Fußballglück im Exil: Ex-Alemanne Polenz kickt in Australien

Von: John Hennig
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Ausgewandert: Jérôme Polenz hat sein Glück in Australien gefunden. Foto: imago/Matthias Koch

Sydney. Es gibt ein Bild, noch keinen Monat alt, das alles aussagt über das neue Leben von Jérôme Polenz. Darauf zu sehen ist Australiens Premierministerin Julia Gillard inmitten der Mannschaft der Western Sydney Wanderers. In den Händen hält Gillard ein Trikot mit ihrem Namen. Polenz steht direkt dahinter – in einem Pikachu-Kostüm.

Dabei ist Polenz in Australien keinesfalls zum Maskottchen degradiert worden. Eher das Gegenteil ist der Fall. Er habe Gillard den Harlem Shake vorgeschlagen, kommentiert er selbst das Bild, doch sie habe dankend abgelehnt.

Undenkbar wäre dieses Szenario in Polenz‘ alter Heimat aus verschiedenen Gründen gewesen. Zum einen lässt sich Angela Merkel eher selten bei Alemannia oder Union Berlin blicken, zum anderen war Jérôme Polenz am Ende auf und neben dem Platz ins Abseits geraten. Seine Karriere, die ihn in der Jugend bei Werder Bremen in die Junioren-Nationalmannschaft und sogar kurzzeitig in den Bundesliga-Kader führte, war in Deutschland ins Stocken geraten.

War er bei der Alemannia nach seinem Wechsel aus Bremen zunächst zwei Jahre Stammspieler, spielte er in seiner dritten Saison kaum noch eine Rolle und wechselte 2010 in seine Heimatstadt Berlin, wo er von Anfang an nie über den Status eines Ergänzungsspielers hinaus kam. Für neun Monate wurde Polenz bei Union sogar aus dem Zweitliga-Kader suspendiert. Lediglich 14 Einsätze bei den Profis standen für ihn in zwei Jahren in Köpenick zu Buche.

Er habe dann für sich selbst entschieden, „etwas Neues zu wagen“, sagt Polenz zu seinem Wechsel, den er nur mit seiner Frau Svenja besprach. Der 26-Jährige hatte unter anderem den Dokumentar-Film „Tom meets Zizou“ über Thomas Broich und dessen sportlichen Neuanfang down under gesehen und sich inspirieren lassen: „Da hab ich gesehen, dass er gute Erfahrungen damit gemacht hat.“ Broich, der einzige andere Deutsche in der Liga, wurde zwei Mal in Serie mit Brisbane Roar australischer Meister und zudem im Vorjahr als bester Spieler der Liga ausgezeichnet.

Schließlich entschied sich auch Polenz für das Abenteuer Australien – bei einem Verein, der noch nie ein Spiel bestritten hatte: Die Western Sydney Wanderers wurden erst vor einem Jahr gegründet und bereiteten sich im Sommer auf ihre erste Saison in der australischen A-League vor, als Polenz dazu stieß. „Ein paar Monate zuvor gab es noch keinen einzigen Spieler, keine Umkleideräume, keinen Trainingsplatz. Ich wusste nicht so richtig, was mich erwartet, es gab keine Referenzen, gar nichts, aber manchmal muss man im Leben halt ein Risiko wagen.“

So viel kann man sagen: Das Risiko – wenn auch aus der Not heraus geboren – hat sich für ihn gelohnt. Denn ein halbes Jahr später sind die Wanderers die Erfolgs-Geschichte des australischen Sports, führen kurz vor Ende der regulären Saison sensationell die Tabelle an. Zuletzt feierte die Mannschaft zehn Siege in Serie, am Sonntag gab es im Derby von Sidney ein 1:1. „Das war alles andere als zu erwarten“, meint Polenz noch immer etwas ungläubig über die rasante Entwicklung. Aber nicht umsonst kommt in diesen Wochen auch Julia Gillard zu Besuch.

Seine Rolle in der Mannschaft hat Polenz sofort gefunden. Er spult auf der rechten Abwehrseite seriös sein Pensum ab: „Man muss topfit sein, um hier bestehen zu können“, wehrt er noch vor der Frage das Vorurteil ab, dass das Leben in der A-League eher ein Abenteuer-Urlaub mit gelegentlichen Spielen sei: „Ich hatte mich zum Glück in Bremen fit gehalten, denn das ist hier schon oberes Zweitliga-Niveau. Die A-League hat sich sehr gemacht und gut entwickelt.“

Genauso wie Jérôme Polenz seit seinem Wechsel. Das Leben in Australien hat für ihn auch andere nette Nebeneffekte. „Ich bin ganz froh, dass ich auf dem Trainingsplatz nicht jeden Tag Schnee sehe, sondern mich eher gut mit Sonnenschutz eincremen muss“, erzählt der gebürtige Berliner mit einem Lächeln im gut gebräunten Gesicht. So genießt Polenz seit Monaten sommerliche Spiele in den Abendstunden. Und durch die Erfolge steigen auch die Zuschauerzahlen in Parramatta, 30 Kilometer westlich von Sydney, wo die Wanderers ihre Heimspiele austragen, stetig.

Quasi aus dem Stand kommen im Schnitt mehr als 10.000 Zuschauer zu den Spielen des Neulings. Dabei haben sich die Fans der Wanderers von Anfang an den Ruf erarbeitet, die stimmungsvollsten im Lande zu sein, mit einem beachtlichen Fanblock, der 90 Minuten lang nach europäischem Vorbild für Stimmung sorgt. Und so kann Polenz nach Siegen oft das tun, was in Aachen oder Berlin noch undenkbar gewesen wäre: Er gibt den Vorsinger vor der Fankurve und den Spaßvogel beim Gruppenbild.

Im April geht die Saison in die eigentlich entscheidende Phase, dann spielen die sechs besten Mannschaften in den Play-offs den australischen Meister aus. Ausgerechnet jetzt hat sich Polenz am Oberschenkel verletzt, fällt für drei bis vier Wochen aus. Aber egal wie die Saison ausgeht, schon jetzt steht für ihn fest: „Das war eine der besten Entscheidungen, die ich bisher getroffen habe.“ Polenz hat den Spaß am Fußball wieder gefunden. Das bleibt auch in Deutschland nicht unbemerkt. „Ich kriege viele Mails. Ehemalige Mitspieler und Freunde, alle verfolgen das. Manche stehen auch morgens auf und sehen sich die Spiele im Live-Stream an“, erzählt er, „und einige Spieler fragen auch nach, wie es hier ist. Es gibt ein paar, die würden gern hierher kommen.“

Der 26-Jährige kann dafür nur werben: „Ich bin von allem positiv überrascht und sehe auch keinen Grund, hier weg zu gehen.“ So hat er seinen Vertrag bei den Wanderers schon nach den ersten Monaten um ein Jahr bis 2014 verlängert. Und auch die Monate nach der Saison bleibt er in Australien: „Bislang kommen meine Familie und Freunde auch gerne her“, sagt er und grinst. Auch ehemalige Mitspieler waren wohl schon da . . .

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