Aachen - Hoffen auf die Pokal-Wiederholung

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Hoffen auf die Pokal-Wiederholung

Von: Thomas Mörs
Letzte Aktualisierung:
Alemannia bayern
Aachens Alexander Klitzpera liegt nach dem Sieg 2006 jubelnd auf Moses Sichone (Sambia). Das Spiel endete 4:2. Foto: dapd

Aachen. Der ganz normale Wahnsinn. Alemannia Aachen Ende 2003 und Anfang 2004. Für alle Schwarz-Gelben war plötzlich nichts mehr wie es vorher war. Erst spielten Erik Meijer und Co völlig überraschend eine Hinrunde in der 2. Bundesliga, die auch die größten Optimisten nicht für möglich gehalten hätten. Und die Kultstätte „Tivoli” erlebte beim packenden Pokalerfolg gegen 1860 München den Höhepunkt des Jahres 2003.

In der nächsten Runde fegte das Team von Trainer Jörg Berger dann in Braunschweig - im wohl besten Spiel des Jahres - die Eintracht mit 5:0 vom Platz. Am 7. Dezember zog dann ein kleiner Junge namens Luca Boddien das Traumlos für das Viertelfinale aus dem Topf: Bayern München.

Noch in der gleichen Nacht spuckte das Fax-Gerät in der kleinen Geschäftsstelle direkt am Stadion stapelweise Kartenvorbestellungen aus, und in den Tagen darauf trafen sogar Briefe mit Bargeld oder Schecks auf der Geschäftsstelle ein. Da stand dann etwa zu lesen: „Ich bestelle hiermit vier Karten für das Bayern-Spiel. Der Preis spielt keine Rolle.” Das Interesse an der Alemannia nahm über Nacht unvorstellbare Ausmaße an. An Freizeit war für die Mitarbeiter der Geschäftsstelle von dem Moment an endgültig nicht mehr zu denken.

Zeitgleich gab es im Dezember 2003 nämlich noch eine weit weniger erfreuliche Nachricht zu verarbeiten: Ein Urteil des DFB-Sportgerichts. Am 14. Spieltag hatte die Alemannia zwar gegen Nürnberg mit 1:0 gewonnen, aber die Spielwertung wurde annulliert, nachdem zahlreiche Gegenstände aufs Spielfeld geworfen worden waren und FCN-Trainer Wolfgang Wolf am Kopf getroffen wurde. Die Folge: Erstmals musste ein Zweitligaspiel im deutschen Fußball ohne Zuschauer ausgetragen werden.

Nebenbei Herbstmeister

Das „Geisterspiel” wurde auf den 26. Januar 2004 gelegt, also gut eine Woche vor dem Viertelfinale im DFB-Pokal gegen die Bayern. Aber die Fans aus Aachen und Nürnberg ließen nichts unversucht, um bei diesem Spiel ohne Zuschauer trotzdem dabei sein zu können. Massenhaft rauschten Faxe und E-Mails auf die Presseabteilung zu, denn es war ja einer begrenzten Anzahl von Journalisten und Fotografen erlaubt, über das Wiederholungsspiel gegen Nürnberg zu berichten. So ganz nebenbei konnte die Alemannia durch einen Sieg nachträglich noch „Herbstmeister” werden.

Der Einfallsreichtum der Anhänger beider Klubs kannte dann auch keine Grenzen. Sämtliche Hobby-Fotografen hatten plötzlich eine eigene Agentur. Schülerpresseausweise und schlechte Kopien von allen möglichen Presse-Legitimationen stapelten sich auf dem Schreibtisch. Die Telefone standen nicht mehr still. Zwei Spiele mit Kult-Charakter gleich zu Jahresbeginn, die Geschäftsstelle glich einem Tollhaus. Zwölf-Stunden-Arbeitstage wurden zur Regel.

Doch das war erst der Anfang. Die Fans wurden inzwischen nämlich informiert, dass für das Pokalspiel gegen die Bayern nur Dauerkarteninhaber und Mitglieder ein Vorkaufsrecht besitzen. Und schon setzte der Run auf die kostbaren Jahreskarten oder den Mitgliedsausweis bei der Alemannia ein. Mit einem Schlag verdoppelte sich deren Anzahl. In der ganzen Stadt war ein schwarz-gelbes Fieber ausgebrochen.

Das Jahr 2004 begann mit Menschenansammlungen vor dem kleinen Fan-Shop an der Krefelder Straße. Bis zur Tankstelle standen die Fans mit Beginn des offiziellen Kartenverkaufs für Mitglieder und Dauerkarteninhaber. Und das tagelang. Jeder wollte möglichst schnell seine Karten. Kaum gedruckt waren die begehrten Tickets schon weg, einen freien Verkauf gab es erst gar nicht.

Während Jörg Berger die Mannschaft konzentriert auf das „Geisterspiel” (die Alemannia gewann 3:2 gegen Nürnberg, wurde nachträglich „Herbstmeister”), den Rückrundenauftakt gegen Burghausen (0:1-Niederlage bei der Generalprobe drei Tage vor dem Pokalspiel) und das große Spiel gegen die Bayern vorbereitete, nahm der ganz normale Wahnsinn weiter seinen Lauf. Hinter den Kulissen wurden ein zusätzliches VIP-Zelt und eine Stahlrohr-Zusatztribüne ( für 80 zusätzliche Sitzplätze) organisiert. Diese Tribüne wurde für das große Spiel an der Stelle platziert, an der sonst die TV-Journalisten saßen. Also mitten im S-Block, dem Herzstück der Fans.

Hier war Platz entstanden, nachdem die Delegation des ZDFs, das das Bayern-Spiel live übertragen sollte, die etablierten Kamerapositionen von der Gegen- auf die Haupttribünenseite verlagern wollte. Der Grund hierfür: Nach den Vorkommnissen im ersten Nürnberg-Spiel musste die Alemannia ein feinmaschiges Netz vor den gesamten Fanblock aufhängen. Und die komplizierte Technik für Logo-Animationen auf dem Spielfeld, die nur die TV-Zuschauer sehen können, funktioniert mit einem Netz dazwischen eben nicht.

So begannen nach dem Burghausen-Spiel noch am Sonntagabend umfangreiche Umbaumaßnahmen auf dem Tivoli. Drei Tage lang wuselten fleißige Helfer Tag und Nacht rund um das Spielfeld. Unter dem Dach der Haupttribüne wurden nur für das eine Spiel „Schwalbennester” installiert für die TV-Kameras, die neuen Arbeitsplätze für die Kommentatoren nahmen aber auf der Haupttribüne einen Teil der üblichen Medienarbeitsplätze weg. Die schreibenden Journalisten mussten sich also auf den kleinen verbleibenden Bereich quetschen. Erstmals wurden bei einem Spiel auf dem Tivoli daher auch Stehplatzkarten im Medienbereich ausgestellt. Not macht eben erfinderisch.

Auf den Würselener Wall kam ein gläsernes TV-Studio, rund ums Spielfeld wurden neue Werbebanden aufgebaut, die „Schwalbennester” wurden aufgehängt, die Pressetribüne umgebaut, Sicherheitsdienst und Ordner mussten eingewiesen werden und im Fan-shop gingen die vom Marketing organisierten Devotionalien wie Caps, T-Shirts und so weiter nur so über die Ladentheke. Immer noch versuchten sich Fans mit den eigenartigsten Begründungen als Medienvertreter zu akkreditieren.

Nebenbei galt es noch eine Hochglanzausgabe des Tivoli-Echo für das große Spiel zu erstellen, eine Pressekonferenz mit gewaltigem Medieninteresse zu organisieren, endlos Interviewanfragen zu bearbeiten und größtenteils abzulehnen. Eigentlich waren viel zu wenig Mitarbeiter vor Ort, irgendwie lief alles wie im Rausch ab. Keine Zeit nachzudenken - bis die Mannschaften an diesem denkwürdigen Mittwochabend am 4. Februar 2004 endlich einliefen, alles auf seinen Plätzen war und es vor 20400 Zuschauern (der alte Tivoli platze fast aus den Nähten, rund 200 Medienmitarbeiter waren untergebracht, über 20 Kameras waren aufnahmebereit, rund neun Millionen Zuschauer waren an den TV-Geräten dabei) mit dem Anpfiff von Schiedsrichter Michael Weiner endlich losging.

Der Rest des Spiels ist Geschichte. Stefan Blank und Erik Meijer sorgen mit ihren Toren gegen Kahn, Ballack und den Rest der immer kleiner werdenden großen Bayern für ein komplett hüpfendes Stadion. Ein denkwürdiger Tag ging, wie es sich für die Alemannia in dieser Zeit gehörte, aber nicht unspektakulär zu Ende. Am späten Abend brachte die Auslosung im DFB-Pokal den nächsten Kracher. Wieder ein Heimspiel, diesmal gegen Borussia Mönchengladbach. Und schon wieder rissen alle die Arme hoch - und der ganz normale Wahnsinn ging nahtlos weiter.
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