Aachen - „Das sind zwei Wettbewerbe in einer Klasse“

„Das sind zwei Wettbewerbe in einer Klasse“

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Drei Trainer, eine Liga: Alemannia-Coach Peter Schubert (von links), Eric van der Luer (KFC Uerdingen) und Uwe Koschinat (Fortuna Köln) am Treffpunkt Tivoli. Foto: Andreas Steindl
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Gesprächsrunde in der Tivoli-Loge: Uwe Koschinat (von links), Eric van der Luer und Peter Schubert mit unseren Redakteuren Helga Raue, Klaus Schmidt und Christoph Pauli. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der eine hätte die Regionalliga West fast mit einem Aufstieg verlassen dürfen, der andere erreichte sie als Aufsteiger, der dritte wurde in sie zwangsversetzt. Die Wege von Fortuna Kölns Trainer Uwe Koschinat, KFC Uerdingens Trainer Eric van der Luer und Alemannias Trainer Peter Schubert sind völlig unterschiedlich. Am Dienstag kreuzten sie sich schon einmal – beim Vorgespräch zum Ligastart mit der Sportredaktion.

Uwe Koschinat, worauf können sich Ihre Kollegen in der Regionalliga gefasst machen?

Koschinat: Das Besondere ist, dass man sich auf komplett unterschiedliche Gegner einstellen muss. Es gibt viele U 23-Teams mit sehr gut ausgebildeten Spielern mit zahlreichen U-Länderspielen. Da steht aber noch Ausbildung im Vordergrund. Sie sind extrem an Tempo, am eigenen Ballbesitz und nachrangig am Ergebnis orientiert. Und dann gibt es viele Traditionsteams, bei denen es um Emotion und Atmosphäre geht. Es kann also sein, dass deine Mannschaft vor 100 bei Düsseldorf II und vier Tage später vor 10 000 Zuschauern in Essen spielt. Das sind dann jeweils komplett unterschiedliche Herangehensweisen.

Worauf freuen Sie sich, was befürchten Sie?

Koschinat: Die Liga hat durch die Zusammensetzung noch einmal enorm an Attraktivität gewonnen, das wird sich auch in den Zuschauerzahlen niederschlagen. Das öffentliche Interesse mit vielen Teams, die vor nicht allzu langer Zeit im Profifußball eine Rolle gespielt haben, ist extrem im Blickpunkt. Da ist eine große Vorfreude. Wir starten gegen Aachen (Fupa-Liveticker ab 19 Uhr), haben dann ein Heimspiel gegen Uerdingen, dazwischen ein Pokalspiel gegen Mainz. Das erinnert als alter Fortune an Zweitliga-Zeiten.

Regionalliga gilt als Amateurliga. Ist es nicht eher die 4. Profiliga?

Van der Luer: Bei uns nicht. Ich kann morgens nicht trainieren, weil jeder einen Job hat. Die Bedingungen in Uerdingen haben sich normalisiert. Zu Zeiten der 6. Liga wurde zweimal täglich trainiert, ohne dass das Ergebnis stimmte. Es wurde Geld verbrannt. Man muss sich an seinen Möglichkeiten orientieren. Wir haben einen großen Sponsor, dazu kommt noch ein bisschen Kleingeld. Fazit: Wir haben etwas bessere Amateurverhältnisse.

Schubert: Wir haben auch noch Schüler und Auszubildende, aber die meisten kümmern sich ausschließlich um den Fußball. Das war aber unser Ziel, weil wir auch vormittags arbeiten wollten.

Koschinat: Als ich vor zwei Jahren in Köln angefangen habe, war die Umstellung auf den Profi-Fußball meine Bedingung. In der absoluten Spitze der Liga kannst du nur unter Vollprofi-Bedingungen mitspielen. Es ist Fortunas Idee, den Weg zu gehen, der mal in der 3. Liga enden soll.

Alle drei Klubs haben schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Wie stark trauert man der Vergangenheit noch nach?

Van der Luer: Bei uns wird regelmäßig über Tradition wie den Pokalgewinn 1985 gesprochen, und die Probleme werden ausgeblendet. Man hält gerne an den guten alten Zeiten fest. Die Realität ist aber, dass wir täglich kämpfen, um unsere Rechnungen zahlen zu können. Man muss sich davon verabschieden, sonst entwickelt man sich nicht.

Koschinat: Wahrscheinlich hat sich kein Verein so intensiv mit der Zukunft auseinandersetzen müssen wie Fortuna. Wir waren permanent in der Spitzengruppe, haben im Schnitt zwei Punkte geholt, und es hat dennoch deutlich nicht gereicht. Trotz einer sehr guten Saison mit einem Pokalsieg, mit einer guten Außendarstellung war die Existenz gefährdet. Wir sind von einem Sponsor abhängig, der sich gefragt hat, ob diese Investitionen dauerhaft sinnvoll sind. Jetzt registriere ich durch den Pokalerfolg eine gewisse Vorfreude. Aber klar ist, dass wir in Köln deutlich im Schatten des FC stehen. Der kann machen was er will, die Leute strömen dahin. Diese Nische hat aber auch den Vorteil, dass man in schwierigen Zeiten gut arbeiten kann und sich nicht permanent rechtfertigen muss.

Schubert: Zur Ruhe wird Alemannia nie kommen. Dafür ist das Medien- und Faninteresse zu groß. Man merkt, dass die Vergangenheit noch nagt und wehtut. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass wir wieder Boden unter die Füße bekommen. Wir müssen eine Basis finden, um irgendwann einmal wieder andere Ziele anzupeilen. Zurückblicken nutzt nichts, die Realität ist die Regionalliga.

Was erwarten Sie in der neuen Umgebung von der neuen Mannschaft?

Schubert: Das neue Team muss sich in einer sehr kurzen Zeit finden. In der Vorbereitung gab es Dinge, die gut gepasst, aber auch solche, die weniger gut gepasst haben. An solchen Automatismen arbeiten wir gerade. Ich erwarte, dass meine Mannschaft leidenschaftlich und entschlossen ist, dass sie 90 Minuten auf dem Feld alles investiert und wir uns nichts vorzuwerfen haben.

Van der Luer: Wir müssen uns an die 4. Liga gewöhnen. Unsere Arbeit war schon in der letzten Saison auf die Regionalliga ausgerichtet. Eine Vorbereitung auf die Partien in der Oberliga war sinnlos, weil sich alle Gegner nur verschanzt haben.

Erwarten Sie, Herr Koschinat, von Ihrem Team, mit dem Sie Vize-Meister wurden, eine bessere Platzierung?

Koschinat: Das wäre völlig vermessen. Trainer brauchen natürlich Ziele, aber das auf einen Tabellenplatz zu reduzieren, ginge komplett an der Liga-Realität vorbei. Wenn sehr viel zusammenkommt, können wir gegen jeden Gegner bestehen, ihn vielleicht auch dominieren. Ich habe das große Glück, dass der Stamm zusammengeblieben ist. Das ist eine vernünftige Basis, sechs, sieben, acht Spieler werden wieder in der Mannschaft stehen, die in der letzten Saison sehr viele Punkte geholt haben. Dabei haben wir den Kader verjüngt und auf den verringerten Etat reagiert.

Wie schwierig ist es, der Frontmann in einem Klub zu sein?

Koschinat: Das ist sehr angenehm. Für meine Entwicklung kann es nichts Besseres geben. Es gibt nur zwei Ansprechpartner, kurze Wege, niemand käme auf die Idee, sportlich zu kommentieren. Die Aufgabenteilung passt, an der Front stehen nur uneitle Personen – auch das macht den Erfolg aus.

War das auch der Grund, im Frühsommer nach langer Bedenkzeit das Angebot aus Aachen abzulehnen?

Koschinat: Zu internen Gesprächen werde ich nichts sagen. Die Ausgangslage damals war für die Spieler und den Trainer brutal: Wir wussten seit dem 20. Dezember, dass es vor dem letzten Spiel mit niemandem ein Gespräch geben wird. Wie wir alle damit umgegangen sind, war überragend und hat geprägt. Aber es war nachvollziehbar, dass sich jeder mit seiner Zukunft beschäftigt hat. Am Ende stellte sich die Frage ohnehin nicht, weil ich noch Vertrag habe. Und das weitere Engagement des Sponsors hing von meiner Vertragstreue ab.

Eric van der Luer, Sie mussten den damaligen Zweitligisten verlassen und haben bei einem Fünftligisten angefangen, mit dem Sie sich jetzt mit Aachen in der 4. Liga treffen.

Van der Luer: Vor Jahren habe ich scherzhaft gesagt, dass ich gegen Alemannia mal in einer Liga spielen möchte. Das tut schon weh, was hier passiert ist. Irgendwann haben Leute angefangen Sachen zu machen, die nicht zu Alemannia passen. Das begann mit dem Stadionneubau, obwohl der Tivoli immer ausverkauft war. Die Finanzierung mit einer Belastung von sechs Millionen Euro hing dem Verein wie ein Mühlrad am Hals. Das kriegst du auch in der 2. Liga nicht hin. Und noch etwas: Diejenigen, die zur Kontrolle eingeteilt waren, haben die falschen Leute kontrolliert. Es kann nicht sein, dass ein Vorsitzender des Aufsichtsrats mit Spielern telefoniert. Das ist der falsche Film, das habe ich den Herren damals auch gesagt. Jetzt ist es bitter, dass wir uns in der 4. Liga treffen, nachdem über Jahre hier sehr gute Arbeit geleistet wurde. In meiner letzten Saison als Co-Trainer in Aachen haben wir sechs Millionen Euro durch Pokalspiele und Transfers eingenommen. Jetzt muss der Peter versuchen, den Verein wieder sportlich zu stabilisieren.

Ist die Aufgabe für Aachens Trainer nicht die schwierigste, weil der nächste Neuanfang ansteht? Vom Teamposter der letzten Saison ist nur Sascha Marquet geblieben.

Schubert: Es ist schwierig, weil wir ein Gerüst innerhalb kurzer Zeit aufzubauen versuchen. Da sind drei Wochen nicht viel Zeit. Wir werden noch die eine oder andere Stunde auf dem Trainingsplatz dafür benötigen. Hierarchien entwickeln sich gerade. Wer hat welchen Stellenwert, wer geht voran? Das fehlt uns noch, hält uns aber nicht davon ab, erfolgreich Fußballspielen zu können.

Mit welchem Etat können Sie arbeiten, mit welchen Zuschauerzahlen rechnen Sie?

Koschinat: Wir haben ein stabiles Niveau von 800 bis 1200 eigenen Zuschauern. Der Schnitt hängt von unserem Erfolg ab. Wir müssen also ein Eventpublikum finden, das vorbeischaut. Im erheblichen Maß wird der Schnitt auch von Gästefans beeinflusst. Bei den Etatgeschichten fahren wir überragend gut, wenn wir einfach die Klappe halten. Wir alle haben bei Fortuna kein Interesse, Dinge in die Öffentlichkeit zu bringen, die da nicht hingehören.

Van der Luer: Ich kenne den Etat nicht, das ist das private Vergnügen unseres Hauptsponsors. Wenn er gute Laune hat, gibt er mehr aus, sonst kann er auch ein Sparschwein sein. In der letzten Saison sind 2200 Zuschauer im Schnitt gekommen, das wollen wir ausbauen.

Koschinat: Es hängt auch von der Konstellation der Zweiten Mannschaften ab. Bei Schalke II sind 1000 Hardcore-Fans mitgekommen, wenn die Bundesliga-Mannschaft pausierte. Finanziell ist das toll, sportlich kann das schwierig werden, wenn zwei, drei richtige Raketen mit auf dem Platz stehen. Das ist ein Kennzeichen dieser Liga, es finden zwei Wettbewerbe in einer Klasse statt.

Schubert: Etatvergleiche sind ohnehin schwierig, weil man nicht weiß, welche Dinge da berücksichtigt werden. Kalkuliert wird mit 5500 Zuschauern bei uns.

Es gibt das schillernde Projekt Viktoria Köln. Mit großen Namen soll da der Erfolg erkauft werden. Wie schätzen Sie das Projekt ein?

Van der Luer: Der Hauptsponsor Franz-Josef Wernze hat den großen Ehrgeiz, irgendwann mal auf Augenhöhe mit dem 1. FC Köln zu sein. Die Attraktivität der Liga wird durch seine vielen Stars erhöht, das gefällt mir.

Koschinat: Zumindest muss man den Hut davor ziehen, dass jemand sich in diesem Maße engagiert. Das Projekt ist ja nicht auf Sand gebaut, das Geld existiert ja in jeder Summe. Wenn er Lust hat, sich Albert Streit unter den Tannenbaum zu legen oder Pele Wollitz zu verpflichten, dann macht er das. Er kann es sich leisten. In der letzten Saison haben wir beide Derbys gewonnen, haben Viktoria in der Rückrunde 18 Punkte abgenommen. Die Konsequenz war nun nicht, den nächsten Schritt zu machen, sondern gleich die nächste Treppe zu nehmen. Er versucht mit viel Qualität, den Aufstieg abzusichern. Ob es funktioniert, wird man sehen.

Wer sind die Liga-Favoriten, was ist das eigene Saisonziel?

Schubert: Lotte, Fortuna und Viktoria Köln, Rot-Weiß Essen. Wir denken von Spiel zu Spiel und streben eine permanente Entwicklung an. Am Ende der Saison werden wir sehen, was unter dem Strich steht.

Van der Luer: Wir wollen eine ganze Saison nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Dann kann sich eine Mannschaft, ein Verein, ein Präsidium, ein Trainer entwickeln. Damit haben wir in der letzten Saison begonnen. Alle haben sich an das Siegen gewöhnt. Ich bin gespannt, wie es sich entwickelt, wenn wir mal ein paar Spiele verlieren. Für mich sieht das ganz nach Viktoria Köln aus, aber eine Garantie haben die mit ihren Investitionen auch nicht. Auf Lotte und Essen bin ich nach der letzten Saison mal gespannt.

Koschinat: Ich weiß nicht, wie sich Alemannia in zwei, drei, vier Wochen präsentiert. Bei Viktoria Köln weiß man nicht, wer da noch alles kommt, Novakovic, Podolski (lacht). Wer hätte gedacht, dass Timo Staffeldt, der beste defensive Mittelfeldspieler der 3. Liga, vor dem Wechsel aus Osnabrück steht? Viktoria kommt um die Favoritenrolle nicht herum. Ich persönlich habe einen unfassbaren Respekt vor Schalkes U 23. Wir wollen unter den ersten Fünf sein, Sechster zu werden, das wäre eine Enttäuschung.

Statistisch ist nirgendwo der Aufstieg so schwer wie in den Regionalligen, von 90 Teams dürfen nur drei aufsteigen.

Schubert: Das ist sicher unglücklich. Der Meister sollte auch aufsteigen und nicht noch in eine Relegation müssen. Du kannst ja gar nicht planen.

Koschinat: Da muss man selbstkritisch sagen: Das haben sich die Vereine selbst eingebrockt mit der Reform der Regionalliga, weil sie die fast professionellen Anforderungen an die Strukturen nicht stemmen wollten.

Van der Luer: Vielleicht muss man eher etwas an der 3. Liga ändern. Sie ist unattraktiv und kostet viel Geld. Eine 3. Liga A und B wäre vielleicht eine Idee.

Selbst viertklassiger Fußball verdrängt die Handball-Bundesliga bei Sport 1 am Dienstag.

Schubert: Ich denke, die TV-Präsenz macht es einfacher, Sponsoren zu finden.

Van der Luer: Ich habe nix mit Handball zu schaffen.

Koschinat: Wir haben darum gebeten, unsere Heimspiele nicht zu übertragen. Das kostet uns Zuschauer und bringt uns deutschlandweit keinen einzigen zusätzlichen Sponsor. Es wäre was anderes, wenn es darüber hinaus eine zentrale Vermarktung geben würde, von der alle profitieren. Oder wenn Vereine, die in der Regionalliga Talente und Rekonvaleszenten heranführen und so ihren Nutzen aus der Liga ziehen, die anderen Klubs unterstützen. 250 000 Euro, die tun Schalke oder Bayern doch nicht weh. Vielleicht ist das eine verrückte Idee.

Solidarität im Fußball . . .

Van der Luer: . . . ist eine Form von Individualität, die ganz nah im eigenen Umfeld aufhört.

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