Wenn Trainer die Fassung verlieren...

Von: Bernd Schneiders
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Momente, die bewegen: Bayern-Trainer Jupp Heynckes kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Foto: imago/Team 2
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Danke Hanke! Mike Hanke wurde von den Fans zum letzten mal gefeiert. Foto: imago/Moritz Müller

Mönchengladbach. Es gibt diese speziellen Momente im Fußball, die man nicht missen möchte, die sich einbrennen für ein ganzes Leben. Das Wort historisch beschreibt dies nur unzulänglich – speziell an diesem Nachmittag im Borussia Park.

Es ist nicht das Traumtor von Frank Ribéry zum 3:3, es ist nicht ein wie entfesselt aufdrehender FC Bayern München, der ein 0:2 und 1:3 noch in einen 4:3-Sieg umdreht. Und es ist auch nicht eine frühreife Mönchengladbacher Mannschaft, der etwas bisher Einmaliges gelingt: drei Tore gegen den Deutschen Meister innerhalb der ersten zehn Spielminuten – das schaffte bisher noch kein Bayern-Gegner in 48 Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit.

Der unvergessliche Moment fand nach Spielende statt, in einer Veranstaltung, die oft so knochentrocken und starr von Professionalität ist – der Pressekonferenz. Jupp Heynckes erzählte gerade über den Vorabend, an dem er mit den Kollegen der Pokal-Sieger-Mannschaft von 1973 zu einem Essen geladen war. „Einige hatte ich seit 40 Jahren nicht mehr gesehen.“ Und als sich der ehemalige Borussen-Trainer und Rekordtorschütze nach seinem letzten Bundesligaspiel ausgerechnet bei seinem alten Klub für den herzlichen Abschied durch die Gladbacher Zuschauer bedankte, wurde seine Fasson plötzlich löchrig, wie zuvor die Abwehr seiner Bayern in der Anfangsphase des Spiels. Die Tränen brachen sich Bahn in der Wucht der Erinnerungen und minutenlang war der 68-Jährige nicht in der Lage, auch nur ein Wort herauszubringen. Erklärend und entschuldigend beinah raffte er sich dann wieder auf: „Das zeigt, dass das meine Heimat ist.“

Applaus von den Journalisten, normalerweise ein Tabu in einer Presskonferenz, und in diesem Moment der Ehrfurcht und Bewunderung mag es wohl niemanden gegeben haben, der Jupp Heynckes für den kommenden Samstag nicht auch noch den Champions-League-Sieg gegönnt hätte, der viel mehr als ein i-Tüpfelchen auf einer große Karriere wäre. „Ich habe gewusst, dass meine Spieler auch für mich gewinnen wollten“, erklärte der Bayern-Coach die Übermacht, die die Gladbacher durch ihre frühe Dreistigkeit entfesselten.

Spätestens nach dem 2:3 durch Ribérys erstes Tor war der Zwergen-Aufstand beendet. Zwar konnte sich Heynckes noch an sein letztes Spiel im Borussen-Dress erinnern – ein 12:0 über Borussia Dortmund –, doch die Borussia anno 2013 vermochte den Glauben an einen Kantersieg, der noch den Einzug in die Europa League hätte bedeuten können, nur minutenlang zu nähren.

Die anschließende Hilf- und Machtlosigkeit setzte offensichtlich dem aktuellen Gladbacher Trainer so arg zu, dass auch er von seinen Gefühlen übermannt wurde. Doch Lucien Favre weinte sich nur verbal aus. „Wir können guten Fußball spielen manchmal. Und plötzlich vergessen wir dann richtig zu verteidigen. Außerdem sind wir manchmal unfähig, den Ball zu halten, auch weil wir zu viele technische Defizite haben“, monierte der Schweizer. „Das sieht man besonders, wenn der Ball in der Luft ist. Es dauert zu lange, bis wir ihn wieder am Fuß haben.“ Her mit zehn Ribérys also für Mönchengladbach: Doch gegen die Übermannschaft der Saison hätten auch schon irdischere Dinge gereicht: mehr Mut, mehr Aktivität auch nach der 18. Minute, weniger körperloses Spiel gepaart mit einer merkwürdigen pseudo-defensiven Organisation, die immer für Überzahl in der Abwehr sorgte, die aber den Münchnern trotzdem Riesen-Lücken feilbot und naturgemäß einen Aufbau nach vorne fast unmöglich machte.

Das verhinderte einen noch schöneren Abschied für Mike Hanke. Der Stürmer, der bei Borussia keinen neuen Vertrag erhielt, durfte aber zumindest eine Halbzeit lang von einem Drehbuch träumen, das auf ihn statt auf Jupp Heynckes zugeschnitten war. Sein Tor zum 2:0 löste auf Gladbacher Seite Emotionen aus, die trotz der Niederlage auch nach dem Schlusspfiff ihre Fortsetzung fanden. „Ich bin natürlich überglücklich, dass ich noch mal ein Tor machen und es genießen durfte, wie die Fans meinen Namen rufen. Das werde ich nie im Leben vergessen.“ Auch der Sonnyboy konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Und diese waren verständlicher als die verbale Trauerarbeit seines Trainers.

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