Aachen - Nicolas Kiefer: „Jetzt stecke ich im wirklichen Leben”

Nicolas Kiefer: „Jetzt stecke ich im wirklichen Leben”

Von: Roman Sobierajski
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Das obligatorische Autogramm für das Turnierplakat: Nicolas Kiefer greift heute erstmals ins Geschehen am Brüsseler Ring ein. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Am Samstagnachmittag stand Nicolas Kiefer im großen Rampenlicht; im Borussia-Park in der Reihe vor Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Der 33-Jährige drückte seinem Verein die Daumen, auch wenn er gar nicht spielte.

„Ich habe gehofft, dass die Bayern gewinnen, damit Hannover nicht noch weiter unten reingerät”, erzählt der bekennende 96-Fan.

Weniger im Brennpunkt steht die frühere Nummer 4 der ATP-Weltrangliste beim Aachener Challenger-Turnier. An der Seite seines Partners Stefan Seifert tritt Kiefer mit einer Wildcard in der Doppelkonkurrenz an - nach dem Sieg beim Future-Turnier in Isernhagen der zweite Schritt zurück in den Tenniszirkus.

Nach einer Leistenoperation im Januar ist der Hauptgrund für die lange Pause des 33-Jährigen mittlerweile drei Monate alt und hört auf den Namen Mabelle Emilienne.

„Wenn ich zu Hause bin, kümmere ich mich um meine Tochter. Ich kann einfach nur dasitzen und sie anschauen. Seit ihrer Geburt war ich noch nie so lange weg”, sagt der Tennisprofi mit Feuer in den Augen und zeigt die täglich aufs Handy geschickten Fotos der Kleinen.

Spaziergänge mit dem Kinderwagen, abends in Aachen unterwegs sein, um Babysachen einzukaufen - ein holzschnittartiger Unterschied zum Leben auf der Tour, beim dem nur Erfolge zählen. „Ich habe auf der Tour 14, 15 Jahre aus der Tasche gelebt”, blickt der 33-Jährige, der bei seinem ersten Start in Aachen noch für Abitur-Klausuren gepaukt hat, auf eine lange und auch verletzungsreiche Karriere zurück. „Ich wurde nur an Sieg oder Niederlage gemessen, der Mensch interessierte nicht. Jetzt stecke ich im wirklichen Leben und möchte gerne auch etwas zurückgeben.”

Zu diesem Plan gehört auch Kiefers soziales Engagement, etwa für die „Aktion Charity”. „Das sind Kinder, die unter Muskelschwund leiden, eine geringe Lebenserwartung haben. Wir versuchen, ihnen einen letzten Kindertraum zu erfüllen”, beschreibt der Hannoveraner den Einsatz. „Ich bin da, um den Kindern zu helfen. Doch eigentlich helfen diese Kinder mir viel mehr”, umreißt er den Lohn für den Einsatz.

Noch während Nicolas Kiefer erzählt, wandern seine Augen in der Halle umher - und finden nicht das Erwartete. „Ich habe gesehen, dass in der Qualifikation noch Plätze frei waren. Wo sind die jungen deutschen Spieler, die hier um Weltranglistenpunkte kämpfen, um nach oben zu kommen?”

Die Frage beantwortet sich Kiefer, der schon morgens um acht Uhr trainiert, selbst: „Niemand ist mehr bereit, sich zu quälen. Der Nachwuchs spielt lieber Preisgeld-Turniere, um am Wochenende zu Hause zu sein”, lautet die selbstgegebene Antwort. „Deshalb tingeln viele bei Weltranglisten-Position 100 herum und kommen nicht nach oben.”

Seine eigene Karriere sieht der 33-Jährige nicht als die große Unvollendete. „Ich habe neun Turniersiege, Olympia-Silber, bin zweifacher Mannschafts-Weltmeister”, zählt er seine Erfolge auf. Dass für ihn und Tommy Haas die Fußstapfen von Boris Becker ein, zwei Nummern zu groß waren, hat für Kiefer zwei Gründe.

„In meiner Zeit musste ich gegen Sampras und Agassi antreten. Das waren andere Kaliber als heute”, lautet der eine. „Die Deutschen sind verwöhnt und können nie genug bekommen”, die andere Erklärung. „Schumacher wurde sieben Mal Weltmeister. Wird er beim achten Mal Zweiter, redet man in Deutschland von Krise.”

Konkretere Zukunftspläne als seine Tochter beim Großwerden zu begleiten, hat Nicolas Kiefer momentan nicht. Im Winter wird die Entscheidung fallen, wie die Karriere weiterlaufen soll, denn daran orientieren sich auch die Trainingspläne, das Fitness- und Athletikprogramm, das „ganze Riesen-Puzzle”, wie es der 33-Jährige nennt.

Sein Ziel bleibt jedenfalls, dass ihn Töchterchen Mabelle noch als aktiven Wettkämpfer erlebt, selbst die Senior-Tour, auf der frühere Heroen wie Goran Ivanisevic, John McEnroe oder Pat Cash unterwegs sind, wäre eine Alternative - aufhören nicht: „Es wäre zu einfach, alles von heute auf morgen wegzuwerfen”, meint Kiefer, der sich für das Aachener Turniere keine Erfolgsziele gesetzt hat. „Wir gehen das entspannt an. Ich will sehen, wie es unter Wettkampf-Bedingungen läuft.”

Kategorisch ausschließen will der „Kiwi”, wie seit gefühlten Jahrzehnten sein Spitzname lautet, nur einen Karrierepfad nach Beendigung der Laufbahn, auch wenn sein Herz an dem Verein hängt: Mentalcoach bei Hannover 96. Der Grund ist einfach: „Die haben doch schon 15 Trainer.”

Das Aachener ATP-Challenger in Zahlen:

1. Runde: Kavcic (Slowakei) - Dupuy (Frankreich) 6:1, 6:4, Kindlmann, (Blaichach) - Berger (Aachen) 6:0, 6:2, Peter (Aachen) - Stadler (Heidelberg) 0:6, 2:6, Reister (Hamburg) - Djokovic (Serbien) 7:5, 6:7, 6:2, Brown (Celle) - Pospisil (Kanada) 7:6, 5:7, 6:4, Bossel (Schweiz) - Authom (Belgien) 7:6 (7:3), 6:2, Sijsling (Niederlande) - Begemann (Lemgo) 7:6 (7:2), 6:3, Skugor (Koratien) - Bozoljac (Serbien) 6:7 (9:11), 6:7 (3:7), Bemelmans (Belgien) - Bogdanovic (Großbritannien) 6:3, 3:6, 7:6 (7:1), Knittel (Stuttgart) - Gremelmayr (Heidelberg) 7:5, 6:4

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