Die alten Mängel: „Das hat nichts mit dem Stadion zu tun”

Von: Klaus Schmidt
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Verzweiflung am Wegesrand: Jürgen Seeberger erlebte mit seiner Mannschaft die höchste Heimpleite seit 62 Jahren. Foto: Ratajczak

Aachen. Paralysiert. Wie gelähmt. Unter Schockstarre. Spieler, die mit Tränen in den Augen das Feld verlassen. Es waren keine Freudentränen. Geschichten, die niemand zu erfinden mag - bei Alemannia Aachen werden sie Realität. Dieser 17. August 2009 war bis abends gegen halb neun ein einziger Hype, der neue Tivoli sang und tanzte, dass sich die Tribünen bogen.

Eineinhalb Stunden später endete die Eröffnung dieses prächtigen Stadions mit einem Desaster in jeder Hinsicht, fern jeder Vorstellungskraft; wie benebelt verließen Protagonisten und Publikum die Stätte, und niemand wusste in Worte zu fassen, was da gerade geschehen war. Erst recht nicht nach dem Sturz, der das Leben eines St. Pauli-Fans in Gefahr brachte.

Null zu fünf. Was beim letzten Testlauf der Videowand am Nachmittag noch - in umgekehrter Zahlenfolge - den Gaul mit der Stadionregie durchgehen ließ, brachte Jürgen Seeberger und seiner Mannschaft jetzt einen Eintrag ins Schwarzbuch der Klubgeschichte. Null zu fünf vor der größten Kulisse bei einem Ligaspiel seit über 40 Jahren - so hoch hatte unter den zahlreichen Alemannia-Trainern zuletzt Viktor Havlicek am 14. September 1947 verloren. „Kopflos”, „ein Wahnsinn”, „schlimmer geht´s nimmer”: Seeberger sprach eine Nacht später von einem „Schattenboxen” gegen den letzten Gast, der auf dem alten Tivoli gewann, und dem ersten, der auch auf dem neuen siegte.

Seit Beginn der Vorbereitung hatten Sportdirektor Andreas Bornemann und der Chefcoach immer wieder erklärt, die Mannschaft sei gegenüber der letzten Saison qualitativ verbessert. Ein „Mentalitätswechsel” wurde angestrebt mit dem Ziel, sich nach Rückständen nicht mehr so leicht aus den Latschen kippen zu lassen. Und nun die vorläufige Erkenntnis: Es geht so weiter wie bisher. „Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass wir so zerbröseln würden”, sagte Cristian Fiel, „es gab ja auch keinen Grund.” Bis zum 0:1. „Du kannst gegen St. Pauli verlieren. Aber so darf man sich nicht abschlachten lassen.”

Jürgen Seeberger wollte die Tracht Prügel „nicht einreihen in die Serie der letzten Saison” - weil dieses Spiel von vornherein ein anderes gewesen sei. „Man kommt raus, ist fasziniert. Doch je mehr man die Erwartungen erfüllen will, umso schwieriger wird´s.” Der neue Palast als Hemmschuh? „Wir können nicht den Gemütszustand für ganz Aachen auf unsere Schultern laden.”

Das wäre gerade für die Spieler ein bequemer Satz gewesen, doch die Profis verkniffen sich jeden Versuch, die Legende vom Druck zu stricken, der mit dem neuen Stadion verbunden sei. „Der Druck wurde nicht zu groß”, sagt Kapitän Fiel. Torhüter Thorsten Stuckmann: „Dass wir so eingebrochen sind, hat nichts mit dem Stadion zu tun.” Und Szilard Nemeth (am Dienstag zur Untersuchung seines Knies in Köln, ab Donnerstag wieder im Training) verweist ganz sachlich auf das kleine Fußball-Einmaleins: „Das darf nicht passieren, dass drei Gegentore fallen, nachdem wir am gegnerischen Sechzehner stehen.”

Nun also zum 1. FC Kaiserslautern: Jürgen Seeberger will nicht davon sprechen, dass „schon am dritten Spieltag irgendwelche Entscheidungen fallen”, doch ein Akt der Wiedergutmachung wäre kein schlechtes Verkaufsargument für Tickets zum nächsten Heimspiel gegen den FSV Frankfurt. Der Trainer will „genau hinschauen, ob jeder alles für das Team tut, auch außerhalb des Platzes”. Die Mannschaft ihrerseits lechzt danach, endlich Struktur und Homogenität verpasst zu bekommen. Denn diesen Mangel haben sie mit rübergenommen in die schöne neue Welt.
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