Amateurklubs kritisieren Alemannias Umgang mit Jugendlichen

Von: Klaus Schmidt
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Redaktionsbesuch: Die Vereinsvorsitzenden Horst König (Westwacht Aachen, links) und Rainer Bartz (Jugendsport Wenau) sowie SV Eilendorfs Trainer Achim Rodtheut (Dritter von rechts) im Gespräch mit Guido Jansen (von rechts), Christoph Pauli, Helga Raue und Klaus Schmidt. Foto: Michael Jaspers
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„Bis vor einem Jahr war die Zusammenarbeit gut“: Rainer Bartz hat die Kooperation von Jugendsport Wenau mit Alemannia aufgekündigt.
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„Eine Verhaltensnorm für jeden Verein“: Achim Rodtheut, einst verantwortlich in Alemannias Nachwuchsleistungszentrum, jetzt SV Eilendorf.
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„Wenn man sieht, wie schnell viele Jugendliche wieder von Alemannia weggeschickt werden . . .“: Horst König stellt für Westwacht keine Trainingsfreigaben mehr aus.

Aachen. Horst König nennt da dieses Beispiel am Rande einer Partie, die gerade mal zwei Wochen zurückliegt. Die B-Junioren von Hertha Walheim spielten in der Mittelrheinliga bei der U 16 von Alemannia Aachen, König berichtet: „Da wurde ein Junge von Walheim angesprochen: Du trainierst am Donnerstag bei uns.“

Solch eine Praxis sei keine Ausnahme, der 1. Vorsitzende von Westwacht Aachen spricht aus eigener Erfahrung. Schon mehrfach seien Spieler des in der Nachwuchsarbeit erfolgreichen Vereins ohne Erlaubnis zum Training der Schwarz-Gelben erschienen, was alleine aus versicherungstechnischen Gründen riskant ist.

„Wir sprechen auch Spieler an“, sagt König, „aber wir tauschen uns mit den anderen Vereinen aus. Der Ton macht die Musik.“ Und die klingt disharmonisch zwischen immer mehr Amateurklubs aus der Region und Alemannia. „Bis vor einem Jahr war die Zusammenarbeit gut“, sagt Rainer Bartz, 1. Vorsitzender von Jugendsport Wenau. Sechs Jahre war sein Verein Aachens Kooperationspartner, beide Seiten hätten profitiert. Doch die vertraglich festgelegte Partnerschaft ist seit September letzten Jahres von Wenau aufgekündigt.

Glashaus und Felsbrocken

König, Bartz und Achim Rodtheut, Trainer und Sportlicher Leiter des SV Eilendorf, brennt das Thema schon länger unter den Nägeln, sie reden darüber beim Redaktionsgespräch unserer Zeitung. Sie formieren sich zum geschlossenen Aufbegehren, ausgelöst durch eine Aussage von Uwe Scherr. Alemannias scheidender Sport-Geschäftsführer hatte sich beklagt über „Wilderei“ größerer Klubs am Tivoli und keine Trainingsgenehmigungen mehr ausgestellt. „Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Felsbrocken werfen“, sagt König. Rodtheut, der als administrativer Leiter des Nachwuchsleistungszentrums selbst eine Alemannia-Vergangenheit hat, spricht von Verärgerung und Verbitterung. „Das geht nicht, was in der Jugend passiert, so wie Alemannia an Spieler rangeht.“

Die verärgerten Klubs machen die Entwicklung des Verhältnisses zu Alemannia an handelnden Personen fest. Mit dem Ausscheiden von Eric van der Luer und vor allem von Franz Stolz habe sich vieles zum Nachteil verändert. Um die Atmosphäre und den Austausch wieder zu verbessern, habe man den Kontakt zu Uwe Scherr gesucht, schließlich wurde auch Klaus Degenhardt vom Jugendausschuss des Fußball-Verbandes Mittelrhein (FVM) eingeschaltet. „Den Jungs kann man das nicht vorwerfen, wenn sie einer Einladung zum Alemannia-Training folgen“, sagt Achim Rodtheut, der Verein habe trotz des Abstiegs in die Viertklassigkeit weiterhin eine große Anziehungskraft. „Aber es soll keiner kommen und etwas sagen von besserer Ausbildung.“ Horst König moniert: „Wenn man sieht, wie schnell viele Jugendliche wieder von Alemannia weggeschickt werden . . . Da gibt es kein Fangnetz.“ Wer dann wieder bei Westwacht, Jugendsport oder beim SV Eilendorf landet, der hat den Makel, es am Tivoli nicht geschafft zu haben.

Rainer Bartz berichtet von „unserer F-Jugend, die wahnsinnig stark war“ – und aus der sich die drei Besten zum Wechsel-Stichtag 30. Juni abmeldeten. Horst König räumt ein, dass in so manchem Fall „die Jungen über die Eltern verbrannt werden“, Achim Rodtheut kann nur mit dem Kopf schütteln: „Wir reden hier über Sechsjährige, die zur U 8 geholt werden.“ Ähnliche Erfahrungen hätten auch der VfB 08 Aachen und die Sportfreunde Hehlrath gemacht. „Wenn sich ein Verein, der auf dem Papier noch an oberster Stelle in der Region steht, so verhält, dann kriegt er ein echtes Problem.“ Bartz sagt: „Wir sind alle Freunde von Alemannia, haben sie unterstützt. Doch Nähe, Respekt und Moral sind weg.“

Die Vertreter der Klubs nehmen ihre eigenen Erfahrungen zum Anlass, einem grundsätzlichen Problem zu begegnen und für Besserung zu sorgen. „Bislang passiert nichts, das geht nur, wenn man Druck macht“, sagt Achim Rodtheut. Jugendliche ohne schriftliche Erlaubnis des aktuellen Vereins bei sich trainieren zu lassen, das hat momentan keine Folgen für die so genannten „Wilderer“. „Man kann dann ein Sportgerichtsverfahren einleiten“, Horst König hatte als Jugendleiter der Westwacht vier Fälle zur Anzeige gebracht. „Vier Mal wurde das Verfahren eingestellt.“ Rodtheut mahnt „eine Verhaltensnorm für jeden Verein“ an. „Die muss von oben kommen, vom Verband – sonst schert wieder jemand aus.“

Scherr: Einladungen ignoriert

Uwe Scherr nimmt zu den Vorwürfen so Stellung: „Dass Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga-Klubs junge und talentierte Spieler von umgebenen Vereinen sichten und ggf. anwerben, ist absolut üblich und wird auch an allen anderen NLZ-Standorten gehandhabt. Diese Tatsache zeigt aber auch, dass in den entsprechenden Klubs gute Nachwuchsarbeit betrieben wird.“

Alemannia sei bestrebt, so Scherr weiter, auf die Nachbarvereine zuzugehen, um eine gemeinsame Basis für die weitere Zusammenarbeit zu legen. „In der Regel informieren wir jeden Verein zunächst schriftlich über unser Interesse an einem Spieler. Leider wurden diese Einladungen häufig ignoriert, sodass wir direkt die Eltern ansprechen mussten, die sich wiederum an ihren Verein gewandt haben. Wir orientieren uns bei der Nachwuchsarbeit am Tivoli an den vorgegebenen Satzungen, deren Einhaltung der Verband letztmalig im Frühjahr 2013 ohne Beanstandung vor Ort geprüft hat.“ Der DFB habe Alemannias NLZ zuletzt ausdrücklich gelobt und weitere Unterstützung für die Zukunft zugesagt.

Westwacht Aachen hat es der Alemannia vergangene Woche erst mal schriftlich gegeben: keine Trainingsbescheinigungen mehr, für Spieler mit Freigabevermerk kein Wechsel mehr an den Tivoli, Alemannia-Scouts und -Trainer auf den Westwacht-Anlagen unerwünscht. „Alemannia wird als Aushängeschild der Region gebraucht“, sagt Horst König. „Aber nicht um jeden Preis.“

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