Starke Saison: Zehnkämpfer Nico Beckers überrascht sich selbst

Von: Lukas Weinberger
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Laufen, Werfen, Springen: Der Hürdenlauf ist Nico Beckers‘ Lieblingsdisziplin, ... Foto: Wolfgang Birkenstock
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... und auch den Hochsprung mag der junge ATGler. Foto: Wolfgang Birkenstock
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Der Speerwurf aber ist momentan Nico Beckers' größte Schwäche. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Es waren keine sonderlich hohen Ziele, die sich Nico Beckers im Frühjahr gesteckt hatte. Das Jahr 2014 sollte nur so etwas wie ein Testlauf für den Zehnkämpfer sein, „verletzungsfrei bleiben“, das hatte oberste Priorität. „Und ich wollte schauen, was möglich ist“, einfach ein paar gute Wettkämpfe in dieser Saison machen. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Beckers, 20, hatte viele gute Gründe, auf kleine Schritte zu setzen. Immer wieder hatten ihn in den vergangenen Jahren Muskelverletzungen zurückgeworfen, immer hatte er sich wieder herankämpfen müssen, dazu kam der plötzliche Vereinswechsel von Bayer Leverkusen zurück in die Heimat zur Aachener Turngemeinde (ATG). Ja, man könnte vielleicht behaupten, dass vor der Saison eine ganze Menge Fragezeichen hinter Beckers‘ Namen und seiner sportlichen Zukunft standen. Jetzt, am Ende eben dieser Saison, sind an deren Stelle aber mindestens genauso viele Ausrufezeichen getreten. Der junge Zehnkämpfer hat seine tiefgesteckten Ziele nicht nur erreicht, er hat sie förmlich pulverisiert. „Es lief viel besser als erwartet“, sagt er, und ein breites Grinsen verrät seine berechtigte Freude über den Erfolg. „Ich habe Ziele erreicht, die ich mir eigentlich erst für nächstes Jahr gesteckt habe.“

7000-Punkte-Grenze

Beckers‘ größter Erfolg in diesem Jahr war das erstmalige Knacken der 7000-Punkte-Grenze, gelungen ist ihm das ausgerechnet bei den deutschen Mehrkampfmeisterschaften der U 23 in Vaterstetten Ende August. Jetzt sei er ein richtiger Zehnkämpfer, sagt Beckers und grinst erneut zufrieden. Seine 7063 Punkte – das sind rund 300 Zähler mehr als Beckers‘ Bestwert zu Saisonbeginn – reichten im starken Teilnehmerfeld für den vierten Platz, nur um vier Zähler schrammte der Aachener an der Bronzemedaille vorbei. Für Enttäuschung war aber trotzdem kein Platz: „Wenn mir einer vor dem Wettkampf gesagt hätte, dass ich über 7000 Punkte holen würde, hätte ich das schließlich sofort unterschrieben.“

Zwar hatte Beckers schon in den Monaten zuvor ein paar richtig gute Leistungen gezeigt, der Wettbewerb in Vaterstetten sei dann aber „der bisher beste Zehnkampf meines Lebens“ gewesen, sagt der junge Sportler. In sieben der zehn Disziplinen stellte Beckers an diesem Tag eine neue persönliche Bestleistung auf, bis zum Stabhochsprung, der drittletzten Disziplin, hatte Beckers sogar geführt.

Nur eine einzige Disziplin zu machen, das kann Beckers sich gar nicht vorstellen. „Die Vielfältigkeit und Abwechslung macht mir am meisten Spaß“, sagt der 1,96 Meter große Vorzeigeathlet. Mehrkämpfern wird naturgemäß großer Eifer abverlangt, die unterschiedlichsten Bewegungsabläufe, Techniken und Muskeln müssen trainiert werden. Alleskönner gibt es im Zehnkampf trotzdem nicht, sie können nicht jede Disziplin gleich gut beherrschen. Und oft sind es die Stärken und Schwächen der einzelnen Sportler, die die Wettkämpfe so interessant machen.

Beckers ist ein Zehnkämpfer, der als sprint- und sprungstark gilt. Er mag die Läufe über 100 und 400 Meter, seine Bestzeiten von 11,11 und 49,64 Sekunden können sich im Mehrkampf sehen lassen. Der Aachener schätzt auch Hoch- und Weitsprung, im Juli sprang Beckers das erste Mal über sieben Meter weit. „Meine Lieblingsdisziplin sind aber die 110 Meter Hürden.“ Die machen ihm nicht nur am meisten Spaß, sie bescheren ihm auch regelmäßig viele Punkte.

Seine Schwächen hat Beckers (noch) in den letzten Disziplinen eines Zehnkampfs. Im Stabhochsprung hat er sich zwar dank des intensiven Trainings mit Wolfram Szentics mittlerweile auf 3,80 Meter gesteigert, zu den Besten fehlt ihm aber immer noch ein ganzes Stück. Wenn es Beckers jedoch gelingen sollte, technisch sauberer zu springen und turnerisch noch besser zu werden, wird er weiter aufholen. Und das spezielle Stabhochsprungtraining soll außerdem einen positiven Effekt auf den Speerwurf haben – momentan Beckers‘ größte Wackeldisziplin. Bei den Meisterschaften in Vaterstetten schleuderten seine Kontrahenten um die vorderen Plätze ihr Sportgerät fast 20 Meter weiter als der Aachener. Die abschließende Qual über 1500 Meter hat der junge ATGler dafür zuletzt immer schneller hinter sich gebracht.

Überraschte Trainerin

Trainerin Christiane Wolff ist auf jeden Fall zufrieden mit der Entwicklung ihres Schützlings, die Leistungsexplosion in diesem Jahr habe sie sogar „ein bisschen überrascht.“ Und sie glaubt, dass bei Beckers noch einiges mehr möglich ist, „ich denke schon, dass da noch etwas passiert“, sagt sie. Wie viel? Das sei schwer zu sagen, Athleten würden schließlich unterschiedliche Entwicklungen nehmen. Nur zum Vergleich: Der heutige Weltklasse-Zehnkämpfer Kai Kazmirek stand in seinem ersten Jahr bei der U 23 schon bei 7802 Punkten. Ob Beckers einmal in solche Sphären vordringen kann?

Sein Blick richtet sich nur auf die kommende Saison, die Grundlagen dafür werden im Wintertraining gelegt. „Und da werde ich mich quälen“, sagt Beckers. Es ist nämlich nicht so, dass ihm die Vorsätze für die Zukunft ausgegangen sind, die Liste mit Zielen ist lang. Da sind zum Beispiel die Deutschen Meisterschaften in der Halle und unter freiem Himmel im nächsten Jahr, vielleicht sogar die U 23-Europameisterschaften im estnischen Talinn, für deren Qualifikation sich Beckers aber noch mächtig strecken müsste. Und da sind diese ominösen 7562 Punkte, die auf seiner Liste stehen. Paul Mainz, ehemaliger Zehnkämpfer bei der DJK Armada Euchen-Würselen, hat 1984 in einem Zehnkampf 7561 Punkte erzielt, schon seit 30 Jahren hat der Aachener Kreisrekord jetzt schon Bestand. Beckers will ihn knacken, „nicht direkt, aber irgendwann.“ Sich unter Druck setzen, das wird Beckers nicht tun. Warum sollte er auch? Kleine Schritte können schließlich auch zum großen Erfolg führen.

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