Ein Gas, das den Sportbetrug revolutioniert

Von: Marlon Gego und Tom Mustroph
Letzte Aktualisierung:
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Fand Belege dafür, dass mit Xenon gedopt werden kann: Rolf Rossaint, Chef- Anästhesist am Klinikum. Foto: M. Gego

Aachen/Köln. Die Entdeckung muss im Geheimen gemacht worden sein, irgendwann zu Beginn des Jahrtausends, irgendwo in Russland. Viel früher als im Rest der Welt wurde in einem russischen Labor herausgefunden, dass es ein Narkosemittel, gibt, das wie Doping wirkt und dem Rest der Welt als solches völlig unbekannt ist.

Bis Rolf Rossaint aus Aachen darauf gekommen ist, dass Xenon die Bildung des körpereigenen Proteins Erythropoetin, kurz: Epo, anregt, hat es noch zehn Jahre gedauert. 

Rolf Rossaint, 55, ist Chefarzt der Anästhesie am Aachener Klinikum, er war maßgeblich daran beteiligt, dass man in Europa heute weiß: Mit Xenon kann sehr wahrscheinlich gedopt werden. Das Klinikum ist eines von mehreren europäischen Krankenhäusern, die an der weiteren Erforschung Xenons für anästhesiologische Zwecke arbeiten, Rossaint ist der Koordinator dieser Forschung.

Das englische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ berichtete vor drei Wochen über Dokumente, die belegen, dass in Russlands Sportleistungszentren mindestens seit 2003 Experimente mit Xenon gemacht werden. Der WDR griff die Berichterstattung auf. Bis zu 70 Prozent der russischen Olympia-Medaillengewinner seit 2006, hieß es in einem Anfang der Woche ausgestrahlten Beitrag, könnten mit Xenon gedopt gewesen sein.

Die Funktionsweise Xenons ist in etwa die: Beim Einatmen des Edelgases wird im Körper die Bildung mehrerer Proteine angeregt, darunter auch Epo. Im Ausdauersport wird es seit fast 20 Jahren verwendet, weil es die Produktion roter Blutkörper anregt. Je mehr rote Blutkörper sich im menschlichen Kreislauf befinden, desto leistungsfähiger ist er. Bislang war es übliche Dopingpraxis, dem Körper künstliches Epo zuzuführen, doch das ist nachweisbar. Beim Einatmen von Xenon produziert der Körper selbst Epo, und zwar um bis zu 60 Prozent mehr als gewöhnlich. Für die Fahnder ist diese Art des Dopings bislang nicht nachweisbar.

Rossaint schränkt ein, dass die Aachener Forschung sich bislang nur auf Tierversuche stützt. Allerdings hält er es für sehr wahrscheinlich, dass die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind – was auch die russischen Dokumente nahelegen, von denen der „Economist“ berichtete.

Als Anästhetikum wird Xenon in Deutschland selten verwendet. Weil es nicht produziert, sondern nur durch ein komplexes Abscheidungsverfahren aus Sauerstoff gewonnen werden kann, ist es teuer. Rossaint sagt, ein anästhesiologischer Vorteil Xenons sei, dass es innerhalb weniger Minuten nach der Zuführung vom Körper wieder ausgeschwemmt werde. Der Patient sei nach der Narkose schnell wieder bei sich, bei Dopern kann Xenon nur bis wenige Minuten nach dem Einatmen im Körper nachgewiesen werden. Die Medikamente für eine einstündige Narkose kosten kaum mehr als fünf Euro, mit Xenon hingegen etwa 300 Euro. Weil es teuer ist, ist es für die Pharmaindustrie interessant, auch in deren Auftrag forscht Ros-saint. Studien sollen belegen, dass Xenon organschonender ist als andere Anästhetika.

Der Kölner Antidopingforscher Mario Thevis erklärte am Mittwoch im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Entwicklung einer Nachweismethode für Xenon-Doping „keine größere Herausforderung“ darstelle. Es böte sich dann an, sagte Thevis, alle konservierten Blutproben der Olympischen Spiele seit 2004 auf Xenon-Doping hin zu überprüfen. Käme es so, stünde vielen Sportarten möglicherweise ein Skandal bevor, wie es ihn zuvor noch nicht gegeben hat.

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