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„Ich will einen Platz in den Top 100”

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:

Hergenrath. Die Weihnachtszeit ist auch Treffzeit. Nicht nur für Jäger. Es sind die Tage der Einkehr, der Rückkehr zur Familie, in die Heimat. Auch für Sportler. Pia Braun ist ebenfalls zurückgekommen.

Von Barcelona nach Hergenrath, von der Tennis-Akademie Sanchez-Casal zurück zu Mama Petra, Papa Mirko und den Brüdern Nick (9) und Luan (3).

Die Tür aber im Dörfchen öffnet eine spanische Freundin. Ganz offensichtlich. „Nein, ich bin Pia”, schmunzelt die junge Frau. Und ist nicht verwundert über die Vision. Auch in Barcelona wird sie „verkannt”. „Da sprechen mich die Menschen immer auf Spanisch an.” Mit dem Antworten hapert’s noch. „Das rollende R macht mir Probleme, das versuche ich lieber erst gar nicht.”

Und sie sportlich zu verkennen, ist kaum noch möglich. Pia Braun rangiert bereits auf Platz 50 der ETA-Liste in der Altersklasse U 16. Dafür hat nicht zuletzt der Erfolg im Herbst in Cornella de Llobregat gesorgt, als sie als Ungesetzte das Turnier gewann. Nun aber steht das Tennis-Talent vor seiner größten Herausforderung: 2010 startet sie auf ITF-Turnieren, auf Welt- statt Europa­ebene, gegen 17-, 18-, 19-Jährige. Der Start ist bereits gelungen. Aus einem frühen Schnupper-Einsatz wurde gleich ein Achtungserfolg. Im Oktober kämpfte sie sich bei einer Veranstaltung auf heimischem Akademie-Gelände durch die Qualifikation bis ins Viertelfinale. Das wird auch die Sponsoren gefreut haben, die in die vielversprechende Karriere investieren und den Aufenthalt in der Tennisspielerinnen-Schmiede finanzieren.

Die zweite Überraschung - nach dem „spanischen” Aussehen - lässt auch nicht lange auf sich warten. Wie lange trainiert die im Oktober Geborene denn schon in der katalanischen Hauptstadt? Die Antwort fällt Pia Braun leichter als die Schlussfolgerung: zwei Jahre - also der Abschied von der Familie, von den Freunden, von der Heimat mit 13?????? Da stutzt selbst die „Auswanderin”, womöglich in der Erinnerung an die erste Zeit im fernen Spanien. „Ja”, gibt sie zu, „das war hart. Ich litt unter Heimweh, und es gab manche Träne.”

Die sind längst getrocknet. Mit Hilfe der Familie, mit Hilfe der Tennis-Freundinnen in Barcelona, und vor allem mit Hilfe der eigenen Willensstärke: Mit 13 Jahren sich auf das Abenteuer Barcelona einzulassen, war allein ihre Idee. In einer Tennis-Sendung hörte Pia Braun zum ersten Mal von der Akademie Sanchez-Casal. Und ihr Entschluss reifte schnell, erst recht nach der einwöchigen Besichtigungstour mit den Eltern.

„In Aachen wäre ich nicht weitergekommen.” Unterricht in der Pater Damian Schule in Eupen bis halb vier, dann zum Training auf die Anlage von Blau-Weiß Aachen. Und abends dann noch Schulaufgaben machen. „Da blieben nur noch anderthalb Stunden. Andere trainierten bereits drei.”

Die Akademie bietet ihr die Möglichkeit, Schule und Sport ökonomisch zu verbinden. Der Weg ist hart. Jeden Tag Unterricht bis um drei, danach drei Stunden Tennis, anschließend eine Stunde Krafttraining: Da bleibt nicht viel Raum für Dinge, die für viele Altersgenossinnen zur eingeforderten Lebensqualität gehören. „Vielleicht wäre ich später einmal traurig gewesen, diese Chance nicht genutzt zu haben. Es war ein Risiko. Aber ich habe noch keine Sekunde bereut, das eingegangen zu sein.”

Lernsprache ist Englisch, in zwei Jahren legt sie das Abitur ab. Bis dahin hofft sie, auch ihre sportliche Reifeprüfung abgelegt zu haben, die sie schon ganz konkret vorträumt. „Ich will unter die Top 100.” Und jenseits dieser realistischeren Vision gibt es noch einen „Über-Traum”: „Unter die Top 10!”

Den Treibstoff für diese ehrgeizigen Ziele schöpft sie aus einer scheinbar simplen Feststellung: „Ich spiele halt so gerne Tennis.” Doch ganz so simpel ist das nicht. Wenn Kinder immer nur Resultate der Eltern-Gene und -Vorlieben wären, müsste Pia entweder Fußball („Um Gottes Willen!”) oder Volleyball spielen. Papa Mirko kickte, Mama Petra pritschte einst - beide im Dienste von Alemannia Aachen.

Doch Pia ging schon immer ihren eigenen Weg. Allenfalls Reiten wäre eine Alternative gewesen. Doch das gab sie schnell auf, als sie einmal Blut bzw. Asche geleckt hatte. Mit sieben Jahren schloss sie den Bund mit dem inzwischen auch bunten Sport. Klein-Pia sollte in den Ferien bei einer Freundin übernachten, die am nächsten Tag ins einwöchige Hoengener Tennis-Camp musste. Deren Mutter entschied: „Da gehst Du halt mit!” Resultat einer Begegnung der erzwungenen Art: Pia hatte den Sport ihres Lebens gefunden, die Freundin vollzog nach der Woche die Scheidung - vom Tennis.

Die vererbte gute Physis des heutigen Trainers, verstärkt durch gemeinsame Läufe, ist gute Grundlage für ihre Art, Tennis zu spielen. „Ich bin eine Läuferin, eine gute Konterspielerin.” Großes Vorbild: Rafael Nadal. Natürlich „nur” wegen seiner sportlichen, nicht wegen seiner optischen Qualitäten, wie die 15-Jährige glaubhaft versichert.

Ein Leben für den Sport: Wenn andere am Wochenende einen drauf machen in Barcelona, fährt Pia lieber mit Freundinnen ins Kino, gestärkt durch die Erkenntnis. „Party machen die, die nicht nach oben kommen.” Und genau da möchte sie hin: „Nach ganz oben!”
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