Bornemann: „Es wird nicht den großen Schnitt geben”

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Nachdenklich: Alemannia Aachens Manager Andreas Bornemann.

Aachen. In einem anderen Bereich würde man nach dem Gespräch formulieren, dass man es mit zwei Realpolitikern zu tun hat. Der Verein lebt von Emotionen, aber Alemannias neuer Manager Andreas Bornemann und sein Geschäftsführer Frithjof Kraemer wagten beim Redaktionsgespräch einen nüchternen Ausblick. Und nebenbei war das 90-minütige Gespräch ein Plädoyer für den eigenen Trainer.

Herr Bornemann, hätten Sie sich einen anderen Einstieg in Ihre Arbeit gewünscht, als sofort die Trainerfrage beantworten zu müssen?

Bornemann: Ich habe mich gewundert über die Ausgangslage in Aachen. Jürgen Seeberger holt 58 Punkte im Kalenderjahr, so viel wie sonst niemand in der Liga. Und dennoch werde ich an jeder Ecke mit der Trainerfrage konfrontiert. Das habe ich nicht ganz verstanden. Nach dem Abstieg und dem Intermezzo mit Buchwald hat ein in der Bundesliga relativ unerfahrener Trainer 30 Punkte mit dieser Mannschaft geholt. Die Abwärtsspirale wurde gestoppt, das ist nicht selbstverständlich - siehe Hansa Rostock. Das Tabellenbild am Saisonende spiegelt seit Jahren die finanziellen Möglichkeiten wieder. Da liegen wir in diesem Jahr auf Platz 6 bis 8. In der Tabelle war das Team aber Fünfter mit nur geringem Abstand zur Spitze, und trotzdem herrschte Unzufriedenheit.

Haben Sie herausgefunden, woher die Unzufriedenheit kommt?

Bornemann: Sie entsteht immer dort, wo Erwartungen, Wünsche oder Versprechungen nicht eingelöst werden. Vielleicht war es ein Fehler, vor der Saison keine konkrete Zielsetzung zu formulieren. Es hätte gut getan, auf die gewaltige Aufgabe mit dem Stadionbau hinzuweisen.

Kraemer: Ich mache eine kleine Anmerkung. Schon bei den ersten Gesprächen hatten Erik Meijer und ich den Eindruck, dass Andreas Bornemann enorm bodenständig ist. Wir haben damals nicht das gehört, was wir hören wollten, sondern haben eine realistische Einschätzung von ihm bekommen. Ich spüre ein offenes und ehrliches Einschätzen der Gesamtsituation. Ich höre kein Jammern, aber auch keinen falschen Optimismus.

Es gibt auch Gegenbeispiele, Herr Bornemann, dass Klubs wie Fürth oder St. Pauli mit geringerer finanzieller Potenz erfolgreich sind.

Bornemann: Fürth lasse ich gelten, sie sind unter den ersten Sechs aber auch der einzige Ausreißer. St. Pauli steht genau da, wo sie hingehören. Sie sind wirtschaftlich eher vor der Alemannia platziert.

Liegt die Wahrheit oder die Antwort auf die Unzufriedenheit nicht auf dem Spielfeld? Es gab exakt drei überzeugende Spiele.

Bornemann: Das ist 2. Liga. Flächendeckend, fast ohne Ausnahme. Wo kommt eigentlich der Anspruch her, dass man die Gegner locker vom Platz spielt? Die Liga ist extrem ausgeglichen, die Hälfte der Liga hat auswärts Probleme. Aber zufrieden bin ich natürlich nicht damit.

Während der Hinrunde hat Ihr Trainer die fehlende Euphorie thematisiert. Hängt die nicht unmittelbar von den Leistungen ab?

Kraemer: Ich habe das Euphorie-Zitat des Trainers erst verursacht, weil ich ihm am Tag davor eine halbe Stunde lang vorgejammert habe, wie mich die fehlende Euphorie stört. Dabei gibt es richtig gute Gründe, um stolz zu sein. Es gibt bundesweit nicht einen Verein, der sein Stadion eigenfinanziert, selbst baut und betreibt. Es ist ein bisschen schade, dass sich nicht alle daran erfreuen, was hier gerade entsteht.

Bornemann: Sie sprechen das Thema Euphorie an. Die Berichterstattung oder das Stimmungsbild waren auch nach zwei Siegen in Folge nicht positiv.

Die Berichterstattung ist immer ein Reflex auf die Wirklichkeit. Und wenn der Aufsichtsrat meint, er müsse sich mit der Trainerfrage beschäftigen, dann sind die Medien die Boten und nicht die Auslöser der Debatte.

Bornemann: Die Dynamik kommt durch viele Aspekte. Da sind sicher einige Dinge nicht rund gelaufen.

Ihr Etat, Herr Bornemann, wird sich nicht verbessern. Wie radikal wird also die Veränderung des Kaders ausfallen?

Bornemann: Es wird nicht den großen radikalen Schnitt geben oder geben müssen. Aber wir möchten im nächsten Jahr ein paar zusätzliche Eigenschaften auf dem Platz haben. Der Verein hat auf Strecke mit dem Stadionneubau den einzig richtigen Schritt gemacht, kurzfristig verbessern sich die finanziellen Möglichkeiten nicht für den Sport.

Kraemer: Die ersten drei Betriebsjahre wird sich das nicht spürbar auf den Sportetat auswirken. Wir werden zwar sechs bis sieben Millionen Euro mehr Umsatz haben, aber wir haben einen Kapitaldienst von jeweils 6,5 Millionen Euro in den ersten drei Jahren. Aber im Gegensatz zu anderen Vereinen können wir unser Level halten.

Wir stellen uns krisenunabhängiger auf, würden wir im Tivoli verbleiben, würde der Sportetat um mindestens eine halbe Million sinken. Im alten Stadion wären wir untergegangen, trotz des ungebremsten Zuschauerschnitts. Wir haben seit zwei Jahren Umsatzrückgänge, da können wir uns anstrengen wie wir wollen.

Welche Eigenschaften, Herr Bornemann möchten Sie verpflichten?

Bornemann: Man hört bei den Fans raus, dass sie mehr Lauffreunde, Leidenschaft und Engagement auf dem Platz sehen wollen. Wir brauchen eine gute Mischung, die wir derzeit vielleicht nicht immer haben.

Es gibt eine Gruppe von Spielern, die den Trainer nicht so toll findet, was kein Aachen-spezifisches Phänomen sein muss. Gehen Sie auf diese zu, oder fordern Sie ein, dass sich Leistungssportler professionell verhalten?

Bornemann: Diese angebliche Gruppe hat sich mir zumindest noch nicht vorgestellt. Ein Trainer muss nicht von der Mannschaft geliebt werden. Das war auch nicht in Freiburg bei Volker Finke der Fall. Es geht um einen respektvollen Umgang miteinander - in beide Richtungen. Dazu zähle ich auch, dass Interna nicht nach außen getragen werden.

Solche Phänomene haben Sie in Aachen angetroffen?

Bornemann: Ich frage nach fußball-inhaltlichen Dingen. Das war und ist für mich das zentrale Thema. Mich wundert es, dass ständig über Sachen geredet wird, die überhaupt nichts mit Fußball zu tun haben.

Können Sie die Entwicklung heilen, den Respekt zurückholen?

Bornemann: Den Respekt fordere ich einfach ein. Ich habe festgestellt, dass in Aachen die Mannschaft die Spiele gewinnt und nur der Trainer sie verliert. Das ist eine sehr komfortable Ausgangslage für die Mannschaft. Aber so entwickelt sie sich nicht weiter, das habe ich der Mannschaft auch so gesagt. Jeder Spieler muss einfach wissen, dass die Chance um ein Vielfaches höher ist, mit seiner Mannschaft in die Bundesliga zu gelangen, als von einem Erstligisten verpflichtet zu werden.

Diese Erkenntnis ist noch unterentwickelt?

Bornemann: Sagen wir es mal so: Sie ist noch ausbaufähig. Erfolg stellt sich nur ein, wenn man zusammenarbeitet.

Die skizzierte Entwicklung passt nicht zur Historie der Mannschaft, die immer als starke Einheit galt und auch privat engen Kontakt hielt.

Bornemann: Immer? Das klingt mir jetzt aber doch zu sehr nach heiler Welt. Das Gesicht des Teams hat sich in den zurückliegenden Jahren stark verändert. Mit Stehle und Plaßhenrich haben wir in der laufenden Saison zwei starke Persönlichkeiten verloren. Und die Mannschaft fragt sich nun: Wer gibt jetzt eigentlich die Richtung vor? Die Hierarchie hat sich noch nicht herausgebildet.

Kraemer: Aus meiner Sicht: Nicht das was passiert, sondern das, was man zulässt, ist das Entscheidende. Und es ist relativ viel zugelassen worden, da haben wir Defizite. Es gibt eine Eigendynamik, eine klare Rechte- und Pflichtenverteilung ist nicht immer erkennbar.

Haben Sie Sorge, dass die Entscheidung in der Trainerfrage Sie auch beschädigen könnte?

Bornemann: Ich habe die Entscheidung getroffen, weil ich überzeugt bin, dass es der richtige Schritt für die Alemannia ist. Jürgen Seeberger bringt die notwendigen fachlichen Qualifikationen für die anstehenden Aufgaben mit.

Wir stark ist die Basis durch den Jugendbereich?

Bornemann: Diese Basis wird mit dem Bau des neuen Trainingszentrums gerade geschaffen. Schritt für Schritt müssen wir die Qualität im Jugendbereich anheben. Aber auch wenn wir mehr A-Schein-Inhaber haben, profitieren wir nicht sofort, der Vorlauf ist vier, fünf Jahre.

Aber auch das Geld für diese Maßnahmen muss aus dem Profifußball abgezwackt werden. Wir stehen vor einem Spagat: Einerseits möglichst erfolgreich den Bundesliga-Fußball zu organisieren, andererseits das Ausbildungsniveau zu erhöhen.

Ist der Klub bislang nicht eher stiefmütterlich mit seinen anderen Abteilungen umgegangen?

Bornemann: Nein, sehe ich nicht so. Es geht immer um die Qualität. Wir haben derzeit vier Spieler aus der zweiten Mannschaft regelmäßig im Trainingsbetrieb der Profimannschaft integriert, drei waren im Winter mit auf Zypern im Trainingslager. Jeden Montag sitze ich mit den hauptamtlichen Trainern und unserem Nachwuchsleiter Willi Breuer zusammen, und wir tauschen uns aus.

Kraemer: Im letzten Zertifizierungsverfahren für die Jugendarbeit gab es null Sterne für uns. Wir waren unter den Bedingungen am alten Tivoli noch meilenweit von der Konkurrenz entfernt. Es gibt enormen Nachwuchsbedarf, dabei brauchen wir einen langen Atem.
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