Aachen - „Knie-Fälle“ bei Amateur-Kickern steigen

„Knie-Fälle“ bei Amateur-Kickern steigen

Von: Bernd Schneiders
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Knackpunkt bei vielen Fußballern: das Knie und sein (vorderes) Kreuzband. Amateurspieler scheinen dabei besonders gefährdet. Foto: sport/Ulmer

Aachen. Mitunter scheint sich die Sportmedizin zu einer wunderbaren bis –samen Rekonstruktionsabteilung entwickelt zu haben. Nur wenige Wochen nach einem Meniskusschaden können heute Fußballer schon wieder kicken. Die Behebung einer anderen, fußball-typischen Verletzung aber braucht noch immer viel Zeit, bevor der Sportler wieder zurück in den Spielbetrieb kommt: der Kreuzbandriss.

Sechs Monate nach der Operation ist die Richtschnur – bei Profis. Amateur-Fußballer, nicht gehegt und gepflegt von Physiotherapeuten und Reha-Trainern wie die Berufs-Kicker, benötigen schon mal länger.

Hört man sich bei unterklassigen Klubs um, sind Kreuzbandrisse fast Alltag. Das Gefährdungspotenzial scheint bei diesen Kickern höher zu sein. Keine Seltenheit sind zwei, drei Spieler, die aktuell mit dieser schweren Knieverletzung ausfallen, oder andere, die nach dem zweiten oder dritten Kreuzbandriss ganz mit ihrem Sport aufhören müssen. Nimmt also diese Verletzung im Amateurbereich zu? „Belastbare“ Antworten fallen schwer. Dr. Peter Schäferhoff verweist zurecht darauf, „dass sich natürlich auch die Diagnostik verbessert hat“. Nicht nur bei Kreuzbandrissen. „Früher gab es auch in dem Maße keine Muskelfaserrisse.“ Weil sie als solche auch gar nicht erkannt wurden. „Statt Kreuzbandriss hieß es früher: Knie verdreht, eingegipst, keine Reha, und dann quasi von der Pritsche wieder zurück auf den Platz.“

Grundsätzlich aber glaubt der Vereinsarzt des 1. FC Köln, der in der Media-Park-Klinik in Köln bekannte und unbekannte Fußballer operiert, dass die Häufigkeit dieser so schwerwiegenden Verletzung „ab der 3. Liga abwärts zunimmt“. Zur Zeit gebe es bei den Top-Profis relativ wenig Kreuzbandverletzungen. Trotzdem sieht der FC-Doc eher „eine wellenförmige Bewegung: mal mehr, mal weniger.“

Für Lucien Favre ist es dagegen fix, dass in der Bundesliga diese Art der Verletzungen abnimmt. Das stimmt auffallend für seinen momentanen Klub. Der letzte Kreuzbandriss liegt elf Jahre zurück: Joris van Hout zog ihn sich beim 1:0 über Hannover am 8. Dezember 2002 zu. Zuvor hatte sich Arie van Lent in einem Testspiel bei Standard Lüttich die gleiche Verletzung zugezogen (3. August 2002). Doch mit van Hout riss diese „Welle“ für Borussia Mönchengladbach ab. Lucien Favre profitiert seit drei Jahren von dieser Abstinenz. Der Schweizer Trainer betont dabei den Zusammenhang zwischen „Kopf und Verletzungsfreiheit“. Stress und Drucksituationen sind für ihn entscheidende Faktoren, natürlich neben gutem, präventivem Training und Vor- und Nachbereitung bei einem Spiel. Alles Dinge, die Profis auf dem Silbertablett serviert bekommen. Bei Amateuren allerdings sieht das ganz anders aus. Wichtige Voraussetzungen wie „genügend Schlaf, eine vernünftige Ernährung, kein Alkohol“ (Favre) sind mit Fußballspielen in unteren Klassen nur schwer vereinbar. Physiotherapeutische Behandlungen nach dem Spiel eher selten, Alkohol, speziell in der so wichtigen Regenerationszeit nach einer Belastung, eher Usus als die Ausnahme.

Ein weiteres Problem: Die Geschwindigkeit beim Fußball hat zugenommen, das strahlt auch nach unten aus. Leicht erkennbar an alten Fernsehaufnahmen etwa aus der Zeit eines Günter Netzers. Verglichen mit heutigen Bundesligaspielen hat man den Eindruck, es handele sich um eine Zeitlupen-Wiedergabe. Die sportmedizinische Betreuung hat in der Bundesliga mit dieser Beschleunigung schrittgehalten. In den Amateurklassen ist das allein schon aus Kostengründen überwiegend ausgeblieben. Und hier schlägt besonders auch noch durch, dass die oft gefeierte Mobilität der modernen Gesellschaft nicht die körperliche Bewegung ihrer Mitglieder meint. Überwiegend sitzende Tätigkeiten, wenn Bewegung, dann eine motorisierte – all das wird bei Profis aufgefangen durch das tägliche Training. Das existiert bei Amateuren nicht. Und dieses Manko trifft auf eine auch hier größere physische Belastung durch die Entwicklung des Fußballspiels.

Im Verdacht, Kreuzbandrisse zumindest zu fördern, steht auch der Kunstrasen. Bewiesen werden konnte das zumindest für die 3. und 4. Generation, die eine Fifa-Lizenzierung besitzen, nicht. Zumal sich auch das Schuhwerk mittlerweile an die besonderen Verhältnisse des Kunstrasens angepasst hat. „Mit dem Untergrund hat das wenig zu tun“, glaubt Peter Schäferhoff. „In der NFL wird durchweg auf Kunstrasen gespielt, ohne dass es eine Häufung von derartigen Verletzungen gibt.“ Favre sieht den Übergang von einem Natur- auf einen Kunstrasen als sehr gefährlich. Die Muskulatur und die Bänder hätten demnach Anpassungsschwierigkeiten an das unterschiedliche Geläuf. Bei den Profis wird überwiegend auf Kunstrasen trainiert, aber nicht gespielt. Das haben Uefa und Fifa zwar erlaubt, sofern die Plätze entsprechend der Fifa-Vorgabe zertifiziert sind. In Deutschland aber gilt eine Vereinbarung zwischen DFB und DFL, dass nur ab der Regionalliga abwärts auf Kunstrasen gespielt werden darf. Die oben geforderte Fifa-Qualität haben diese Versionen in der Regel nicht.

„Minimal-Invasiv“

Die Zeiten der langen und tiefen Schnitte bei der Kreuzband-OP sind vorbei. „Früher wurden die Bänder mit 30-Zentimeter-Schnitten freigelegt. Heute geschieht alles minimal-invasiv“, erklärt der in Aachen niedergelassene Orthopäde Friedhelm Schmitz. Eine Sehne, oft aus dem anderen Bein – etwa eine Patellasehne –, wird an einem Bohrloch im Schienbeinkopf befestigt. Schrauben oder Platten zur Fixierung sind überflüssig. Allerdings benötigt die Sehne rund sechs Monate, um anzuwachsen. „Und eine Methode, die Festigkeit zu überprüfen gibt es nicht“, sagt Schmitz, der am Aachener Franziskus-Krankenhaus operiert. Der 63-Jährige arbeitet mit einer Doppelbündelplastik und zwei Bohrkanälen. In den USA werden keine körpereigenen Sehnen, sondern Kreuzbänder von Toten verwendet.

Die Gefahr einer Re-Ruptur, der erneute Riss des Kreuzbandes, ist mit der Entwicklung der OP-Technik geringer geworden. „Lange Zeit wurde nicht optimal platziert“, sagt Schäferhoff. „In den letzten fünf Jahren aber hat man das neue Band näher da fixiert, wo es auch zuvor gesessen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass es hält, ist dadurch gestiegen.“ Zumeist tritt ein zweiter Kreuzbandriss am anderen Bein auf. Wie etwa bei Patrick Helmes, den der FC-Arzt operierte. Das Korrektiv zu Schäferhoffs Arbeit ist ein öffentliches. Während viele seiner Kollegen nicht wissen, wie gut ihr Kreuzbandersatz hält, „lese ich es in der Zeitung“. Wird nicht operiert, besteht die Gefahr von sekundären Langzeitschäden an den Menisken und den Gelenkknorpelflächen bis hin zur Arthrose.

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