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Special Olympics: Nach der Anstrengung kommt der große Triumph

Von: Alexander Barth
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Lohn für die große Anstrengung: Der mehrfach behinderte Rollstuhlfahrer Klaus hat die 100-Meter-Strecke gemeistert, Zuschauer und Helfer der Special Olympics applaudieren. Für die Teilnahme an den Spielen ist die Schwere einer Behinderung nicht von Bedeutung. Bis Freitag fallen noch zahlreiche Entscheidungen. Alle Foto: Alexander Barth
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Geschafft: Nicht die Zeit zählt, sondern das Überqueren der Ziellinie. Foto: Alexander Barth
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Gesicht der Spiele: Oliver Burbach im Trikot seines Idols Timo Boll. Foto: Alexander Barth

Düsseldorf. Auf den ersten Blick ist es ein einsames Rennen, das Klaus auf der Tartanbahn des Rather Waldstadions bestreitet – es gibt nur ihn, seinen Rollstuhl und jede Menge Willenskraft. Dabei ist Klaus überhaupt nicht allein. Hunderte Zuschauer, Sportkollegen und Helfer jubeln ihm zu, als er nach langen Minuten die Ziellinie überquert.

Sein Triumph bei den Special Olympics, den nationalen Spielen für Menschen mit geistigem Handicap, ist damit perfekt. Hinter ihm liegt eine Strecke, die ein gewisser Usain Bolt schon in 9,58 Sekunden zurückgelegt hat. Dabei hat der Mann aus der Südeifel nicht einmal das Ziel vor Augen gehabt. Mit dem Rücken zur Strecke hat er seinen Weg gemacht, die Anstrengung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Aber Klaus tut das, wonach jedem Sportler nach einem erfolgreichen Wettkampf zu Mute sein dürfte – er lächelt.

Der Triumph steht symbolisch für viele kleine Heldengeschichten, die in diesen Tagen bei den Special Olympics in Düsseldorf geschrieben werden. In 18 Sportarten messen sich insgesamt 4800 Aktive mit geistigem Handicap aus ganz Deutschland. „Hier gibt es nur Gewinner“, sagt Andrea Moritz, die eine sechsköpfige Athletenriege aus Aachen betreut. „Aber natürlich wollen sich alle im Wettkampf beweisen.“ So wie Klaus, der seinen Triumph dank der vielen Anfeuerungsrufe ganz im Zeichen des offiziellen Mottos der Spiele feiern durfte: „Gemeinsam stark“. Unter den 4800 sind auch 262 Teampartner ohne Behinderung.

An zwölf Wettkampfstätten, verteilt über das gesamte Stadtgebiet von Düsseldorf, treten die Sportler bei diesen Sommerspielen an. Das altehrwürdige Eisstadion an der Brehmstraße etwa beherbergt die Rollerskater, während im idyllischen Waldstadion in Rath die Leichtathleten ihre Heimat haben. Am Unterbacher See im Südosten der Stadt werden die Kanuwettbewerbe ausgetragen. Vor allem aber rund um die Düsseldorfer Fußballarena weht seit Montag der olympische Wind. Hier schlägt das Herz der Spiele, die in diesem Jahr zum neunten Mal stattfinden.

1968 auf Initiative von Eunice Kennedy-Shriver, einer Schwester John F. Kennedys entstanden, hat sich die Special-Olympics-Idee zu einer weltweiten Bewegung entwickelt. Vier Millionen Menschen in 170 Ländern treiben Sport unter diesem Dach. Seit 1991 gibt es Special Olympics Deutschland, der Verein ist Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund.

Im Schatten des Stadions, wo sonst die Fans von Zweitligist Fortuna Düsseldorf die Szenerie prägen, ist in diesen Tagen „Olympic Town“ entstanden. Während der fünf Wettkampftage ist in dem kleinen Dorf den ganzen Tag etwas los. Wenn nicht gerade eine Siegerehrung ansteht, gibt es Unterhaltung auf der Bühne. Sportler, Zuschauer und Familien kommen zusammen. Von hier aus führen die Wege zu den Sportstätten, wo Kraftdreikampf, Tischtennis oder Beachvolleyball geboten werden.

Behindertenwerkstätten, Hilfseinrichtungen und Wohnprojekte aus ganz Deutschland haben ihre Vertreter in die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens entsandt, um eine Woche lang den Olympischen Geist zu leben. Art und Grad der Behinderung spielt für die Teilnahme keine Rolle. Traditionell stellen die Fußballer mit knapp 1000 Spielern das größte Aktivenfeld. Aber auch kleinere Sportarten sind vertreten. So messen sich mehr als 200 Sportler im Boccia, beim Reiten und Voltigieren sind es rund 135.

Die sportlichen Tage der sechs Aachener Sportler spielen sich im Rather Waldstadion ab. Einer von ihnen ist Michael Schombel, ein großgewachsener Mittvierziger, auf seinem Trikot prangt das Logo des Vereins Lebenshilfe Aachen. Vor ein paar Minuten hat er die Kugel auf 7,32 Meter gestoßen. „Knapp unter seiner persönlichen Bestleistung“, erzählt sein Trainer hinterher. Mit seinem Auftritt im Kugelstoßring kann er offensichtlich leben. „Ich bin zufrieden“, sagt er knapp, „jetzt muss ich mich aber auf den Lauf konzentrieren.“

Die ausführlichen Antworten übernimmt stattdessen seine Delegationsleiterin. „Unsere Mädels und Jungs sind hier mit voller Konzentration bei der Sache“, sagt Andrea Moritz. Sie koordiniert das sportliche Angebot des Vereins, der 700 Mitglieder zählt und sich für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit geistiger Behinderung einsetzt. „Auch wenn sie es vielleicht nicht alle selbst in Worte fassen können, für unsere Sportler ist es etwas ganz Besonderes, dabei zu sein.“

Caroline Harling findet sehr wohl Worte für ihre Begeisterung. „Man lernt viele Leute kennen und kann sich auch noch im Sport messen – besser kann es gar nicht sein.“ Sie startet im Lebenshilfe-Trikot im 50-Meter-Lauf und beim Ballwurf. „Eine ganz tolle Veranstaltung“, ergänzt sie noch schnell und lächelt, ehe auch sie sich in die Konzentrationsphase verabschiedet.

Mädels und Jungs, das klingt nach „jungen Wilden“, aber weit gefehlt. Der Aachener Dieter Hensel zum Beispiel hat die 50er- Grenze schon passiert. Auch Klaus, der Held aus der Eifel, hat etliche graue Haare auf dem Kopf. „Wir stellen unser Team nicht nach einem strengen Leistungsprinzip zusammen, sondern wählen Menschen aus, die hier auch etwas mitnehmen.“ Allerdings gibt es verschiedene Alters- und Leistungsklassen, in denen sich die Athleten messen. Das „Mitnehmen“ funktioniert aus Aachener Sicht an diesem Tag auch im ganz greifbaren Sinne: Caroline Harling holt in ihrem Lauf die Goldmedaille, Teamkollegin Özlem Kahraman Bronze.

Dass die Sportler zu den Spielen fahren können, sei keine Selbstverständlichkeit, erklärt Andrea Moritz: „Der Verein bringt für die Teilnahme rund 4000 Euro auf. Leider können sich aus unserer Region nicht allzu viele Einrichtungen die Special Olympics leisten.“ Der Verein Lebenshilfe ist bereits zum vierten Mal dabei, zum Abenteuer Special Olympics gehört neben den professionellen Wettkampfstädten auch die Unterbringung in einem Hotel, „wenn schon, dann richtig“, sagt Andrea Moritz.

Das Motto „Gemeinsam stark“ wird in den Tagen der Spiele auf allen erdenklichen Ebenen gelebt. Selbst für die Pressevertreter gibt es ein besonderes Event, quasi als organisierte Abbaumaßnahme von möglichen Berührungsängsten: Im Rahmen des Angebots „Unified Sports“, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam aktiv sind, wird ein Beachvolleyball-Turnier angeboten.

Für Oliver Burbach ist mit der Eröffnungsfeier der größte Stress eigentlich schon vorbei. „Ich hatte gut zu tun in den letzten Monaten“, sagt der 34-Jährige, der gemeinsam mit Rollerskaterin Stefanie Wiegel und Tischtennis-Idol Timo Boll als „Gesichter der Spiele“ in der Öffentlichkeit präsent war. An seinem 34. Geburtstag, den er am Dienstag feierte, wünschte sich Burbach für die Spiele „viele tolle Wettkämpfe und offene Herzen“. Für ihn selbst folgten an diesem Tag noch Momente großer Gefühle, als ihm Organisationschefin Brigitte Lehnert ein Original-Trikot seines Idols Timo Boll überreichte. Längst nicht der einzige emotionale Moment während dieser besonderen Spiele in Düsseldorf.

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