Gestern noch ausgepfiffen, heute gefeiert

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
1. FSV Mainz 05 - Alemannia Aachen
Der Mainzer Elkin Soto (rechts) fällt im Zweikampf mit dem Aachener Matthias Lehmann auf den Rasen. Foto: dpa

Mainz. Vor dem Spiel lief der Aachener Präsident wieder den Fanblock ab. Horst Heinrichs ist dort gerade besonders beliebt, zum einen, weil er zum Rückzug im Sommer gezwungen wurde.

Zum anderen bekommt der 61-Jährige ein paar Liebkosungen zusätzlich ab (die er gerne entgegennimmt), weil die Profis zuletzt wenig positive Emotionen herausforderten.

Eine halbe Stunde war schon gespielt, da war der Heinrichs-Beifall immer noch der größte. Aber dann änderte das Spiel die Richtung, so rasant, dass ein ganzer Block am Ende intonierte: „Wir sind stolz auf unser Team.”

Das in die Kritik geratene Team hatte gerade das beste Auswärtsspiel unter Trainer Jürgen Seeberger gezeigt und 4:1 beim Tabellendritten Mainz 05 gewonnen. Die Freude strahlte aus ihm wie aus einem undichten Reaktor. Schließlich waren viele kleine Trainerideen aufgegangen. Es war ein Spiel mit vielen schönen Geschichten.

Die erste hat mit dem Rücken von Florian Müller zu tun. Der zwackt ein wenig, und so blieb Müller in der Heimat. Vermutlich erst deshalb rutschte Daniel Brinkmann noch ins Team. Einen etwas älteren Rücken besitzt auch der Mainzer Keeper Dimo Wache. Weil der sich deutlich bemerkbar machte, wurde der Kapitän nach 20 Minuten durch Christian Wetklo ersetzt.

Der nahm die Arbeit auf mit ein paar Slapstick-Einlagen, jeder Pass landete mit großer Zuverlässigkeit beim Gegner. Zunächst profitierte Oussalé, dessen Schuss wehrte Wetklo noch ab, gegen Brinkmanns Abstauber war er machtlos (30.). Der Schlaks profitierte auch von dem nächsten Querschläger, Nemeth spielte ihn frei, und der Gast nahm eine 2:0-Führung mit in die Kabine.

Für Brinkmann war es der dritte Treffer in Mainz in Serie, letzte Saison stellte er das 1:0 sicher. Noch letzte Woche war Brinkmann hämisch von den eigenen Fans verabschiedet worden. „Das habe ich nicht als eine Aktion gegen mich interpretiert, sondern ich habe die Pfiffe stellvertretend abbekommen, weil das Publikum unzufrieden war”, urteilte Aachens Bester. Ein paar Tage später wurde er jedenfalls eindeutig gefeiert, aus dem Amboss wurde ein Hammer.

Seeberger hatte die Abwehr umgebaut. Lukasz Szukala oder Hrvoje Vukovic war die Frage. Die Antwort lautete Mirko Casper. „Ich schätze ihn als extrem soliden Spieler”, sagt der Trainer.

Mainz war feldüberlegen, bekam den glitschigen Gegner aber nicht in den Griff. Souverän warteten die Gäste auf die Kontermöglichkeiten. Die kamen reichlich. Wetklo war nun mit den Händen wesentlich besser unterwegs, rettete brillant gegen Holtby und zweifach gegen Brinkmann (63./64.). Stattdessen verkürzte Amri nach einem Einwurf (69.), und ein paar Minuten taumelte Alemannia wie ein angeschlagener Boxer.

Ein Fallrückzieher von Borja zischte knapp am Tor vorbei, ehe die Saisonpremiere von Abdul Özgen anstand. Der Amateurspieler wäre schon ein paar Sekunden früher unterwegs gewesen, wenn er denn nicht sein Trikot in der Kabine vergessen... Der zusätzliche Laufweg machte sich nicht bemerkbar, der 22-Jährige schaffte mit seinem ersten Ballkontakt das 1:3 (75.). „Darauf habe ich Jahre gewartet”, berichtete der Angreifer später.

Es war noch nicht die letzte Episode an diesem Nachmittag, Holtbys geplanter Pass zu Nemeth landete ebenfalls im Tor („Da habe ich selbst dumm geguckt”). Das 1:4 tauchte auch in der Schlussabrechnung auf, weil Keeper Stuckmann in letzter Sekunde noch einen unberechtigten Strafstoß (Lehmann an Feulner) von Karhan abwehrte.

So endete der furiose Nachmittag mit vielen strahlenden Gesichtern in der Fankurve, wo eben noch der Präsident gestanden hatte. „Wir haben zuletzt richtig auf die Fresse bekommen, das war heute die richtige Reaktion”, wählte Kapitän Lehmann nach Spielschluss noch einmal die rustikale Variante.
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