Alemannia: Gelungener Aufstand der „Kindertruppe“

Von: Christoph Pauli
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Alemannia Saarbrücken
Ein Grund zum Feiern: Alemannia besiegt Saarbrücken verdient mit 2:0. Foto: Martin Ratajczak
Alemannia Saarbrücken
Ein Grund zum Feiern: Alemannia besiegt Saarbrücken verdient mit 2:0. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Am Ende stand da dieses Versprechen. „Wir wollen zeigen, was die Kindertruppe leisten kann“, grinste Aachens neuer Kapitän Sascha Herröder, 24. „Wir werden von vielen totgesagt, aber wir ziehen das hier durch“, kündigte sein Trainer René van Eck mit berechtigtem Stolz an.

Der Trotz hat sich breit gemacht beim insolventen Drittligisten. Die Mannschaft wird als sicherer Absteiger gehandelt, aber sie wehrt sich. Eine erste Kostprobe dieser Widerstandskraft bekam der 1. FC Saarbrücken am Samstag zu spüren. 2:0 endete dieses „Retterspiel“. 8369 Fans waren gekommen – 3000 verzichteten trotz vorbezahlter Dauerkarten auf die Freischaltung ihrer Tickets – aber diese Anhänger und die zurückgebliebenen Profis bilden eine imposante Glaubensgemeinschaft.

Und so war es ein ziemlich emotionaler Nachmittag, der Schulterschluss zwischen Fans und Team in Krisenzeiten war durchaus beeindruckend. „Keiner erwartet mehr etwas von Alemannia, aber wir glauben an uns“, sagte René van Eck. Der Trainer hatte eine „U 22“ aufgeboten, das Durchschnittsalter Jahren dieser deutlich verbilligten Mannschaft lag bei 21,5. Wo die Grenzen dieses Kaders liegen, wurde mit einem Blick auf die Auswechselbank schnell erkennbar. Dort war nicht ein einziger kopfballstarker Defensivspieler geparkt.

Verärgerter Gästetrainer

Die ersten Minuten im Schicksalsjahr 2013 waren nervös. Die Fehler häuften sich, ein Rhythmus stellte sich nicht ein. „Wir haben die Partie im Griff, hatten eine gute Ordnung, aber wir haben in vielen Kontersituationen geschludert“, ärgerte sich Saarbrückens Coach Jürgen Luginger am Ende des Arbeitstages. Klare Chancen erbeutete sich sein Team aber auch in dieser ersten Phase nicht.

Die beste Gelegenheit für einen Eintrag auf der Anzeigetafel hatte Sasa Strujic. Aachens guter Linksverteidiger scheiterte bei seiner Ligapremiere mit einem Rechtsschuss an Gästekeeper Benedikt Fernandez (28.). Das war nur der Vorbote, eine Minute später lagen die Hausherren doch in Führung. Thiele spielte Marquet frei, der eilte unbehelligt davon, doch statt eines Torschusses passte er noch einmal quer. Manuel Stiefler hätte bequem klären können, doch der energische Einsatz von Oguzhan Kefkir brachte das 1:0. Eine Szene mit Symbolcharakter: Der größere Elan wurde belohnt an diesem Tag. „Es ist eine Scheißsituation, aber wir Spieler haben uns fest vorgenommen, das beste daraus zu machen. Wir wollen unseren Part auf dem Platz erledigen“, bilanzierte der Torschütze. Noch vor der Pause hätten Erb und wieder Strujic die Führung ausbauen können (40.), scheiterten innerhalb von wenigen Sekunden.

Die ambitionierten Gäste ließen sich den Schneid von der Nachwuchsmannschaft abkaufen. Sie wurden nur zwei Mal gefährlich. Sven Sökler scheiterte mit einem Diagonalschuss an Mark Flekken (40.). Aachens Schlussmann hielt seine Mannschaft im Spiel, nach einer Stunde konnte ihn Marius Laux selbst aus zwei Metern nicht überwinden.

Die beste Aachener Phase zog auf. „Meine Mannschaft hat das Selbstbewusstsein, die Dinge fußballerisch zu lösen“, freute sich van Eck am Spielfeldrand. Sein Team streute ein paar gelungene Spielzüge aufs rutschige Parkett. Andersen spielte Thiele frei, doch der Mittelstürmer wurde aus elf Metern wohl auch ein Opfer des Platzes. Er brachte nur Zuschauer im Oberrang in Gefahr (65.). Im Gegenzug hätte Soltanpur ausgleichen können, Flekken schnellte sein rechtes Bein heraus. Die Führung hielt, und Thiele umkurvte einige Saabrücker Abwehrspieler wie Schneemänner. Kluger Rückpass, und Marquet schob ein zum 2:0 (74.). Das hätte noch nicht das letzte Wort sein müssen, Thiele und der starke Drevina vergaben noch eine Doppelchance (80.).

Alemannias Rückrunden-Kader

Tim Krumpen
Vor der Saison gewann Tim Krumpen die T-Frage gegen Michael Melka und Mark Flekken. Mitte der Hinrunde revidierte Trainer René van Eck seine Entscheidung und stellte Melka zwischen die Pfosten. Eine Verletzung warf Krumpen in der Winterpause erneut zurück, so dass...

Alemannias Rückrunden-Kader

Mark Flekken
... Mark Flekken zur neuen Nummer 1 befördert wurde. Und der 19-jährige Niederländer feierte ein sensationelles Profi-Debüt: Im FVM-Achtelfinale gegen Viktoria Köln avancierte der Nachwuchskeeper zum ersten Helden des Jahres, als er zwei Elfmeter hielt.

Alemannias Rückrunden-Kader

Sascha Herröder
Nachdem Kapitän 1 (Albert Streit) und Kapitän 2 (Kai Schwertfeger) zur Winterpause von Bord gegangen sind, wurde ein neuer Anführer gesucht. René van Eck entschied sich für Sascha Herröder, "den wuchtigsten Spieler" im Kader, so die liebevolle Formulierung seines Trainers.

Alemannias Rückrunden-Kader

Sasa Strujic
Er ist einer der Senkrechtstarter, die von der prekären finanziellen Situation profitiert haben: Sasa Strujic. Dass der 21-Jährige keinen Respekt vor großen Namen hat, stellte er im Rettungsspiel gegen die Bayern unter Beweis, als er sich den Spitznamen "Robben-Dompteur" verdiente.

Alemannias Rückrunden-Kader

Mario Erb
Seit dem Abstieg aus der Zweiten Liga hat sich Mario Erb Spiel für Spiel an die Stammelf herangespielt. Der 22-jährige Verteidiger dürfte nach dem Abschied von Seyi Olajengbesi in der Innenverteidigung gesetzt sein.

Alemannias Rückrunden-Kader

Thomas Stehle
Etwas länger im Verein ist Thomas Stehle: "Die Axt" ist der dienstälteste Alemanne, da er seit 2004 das Trikot der Schwarz-Gelben trägt. Im Moment laboriert der 32-Jährige an einer Armverletzung.

Alemannias Rückrunden-Kader

Timo Brauer
Flexibel einsetzbar: Mit diesen Worten lässt sich Timo Brauer sehr gut beschreiben. Der ehemalige Kapitän von Rot-Weiß Essen wurde ursprünglich als "Sechser" geholt, musste zuletzt aber häufiger in der Viererkette aushelfen.

Alemannias Rückrunden-Kader

Kristoffer Andersen
Sein Abschied war eigentlich schon beschlossene Sache: Kristoffer Andersen schlug das deutlich reduzierte Angebot der Alemannia in der Winterpause aus. Der Sinneswandel folgte jedoch wenige Tage später: Der Belgier gab den Verantwortlichen sein Ja-Wort bis zum Sommer.

Alemannias Rückrunden-Kader

Robert Leipertz
Wenn es in der Hinrunde einen Gewinner gab, dann Robert Leipertz. Das Aachener Eigengewächs spielte sich nicht nur in die Herzen der Alemannia-Fans, sondern auch auf den Notizblock von Red Bull Salzburg (neun Spiele, drei Tore). Trotz diverser Angebote bleibt der 19-Jährige den Schwarz-Gelben bis zum Sommer treu.

Alemannias Rückrunden-Kader

Daniel Hofmann
Dem Finanz-Desaster geschuldeten Verjüngungskurs hat Dario Schumacher es zu verdanken, dass er sich in Windeseile in den Aachener Profi-Kader spielte. Der 19-Jährige ist seit 2007 in Aachen und durfte in dieser Saison erstmalig 3. Liga-Luft schnuppern.

Alemannias Rückrunden-Kader

Oguzhan Kefkir
An ihm scheiden sich die Geister: Die einen halten Oguzhan Kefkir für einen starken Techniker und Flügelspieler, die anderen halten den Deutsch-Türken für einen egoistischen Dribbler, der nie den Ball abgibt. Gegen Saarbrücken stellte er auf jeden Fall eine weitere Qualität unter Beweis: seine Kämpferqualitäten, mit denen er die Schwarz-Gelben auf die Siegerstraße brachte.

Alemannias Rückrunden-Kader

Florian Müller
2005 wurde Florian Müller mit der erstmals verliehenen goldenen Fritz-Walter-Medaille geehrt - eine Anerkennung für seine sportlichen und menschlichen Verdienste. Seitdem folgte eine nicht enden wollende Leidenszeit, die bis zum heutigen Tag anhält. Sollte der mittlerweile 26-Jährige über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei bleiben, ist er mit Sicherheit gesetzt.

Alemannias Rückrunden-Kader

Sascha Marquet
In die Kategorie "Talentiert und jung" fällt auch Sascha Marquet, der sich bereits zu Zweitliga-Zeiten in den Profi-Kader spielte. Aachens Eigengewächs ist auf dem linken Flügel beheimatet, weicht aber regelmäßig auf die rechte Seite aus.

Alemannias Rückrunden-Kader

Marcel Heller
Mit großen Hoffnungen kehrte er nach Aachen zurück: Marcel Heller absolvierte in der Hinrunde alle Liga-Spiele - allerdings konnte der verlorene Sohn nicht immer überzeugen. Große Konkurrenz auf seiner Position erhält er durch...

Alemannias Rückrunden-Kader

Norikazu Murakami
... Norikazu Murakami. Alemannias japanischer Neuzugang, der von den Sportfreunden Düren kam, ist erst seit dem 11. Dezember offiziell spielberechtigt und deutete bereits in den ersten Spielen an, dass er der Mannschaft weiterhelfen kann.

Alemannias Rückrunden-Kader

Timmy Thiele
Nach einem vielversprechenden Start mit zwei Toren aus den ersten drei Spielen hat Timmy Thiele gegen Ende der Hinrunde eine Bauchlandung hingelegt. Seit dem vierten Spieltag wartet die Schalker Leihgabe auf Treffer Nummer drei. Eine bessere Bilanz kann...

Alemannias Rückrunden-Kader

Denis Pozder
Denis Pozder vorweisen: In zehn Spielen traf der 23-Jährige vier Mal. Im ersten Rückrundenspiel gegen Saarbrücken schenkte René van Eck allerdings Thiele sein Vertrauen. Trifft einer von beiden schon am Mittwoch in Dortmund?

Alemannia lebt also. „Ein kleines mit unbeugsamen Fußballern bevölkertes Dorf hat sich entschieden, den Eindringlingen Widerstand zu leisten.“ So würde es bei Asterix und Obelix stehen. Noch weiß niemand, wie diese Geschichte ausgeht. Doch inzwischen flackert die Hoffnung wieder stärker am Tivoli.

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