„Ich habe eine tote Mannschaft gesehen”

Von: Christoph Pauli
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Kundenkontakt: Die Spieler bekommen die Fan-Meinung deutlich mitgeteilt. Foto: getty

Aachen. Es ist immer noch die Saison, in der ein prächtiges Stadion eingeweiht wurde. Es ist die Saison, in der in das gelobte Land, in eine bessere Zukunft aufgebrochen werden sollte. Aber nach dem ersten Drittel der Saison geht es für Alemannia nur noch darum, möglichst unbeschadet die Klasse zu erhalten.

Was sind die gravierendsten Probleme?

Einen deutlichen Hinweis versteckte Nils-Ole Book in einem Nebensatz. „Aachen ist eine Mannschaft ohne Geheimnisse”, grinste Ahlens Mittelfeldspieler nach seinem ersten Sieg nach sechs Monaten. Die erfolgloseste Profi-Fußballmannschaft Deutschlands enttarnte die Aachener.

Die Probleme sind nicht weniger geworden, seitdem Michael Krüger vor acht Wochen die Mannschaft übernommen hat. Auch das Spiel gegen Ahlen war ein einziger Hilferuf. Die Mannschaft kreiert kaum Tormöglichkeiten, sie weiß schon gar nicht mehr, wie das ist: Druck erzeugen, ein Spiel aufziehen. Ihr fehlen die Außenspieler, die sich durchsetzen, durchgehend geht ihr Torgefahr ab. Sie hat keinen Schlachtenlenker, sie geht meistens kein allzu hohes Tempo, und sie hat in dieser Saison nach der 60. Minute kaum zulegen können. Ihre Standardsituationen sind fast mitleiderregend. Das ist ein umfangreiches Mängelregister. Gegen Ahlen irrlichterte auch noch der Abwehrchef Olajengbesi, ansonsten einer der Säulen dieser Mannschaft.

Wir reagieren die Spieler?

Punkte gibt es nur für Ehrlichkeit. „Es gibt keine Entschuldigung für diese Leistung. Es muss in jeden Kopf rein gehen, dass es Abstiegskampf heißt. Jetzt müssen die Fakten auf den Tisch und geredet werden. Wenn wir alles für den Verein geben, dann ergibt sich das mit den Fans von selbst”, wünschte sich Keeper Thorsten Stuckmann. Der am Freitag gesperrte Kapitän Cristian Fiel eilte in die Kabine um festzustellen: „Ich habe eine tote Mannschaft gesehen.” Das sagt alles. Am Montagabend wird es eine Aussprache der Spieler geben, initiiert wieder vom Kapitän, der auch diesmal vorangeht. Das Binnenklima ist nicht sonderlich gut, Spieler fürchten ein offenes Wort, weil die Gruppe intern wenig kritikfähig ist.

Wie reagiert die Geschäftsführung in dieser Situation?

Frithjof Kraemer hat Recht: Er will Antworten von einer Mannschaft bekommen, die vor zwei Monaten die Kündigung von Jürgen Seeberger mit vorantrieb. „Das Maas ist voll.” Die Profis haben kein Alibi mehr.

Wie analysiert der Trainer das Spiel?

Der Mannschaft gehen die Argumente aus, wenn sie nicht einmal die Primärtugenden abruft. „Wir wollen euch kämpfen sehen”, war als Handlungsempfehlung bereits vor dem Anpfiff von der Südtribüne zu hören. Stattdessen: „Lethargie... wenig Willen zum Sieg...kein Herzblut...keine Kampfbereitschaft...zu wenig Laufbereitschaft”, listete Michael Krüger enttäuscht auf. Das ist so, als wenn man einen Büroangestellten vorhalte, er käme zu spät, halb angezogen, ungekämmt ins Büro, um den Tag mit Spielen im Internet zu verbringen.

Die Mängelliste trifft eine Profimannschaft im Kern, weil sie eine unsolide Berufsauffassung beschreibt. Aber indirekt ist die Zustandsbeschreibung auch eine Kritik an der sportlichen Leitung, die eine Gruppe mit größerem Potenzial nicht in Schwung bringt.

Welches Gegenmittel hat der Trainer?

Schwierig zu beantworten. Der Coach hat nach eigenen Angaben das Fiasko schon unter der Woche aufziehen sehen, auch am Spieltag machte er nur „wenig Vorfreude” aus. Krüger reagierte mit scharfen Worte. Aber das Gegengift verfehlte die Wirkung.

Was sagt das Spiel über den Trainer aus?

Natürlich kommt auch Michael Krüger ins Gerede, der die Mannschaft nach dem sechsten Spieltag auf Platz 12 (7:8 Tore/8 Punkte) übernahm, und die nach dem 14. Spieltag (11:17/16) aufweist. Der freundliche Trainer hat die Stimmung verbessert, aber er hat in seinen ersten beiden Monaten die Kernprobleme dieser Mannschaft noch nicht in den Griff bekommen. Nach seinem ersten Spiel glaubte Krüger noch, dass dass die Mannschaft „sieben, acht Plätze” zu schlecht platziert sei. Wochen später räumt er ein: „So schwer hätte ich mir das nicht vorgestellt.”

Gegen Ahlen waren seine Auswechslungen schwer zu verstehen. Er wollte ein Zeichen auch gegen die Prominenz setzen, das war hoch gepokert. Er hat sich in diesem Fall verzockt, weil seine Impulse verpufften. Krüger nahm die triste Darbietung apathisch am Spielfeldrand entgegen, nicht eine Anweisung, ohne Hilfestellung für die schwankende Mannschaft. „Die Gruppe ist blockiert”, sagt Krüger, aber noch fehlt ihm der Schlüssel.

Wie ist die Ausgangslage für die Spieler?

Die Verträge von 16 Profis laufen in Aachen aus, Krüger erkennt Absatztendenzen, spricht von Egoismen, fordert: „Priorität haben nicht die individuellen Ziele, sondern hat der Verein.” Aber ist das eine hinlängliche Erklärung für die nächste schlappe Darbietung? Dagegen spricht, dass die nicht homogen zusammengestellte Mannschaft schon seit Saisonbeginn ihre Schwierigkeiten hat.

Wie ist die tatsächliche Qualität der Mannschaft?

Natürlich will Krüger nicht den Stab nicht über das Team brechen, mit dem er weiter vorankommen will und muss. „Die Mannschaft hat das Potenzial, nahezu jeden Gegner in der Liga zu schlagen”, sagt der 55-Jährige. Aber sie ist auch jederzeit in der Lage, gegen deutlich schlechtere Teams ungefährdet zu verlieren.

Wie geht das Team mit der Fanschelte um?

Ungeduscht stellten sie sich nach Spielende zur Publikumsbeschimpfung auf. „Ihr macht den Klub kaputt.” Die Zeiten sind schwierig, weil sich gerade das Publikum entsetzt oder verärgert abwendet. „Die Fans standen hinter uns wie eine Wand. Das war immer ein Pfund”, sagt Geschäftsführer Frithjof Kraemer. Die Wand bekommt Löcher. Kraemer und Krüger waren die ersten, die sich am Freitagabend den aufgebrachten Fans stellten - mit viel Verständnis für die Empörung.

Was sagte der Manager?

Andreas Bornemann wurde am Freitag weder in der Mixed-Zone bei der Fan-Aussprache noch bei der Pressekonferenz gesichtet, wo ein Manager nach so einem Spiel zwingend hingehört hätte.

Welche Konsequenz hat die Partie für die Spieler?

Vorerst keine. Der Sonntag war - frei.
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