verschaffen. Alemannias Anwalt Johannes Delheid hält die Juristen mit solcher Detailarbeit für schlicht „überfordert“. Für solche Aufgaben gebe es Spezialisten.

Brisantes Zwischenergebnis

Für den Aachener Anwalt gibt es ohnehin einen ganzen Strauß an Gründen für die Trennung. Den nächsten gravierenden Hinweis führte er nach einem Telefonat mit Rolf-Dieter Mönning selbst in das Verfahren ein. Alemannias Sachwalter sitzt gerade mit seinem Team am Abschlussbericht für das Insolvenzgericht. Zwischenbescheid laut Delheid: „Alemannia war schon Anfang 2012 insolvent.“ Schon damals zu Zweitligazeiten hätte eine gravierende Pflichtverletzung des Geschäftsführers vorgelegen, der die Zahlungsunfähigkeit nicht angemeldet hätte.

Aber noch liegt der Bericht nicht vor, und so stieg der erfahrene Richter Bender am Freitag erst einmal wieder in die (zeugenlose) Beweisaufnahme ein.

Einer der regelmäßig wiederkehrenden Vorwürfe im Gerichtssaal: Der Saarländer wäre seiner Unterrichtungspflicht nicht nachgekommen. Kraemer dagegen beruft sich unverändert darauf, alle relevanten Details mit seinem Aufsichtsratschef Meino Heyen besprochen zu haben. „Man muss doch davon ausgehen, dass der sein hochbrisantes Wissen weitergegeben hat“, vermutet Kraemer-Anwalt Matthias Lippert.

Es wird nicht ohne die Zeugen gehen. Einen komplexen Treuhandvertrag mit der Vermarkterfirma UFA will der Aufsichtsrat auch nicht kennen. Kraemer dagegen verweist darauf, dass doch Aufsichtsratsmitglied Christoph Terbrack gerade diesen Vertrag notariell beglaubigt habe. Auch für diese Doppeltätigkeit findet sich in den Protokollen keinen Hinweis.

Und dennoch, der Ton ist konzilianter geworden in dem Verfahren. Konsens ist, dass Alemannias Niedergang erheblich durch mit der fortgesetzten sportlichen Talfahrt unter Sportdirektor Erik Meijer und der mindestens wagemutigen Stadionfinanzierung zu tun hat. Für den wirtschaftlichen Niedergang aber trage Kraemer die Schuld, weil er in Krisenzeiten überfordert war und das Ausmaß des Dilemmas den Gesellschaften verschwiegen habe, sagt Delheid.

„Sie sind monatelang ihren Aufgaben nicht nachgekommen, hier sind 60 Millionen Euro mitsamt einer Fananleihe verbrannt worden. Das haben Sie zu verantworten“, teilte er dem Kläger mit.

Kraemer hatte erst wenige Tage vor seiner Kündigung vom 31. Oktober einen Fehlbetrag von 1,7 Millionen Euro seinen Kontrolleuren mitgeteilt, so stellt es der Klub dar. Ein Wirtschaftsgutachten, das nur eine Woche nach seinem Platzverweis erstellt wurde, kommt zu einem anderen Urteil. Dort ist bereits von einer Unterdeckung von satten 4,1 Millionen Euro die Rede mit einer unmissverständlichen Konsequenz: Insolvenz.

Bis zum 21. Juni muss Kraemer nun den Experten in seinem Urteil widerlegen. Eine schwierige Aufgabe. Bis zu diesem nächsten Verhandlungstag soll auch das Gutachten des Sachwalters vorliegen. Es könnte das Verfahren forcieren. „Wenn sich das bewahrheitet, was hier gesagt wurde, können wir die Bücher zumachen“, hatte Bender gesagt. Dann hätte Kraemer seine Antragspflicht elementar verletzt, die Kündigung wäre zwingend. Bis dahin werden die Akten wieder um einige Zentimeter angewachsen sein.

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