Mainz/Arnoldsweiler - Ex-Alemanne Christoph Moritz: „Ich bin halt ein Spaßfußballer“

Ex-Alemanne Christoph Moritz: „Ich bin halt ein Spaßfußballer“

Von: Reinhard Rehberg
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Christoph Moritz in Aktion. Foto: dpa
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Seiner Heimat fühlt sich Christoph Moritz immer noch verbunden. Foto: Guido Jansen

Mainz/Arnoldsweiler. Ein Profi spricht aus, was er denkt. Authentisch. Ohne Kalkül, aus dem Bauch heraus. Oft erlebt man das nicht mehr im heutigen Profizirkus, in dem strategisch denkende Medien-, Image- und Geschäftsberater den Spielern Schubladen verordnen, Worthülsen und Floskelgirlanden eintrichtern für die standardisierten Auftritte in der Öffentlichkeit. Christoph Moritz ist da anders.

Der Mittelfeldspieler des FSV Mainz 05 verlangt noch nicht einmal, und auch das ist eine Seltenheit geworden, die Aussagen für diesen Text gegenzulesen oder von einem Berater autorisieren zu lassen. Der 24-Jährige hat sich eine ursprüngliche Natürlichkeit bewahrt. Auch eine wohltuende Distanz zum professionellen Fußballbetrieb. Der lebt von Eitelkeiten, Ellbogenehrgeiz, Erfolgsdruck und dem Streben nach den ganz großen Scheinen.

Moritz hat kein Problem damit, sich als Spaßfußballer zu bezeichnen. Klar, als Bub im Dürener Stadtteil Arnoldsweiler hat er auch mal unter „Berufswunsch“ ins Schulbuch geschrieben: Profifußballer. Aber als realistisch eingeschätzt hat er viele Jahre nur das Ziel, mal in der ersten Mannschaft von Viktoria 08 Arnoldsweiler auflaufen zu dürfen. So wie Vater Willi, der nach seiner Landesligakarriere im Klub Jugendtrainer wurde. Und seinem Sohn ab der F-Jugend neun Jahre lang die Grundausbildung vermittelte. Herausgekommen ist tatsächlich ein Bundesligafußballer. Fast wider Willen.

Denn der Filius war glücklich in Arnoldsweiler. Glücklich im Verein, glücklich mit den Kumpels, mit denen er außerhalb der Trainingszeiten tagtäglich auf dem kleinen Rasenplatz auf dem Klubgelände unweit des Elternhauses einfach nur kickte. Die sich früh einstellenden Einladungen zur Kreisauswahl machten Moritz nicht sonderlich stolz. Erste Druckgefühle. „Das hat mir nicht so gefallen.“ Einladungen zu Probetrainings bei größeren Klubs lehnte das Talent lange ab. „Ich wollte nicht weg. Ich wollte nicht in einem Nachwuchsleistungszentrum jedes Jahr um die Versetzung bangen.“ Als Alemannia Aachen schließlich heftig um den B-Jugendlichen warb, das war 2006, da packte Papa Willi seinen unwilligen Christoph einfach ins Auto. Der Sohn saß während der Fahrt vermotzt auf der Rückbank. Keine Lust. Dann war‘s doch ganz nett im Training, der Wechsel ging über die Bühne.

Drei Jahre später kam das Angebot vom FC Schalke 04. Der einstige Aachener A-Juniorentrainer Markus Höger lockte seinen damaligen Schützling mit einem Vertrag für die zweite Mannschaft. Moritz machte gerade sein Abitur, der Zivildienst stand an, danach wollte er Sport studieren. Na ja, sagte er sich, zwei Jahre gebe ich dem höherklassigen Fußball mal eine Chance. Nach der Vorbereitung mit der zweiten Mannschaft rief Cheftrainer Felix Magath. Und Moritz stand am ersten Bundesligaspieltag 2009/10 in der Schalker Startaufstellung – in einem Team mit dem Weltstar Raul. Dem folgten in jener Saison weitere 27 Einsätze im Profiteam. Ein Katapultstart. Ohne Ellbogenehrgeiz.

Dann kamen Verletzungen. Und mit der zunehmenden Kritik des Trainers kam der ebenso fröhliche wie sensible junge Mann „auch nicht so gut klar“. Die Einsätze wurden weniger. „Keine Frage, Fußball ist cool“, sagt Moritz. „Aber der Druck ist schon groß. Nur laufen, grätschen, Konkurrenzkampf, das macht weniger Spaß.“

2013 ging Moritz nach Mainz. Schweren Herzens. „Mit Umfeldwechseln tue ich mich einfach schwer.“ Der Mittelfeldspieler brauchte einige Wochen, bis der damalige Trainer auf ihn setzte. Irgendwann bat Thomas Tuchel zum Gespräch. Die Ansage: „Du bist zu lieb zu dir und zu lieb zum Gegner.“ Beim ersten Spiel in der Startelf ging Moritz die Sache grimmig an. Das klappte nicht überragend gut. Tuchel signalisierte während des Spiels: „Hab Spaß!“ Er solle mehr lächeln. Ein paar Spiele später kam ein Lob des Trainers, die Mainzer Journalisten staunten: Tuchel freute sich riesig darüber, dass der nette Moritz, den ein Helfersyndrom kennzeichne, „ja sogar mal ein Foul begangen“ habe. „Magath hat mir das auch schon immer gesagt, dass ich zu lieb sei“, erzählt Moritz lachend. „Aber ich habe wirklich eher das Gefühl, dass ich mir selbst weh tue, wenn ich so richtig hart einsteige.“

Dem Gegenspieler einen Finger ins Auge stecken, den Ellbogen auf den Wangenknochen stoßen, das Knie in den Rücken rammen, diese gängigen „Alles-oder-Nichts-Aktionen“ im Profifußball verabscheut Moritz als „rücksichtslos“. In Kopfballduellen mit 1,90-Hünen mache er instinktiv einen Buckel. „Ein totaler Zweikämpfer werde ich in meiner Karriere wohl nicht mehr. Wer früher 250 Tage im Jahr mit seinen besten Kumpels auf dem Bolzplatz verbracht hat, der muss Spaß haben bei dem, was er tut.“ Eine Verletzung des Gegenspielers bewusst in Kauf zu nehmen, das ist für diesen Profi kein Spaßfaktor.

So ganz muss man die Selbstwahrnehmung des glänzenden Technikers nicht übernehmen. Moritz ist aggressiver geworden, dadurch auch selbstbewusster. Er spult Laufkilometer ab, er erobert Bälle. Moritz ist ein Malocher geworden im Mainzer Maschinenraum. Seit einigen Wochen ist er verletzt, der Rücken. Der auf allen Mittelfeldpositionen einsetzbare Ballschlepper, Ankurbler und Passgeber fehlt der von Trainer Kasper Hjulmand taktisch neu ausgerichteten Mannschaft. Das ist unübersehbar. In der Hinrunde wird Moritz nicht mehr auflaufen. „Nach Verletzungen brauche ich immer noch mal zwei, drei Wochen Training, um wieder bereit zu sein für den Wettkampf.“

Mit seiner stetig guten Laune und seiner sozialen Art hat Moritz aber auch außerhalb der Kreidelinien seinen Wert für den Mainzer Kader. Sein Wort gilt etwas in der Kabine. Der intelligente junge Mann hat sich hervorragend integriert. Mit seinem Freund Stefan Bell schaut er regelmäßig Spiele der U23 und der U19. „Was gibt es Schöneres?“ Im Weihnachtsurlaub kickt er gemeinsam mit den alten Kumpels mal wieder in der Soccerhalle in der Nähe von Arnoldsweiler. „Ich bin halt ein Spaßfußballer.“ Uneitel, unprätentiös. Und ehrlich.

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