Alemannia: Anekdoten von einem denkwürdigen Pokalabend

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
7026299.jpg
Impressionen eines magischen Abends: Erik Meijer feiert sein Siegtor.
7026298.jpg
Impressionenen eines magischen Abends: Oliver Kahn schreit seinen Frust in den Aachener Lärmkessel. Foto: witters/sport/Ulmer

Aachen. Die Ausgangslage damals erinnert Michel Förster an die heutige Zeit. „Wir hatten kein Geld, es war damals ein Ritt auf der Rasierklinge.“ Dieses Traumlos war für den klammen Klub ein Sechser im Lotto. Förster ist dienstältester Mitarbeiter des Vereins, und gerne erinnert er sich an dieses Team zurück, das die Sensation schaffte.

„Erik Meijer und Willi Landgraf haben den Laden schon zusammengehalten.“ Landgraf war vor der Partie so nervös wie immer, meint Förster. „Das ist ohnehin der einzige Mensch auf dieser Welt, den ich gleichzeitig im Gespräch auf drei Handys gesehen habe und der dir parallel noch etwas erzählen will...“ Und alle diese Handys laufen in dieser Nacht über mit Glückwunschtelegrammen. Am ganz frühen Morgen stellt der kleine Rasenpflug grinsend fest: „Nur Teamchef Rudi Völler ist nicht dabei...“

Für den Titelverteidiger war der Kabinentrakt ein kleiner Kulturschock. Schimmel an den Decken, nur etwa jede zweite Dusche funktioniert, alle Massageliegen passen nicht in den Raum, und dann ließ sich auch die Heizung nicht regulieren, weil die Thermostate fehlten. „Es war unglaublich stickig.“ Der Verlierer hielt sich nicht lange in Aachen auf, 30 Minuten nach Spielende startete der Bus in Richtung Düsseldorfer Flughafen. Der nächste Gegner jenseits der Bundesliga hieß Real Madrid.

Vor dem Spiel stellte Förster dem Gegner die üblichen zwei Kästen Wasser zur Verfügung. Als sein bayrischer Kollege nach einer größeren Ration fragte, kam der sachdienliche Hinweis: „Hey, Kollege das hier ist nicht Hollywood.“ Den Kontakt zu den „Außerirdischen“ war dennoch keineswegs arrogant, erinnert sich Förster, „auch wenn die schon damals Lichtjahre von uns entfernt waren“.

Und dann ging es hinaus in den prallgefüllten Tivoli, wo 20.800 Zuschauer dem Anstoß entgegenfiebern. „Wir waren verschworen und selbstbewusst“, erinnert sich Abwehrchef Alexander Klitzpera, beim FC Bayern fußballerisch groß geworden. „Dieses Spiel war der Startschuss für Alemannias Höhenflug. Der Sieg über den Goliath hat der Mannschaft erstmals über die Stadtgrenzen hinaus Bewunderung eingebracht. Das war der letzte Kick für das Team.“

In der Pause wurde wieder Försters kleiner Kabuff vollgequalmt, erinnert er sich. Bei einer Zigarette diskutieren wie üblich Manager Jörg Schmadtke und Jörg Berger, ehe der Trainer den Widerstand in der Kabine organisierte. Nach Spielende entzieht sich Berger dem Trubel, er verschwindet im Tunnel, „weil ich alleine sein wollte“.

Draußen auf dem Spielfeld wird in der Halbzeit Mario Adorf zum Ehrenmitglied ernannt, weil er einen TV-Spot am Tivoli gedreht hat. „Ich bin in einem kleinen Dilemma“, sagt der Mime aus der Eifel, „denn mein Herz schlägt auch etwas für die Bayern.“

Nach 75 Minuten zieht Förster los, die Verlängerung droht. „Wir haben Getränke und Bananen geholt, den letzten Trockenkuchen mobilisiert.“ Stattdessen gibt es dann andere Getränke, aus dem angrenzenden Partyzelt wurden Tabletts mit Bier herangeholt. Und die Spieler machen Beute. „Es gab keinen, der ohne ein Trikot der Bayern nach Hause gegangen ist.“

Das stimmt nicht so ganz. Stephan Straub bekommt am Spielende von Oliver Kahn zwar dessen Trikot versprochen. Das Problem: 25 Minuten später sitzt der wütende Titan im Bus. Das Trikot erhält Straub Monate später auf dem Postweg. Dessen Einsatz war gefährdet. Die Halswirbelsäule musste gespritzt werden. Aber so einen Abend lässt sich der Elfmeterkiller nicht entgehen. „Am Ende war es nicht so ein spektakuläres Spiel, so viel gab es nicht zu tun“, sagt er.

Diese Party gegen die Bayern war als „Spiel des Jahrzehnts“ ausgerufen. Aber was war denn das Halbfinale? Der Rivale Borussia Mönchengladbach wurde als Gegner ausgelost. Während in der Innenstadt um den Karlsbrunnen getanzt wird, spuckt das Fax-Gerät Blanko-Kartenvorbestellungen für das Halbfinale („Der Preis spielt keine Rolle“) aus. Präsident Horst Heinrichs, knapp genesen von einer Lungenentzündung, hüpft durch das ZDF-Studio, findet: „Der Abend gehört eingerahmt.“

Für Kalle Pflipsen war dieses Aufeinandertreffen mit den Rekordmeistern keine Premiere, der ehemalige Nationalspieler war ja schon etwas herumgekommen, war 1995 bereits Pokalsieger mit Mönchengladbach. „Aber viele junge Spieler trafen zum ersten Mal auf den FC Bayern. So ein Gegner nimmt dir aber etwas Druck“, erinnert sich der Spielgestalter. Es war kein Spiel auf Augenhöhe, aber das Selbstbewusstsein des Außenseiters nimmt minütlich zu, „nachdem wir die ersten 15 Minuten gut überstanden hatten“. Die Muskeln wuchsen nach dem 1:0 von StefanBlank: „Wie willst du so einen Laserstrahl halten?“, nimmt er Oliver Kahn grinsend in Schutz.

Es war einer dieser Tage, die es wohl nur im Pokalwettbewerb gibt. „Du kannst in einem Spiel mit viel Glück die Sensation schaffen.“ Einen verlässlichen Begleiter hatte diese Mannschaft: das Publikum. „Es war damals ein Geben und Nehmen“, sagt der Kapitän von damals. Das Team war unfassbar heimstark, der kleine Tivoli flößte auch schon einmal Gegnern Angst ein, die schon viel erlebt haben. „Da schaukelt sich schnell eine fanatische Stimmung hoch“, befürchtet Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld nach der Auslosung. „Da ist eine ganze Region in Aufruhr.“ Am Ende bilanziert er: „Ich bin maßlos enttäuscht. Wir haben es nicht geschafft, das Tempo mitzuhalten oder zu bestimmen.“ Torschütze Michael Ballack räumt zerknirscht ein: „Aachen hat verdient gewonnen.“

Nach Spielende überquerten Pflipsen, Landgraf und Meijer ungeduscht und in Badelatschen die Krefelder Straße. Das Ziel der Pokalhelden: die gegenüberliegende Kneipe. „Da wurden dann mit den Fans ein paar Bierchen gekippt.“ Bei der Rückkehr eine Stunde später war die Kabine schon ziemlich verwaist. Aber natürlich fehlte der Hinweis nicht, wo die Party dann in der Innenstadt weiterging.

Das letzte Wort an diesem Festabend in der Kaiserstadt hat natürlich Franz Beckenbauer: „Aachen hat verdient gewonnen. Wenn ein Schuss aus 30 Metern aufs Tor kommt, ist er haltbar. Das 1:0 war ein Fehler von Kahn, das weiß er auch.“

Leserkommentare

Leserkommentare (6)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert