Radarfallen Blitzen Freisteller

Und zur Belohnung eine „Fritte spezial“

Von: Christoph Pauli
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Immer unter Beobachtung: Der Hubschrauber fliegt mit beim Ironman. Foto: sport/Thomas Frey

Kohlscheid. Sie hat es natürlich getan. Der Lockruf der Laufschuhe war zu stark. Astrid Ganzow ist hineingeschlüpft und hat ganz locker ein kleines Ründchen gedreht. Eigentlich hatte sie sich eine zweiwöchige Sport-Diät vorgenommen, aber dann standen da die Schuhe und... sie ist einfach wieder losgetrabt.

Man sollte wissen, dass sie zwei Tage vorher ein maximales „Ründchen“ gedreht hat. Sie hat sich mit den stärksten Triathleten der Welt gemessen und war die Stärkste in ihrer Altersklasse (30 - 34). Astrid Ganzow ist gerade Weltmeisterin beim Ironman auf Hawaii, im Mekka der Ausdauersportler, geworden.

Die Uhr blieb bei 9:40:15 Stunden stehen, als die Startnummer 1882 lächelnd im Ziel ankam. Die junge Athletin aus Kohlscheid strahlte, das hatte sie sich vorgenommen. Sie wollte den Schmerz und ihr Leiden überdecken.

Ihr Freund im Zielraum, ebenfalls Triathlet, jubelte. Ihre Eltern in Duisburg, die ihre Tochter übers Internet über Nacht in Deutschland begleiteten, haben stolz ein kleines Plakat rausgehängt. Ganzow war zufrieden, aber ins Ziel lief noch ein großes „Aber“ mit, das erst im Lauf der nächsten Tage kleiner wurde. Weltmeisterin, das schon, aber nicht in der Wunschzeit unter 9:30 Stunden – der abschließende Marathon war ein einziger K(r)ampf.

Vielleicht muss man als Extremsportler so ticken, dass man auch beim größten Sieg noch Steigerungspotenzial ausmacht. Es war ihr größter Wettkampf, der größte Erfolg, aber die Athletin vom DLC Aachen weiß, dass noch viel mehr Potenzial in ihr steckt.

Am frühen Morgen sprang sie mit 2134 Top-Athleten in Kailua-Kona in die Pazifik-Fluten. 3,86 Kilometer warteten. Ganzow ist eine ziemlich unerfahrene Athletin, es war erst ihr dritter Wettkampf über die Langdistanz. Sie ist eine Spätzünderin. Natürlich kennt sie viele der Mythen des Rennens. In der Wirklichkeit setzte es dann viele blaue Flecken. Tritte, Schläge, Knuffe gehören zur Begleitmusik, wenn jeder Sportler sich seinen Weg sucht. „Ich habe schnell in den Modus ,Nur noch durchkommen‘ geschaltet“, sagt sie.

Das Ziel, innerhalb von 60 Minuten wieder an Land zu kommen, geht schnell baden. Sie findet keinen Rhythmus, Armfreiheit gibt es nicht, vor lauter Verzweiflung wechselt sie die Disziplin: „Ich bin Brust geschwommen.“ Nach 1:04:02 Stunden verlässt sie das warme Meer.

180 Kilometer Radstrecke warten. Das Radfahren und Ganzow ist eine späte Liebe. Geschwommen ist sie schon als kleines Kind, im Wettkampf hat sie ihre Leistung nicht abrufen können. Sie hat wieder aufgehört. Als sie 2009 zu Forschungszwecken nach New York geht, hat sie einen ersten Marathon bereits hinter sich. Die Triathlon-Idee hatte sich längst eingenistet. Aber Fahrradfahren blieb suspekt.

„Ich hatte Angst vor der Geschwindigkeit auf den schmalen Reifen.“ Sie lässt sich ihre Rennmaschine in die Staaten bringen. Erst seit 2011 tritt sie systematisch in die Pedale. Ende letzten Jahres hat sie sich „staps“, ein Institut für Diagnostik und Trainingssteuerung in Neuss-Büttgen, gegönnt. Die Aerodynamik wird verfeinert, aber technisch, sagt sie, „bin ich immer noch eine Anfängerin, besonders in den Kurven“.

Sie kommt nach 4:57:29 Stunden als eine der Weltschnellsten ins Ziel. Durchschnittlich hat sie über 200 Watt getreten. Das Radfahren ist inzwischen ihre Lieblingsdisziplin. „Das ist der Teil, den man am meisten genießen kann.“

Laufen dagegen ist ihre Angstdisziplin, obwohl sie ihre ersten Ausdauer-Wettkämpfe zu Fuß bewältigte. Nach dem Radfahren muss das Tempo gezielt gedrosselt werden. Aber es ist fast immer so, dass irgendwann unterwegs auf den 42,195 Kilometern der Mann mit dem großen Hammer kommt. Triathleten tasten sich auch im Training an die Schmerzgrenze heran, sie sind auch extreme Kopfsportler, die ihr Leid ignorieren können.

Ab der Hälfte der Zeit plagen Ganzow furchtbare Magenkrämpfe. Sie kennt das von ihrem Qualifikations-Wettkampf in Frankfurt. Da wurde sie zudem noch von einem Pkw (!) beim Radeln angefahren, machte mit Prellungen und einer leichten Gehirnerschütterung weiter. Ganzow ist Kinderärztin am Aachener Klinikum, muss man wissen. Aber im Rennen siegt dann immer die Athletin Ganzow über die Ärztin Ganzow. Es ist der „Iron Man“ bzw. der „Iron Woman“. Nur die härtesten Triathleten werden hier geadelt.

„Der Lauf war ein Desaster“

Den Marathon bei über 30 Grad schafft sie in 3:33:47 Stunden. „Der Lauf war ein Desaster“, sagt die Weltmeisterin. In der Gesamtwertung ist die Amateurin 26. geworden, vor ihr liegen fast nur Profis, gewonnen hat wieder die Australierin Mirinda Carfrae in 8:52:14 Stunden. Ganzow ist zweitbeste Deutsche, nur die Profisportlerin Kristin Möller als 16. (9:31:41/Gera) ist schneller. Unter professionellen Bedingungen ausschließlich für den Sport zu leben, könne sie sich auch zumindest eine Zeitlang vorstellen, sagt das Ausdauer-Talent.

Sie verlässt Hawaii mit dem Regenbogen-Trikot der Weltmeisterin. „Das war mein Ziel“, sagt sie. Beim Qualifikationsrennen in Frankfurt ist sie ein paar Wochen vorher Europameisterin geworden, sie ist mit der Bestzeit aller 73 Starterinnen in ihrer Altersklasse auf der Insel gelandet. Nach ihrer Heimkehr hat sich die Vegetarierin in der Heimat richtig gehen lassen. Sie hat sich eine „Fritte spezial“ gegönnt. „Das gehört auch mal dazu“, sagt die notorisch fröhliche junge Frau.

Sie wird dem Lockruf der Sportschuhe bald wieder völlig erliegen. 15 Trainingsstunden sind der Standard, vor Wettkämpfen steigt das Pensum auf 24 Stunden wöchentlich neben der medizinischen Arbeit im Schichtdienst an. Triathleten sind Zahlenmenschen, jede Einheit, jeder Kilometer, jede Belastung wird notiert. Der Kampf gegen die Uhr hört niemals auf.

Sie wird 2014 wiederkommen nach Kailua-Kona. Die Anreise wird sie selbst bezahlen, Sponsoren hat auch eine Weltmeisterin nicht. Als Titelverteidigerin braucht sie immerhin die 700 Dollar Startgeld nicht mehr aufzubringen. Sie ist eingeladen. „Ich will es im nächsten Jahr besser machen!“, sagt sie.

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