Das Mittelfeld reicht Stephanie Czayka nicht

Von: Bernd Schneiders
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Übach-Palenberg. Von ihrem sprichwörtlichen „Sprungbrett” zu ihrer Schwimm-Karriere hat Stephanie Czayka erst 18 Jahre später erfahren.

Mit 14 Monaten soll sie auf Ibiza aus luftiger Höhe in den Pool gesprungen sein. Eine Erinnerung daran hat sie natürlich nicht mehr. Also auch nicht, ob’s vom Einer oder Fünfer war. Und auch Details wie die Frage, mit oder ohne Pampers, sind weiter ungeklärt. Aber die Anekdote macht zumindest klar: Früh springt, was eine erfolgreiche Schwimmerin werden will. Heute ist Stephanie Czayka in allen deutschen Schwimmbecken zu Hause, wurde zum zweiten Mal in Folge zur Schwimmerin des Jahres des Schwimm-Bezirk Aachen gewählt und sammelt Rekorde wie andere Briefmarken.

Ob jemand beim Ibiza-Sprung nachgeholfen hat, ist ungeklärt. Sicher aber ist, dass das erste ernsthafte Training erzwungen wurde. Klein-Stephanie pflegte mit ihrer Freundin zum Schwimmtraining des VfR Übach-Palenberg zu gehen, da deren Oma im Verein schwamm. In den letzten 15 Minuten der Übungseinheit war stets spielen angesagt. „Und dann hieß es plötzlich, wenn ich nicht vorher am Training teilnehme, darf ich nicht mehr mitmachen”, erzählt die heute 19-Jährige. Aus Spiel wurde auch Ernst. Und auch die Zehnjährige wandelte sich im Laufe der Schwimm-Jahre. Zwar gelang schon mit elf der Sprung in die 1. Mannschaft. Die aktuelle athletische Form ist selbst erarbeitet. Lange begleiteten sie „liebevolle” Beinamen wie „wandelnder Startblock” oder „Kampfpanzer”. Ihr Trainer Manfred Rothärmel sprach augenzwinkernd von einer „ergonomischen Tropfenform”. Und auch in ihrer eigenen Erinnerung sieht sie sich als „kleine Tonne”. Ab Sommer 2008 aber hat sie zehn Kilo runtergearbeitet, denn für die Schwimmerin steht der größte Sprung an: Nach ihrem Geburtstag muss sie in der offenen Klasse schwimmen. Die jüngsten Erfolge als NRW-Beste ihres Jahrgangs sind dann nur sehr schwer zu wiederholen.

Doch der nun ehemalige „wandelnde Startblock” hat sich nicht aller Spitznamen entledigt. Der „Kampfpanzer” rollt noch, wenn auch in der leichteren Version - mit 55 Kilo. „Ich bin sehr ehrgeizig”, nennt die junge Frau aus Übach-Palenberg ihren Treibstoff für die vor ihr liegende Herausforderung. Dieses Naturell bekam auch schon mal ein Wettkampfrichter zu spüren, der getroffen wurde, als sie ihrem Frust über eine eher mäßige Leistung per Schwimmbrillen-Weitwurf Luft verschaffte. Körperlich zählt sie mit 1,70 m nicht zu den ganz Großen („Ich bin voll klein!”), mental aber schöpft sie aus den Vollen. „Wenn ich was will . . .”

Und sie will: Zum Beispiel unter die 20, 30 Besten kommen. Bei den Deutschen Meisterschaften lag sie zuletzt im Mittelfeld. Das reicht ihr nicht. Sie will weiterkommen, sich verbessern. Ihre Kraft erhöhen, an ihrer Technik feilen. An den Delfinkicks etwa, die bei der Wende entscheidende Zentimeter bringen können. Ihr aktueller Traum: Einmal ins Finale bei den Deutschen Meisterschaften kommen. Eintauchen in den Kreis der Elite-Schwimmerinnen. Ohne sich allerdings die Allüren anzueignen, die viele zur Schau tragen. „Wenn sie erfolgreich sind, kennen sie dich plötzlich nicht mehr.” Das passt zur Heimatverbundenheit der Schwimmerin aus Übach-Palenberg. Wechseln zu einem anderen Verein? Ein Unding: „Der VfR ist für mich wie eine kleine Familie.”

Der Freund ist auch Schwimmer

Und Familien-Mensch Stephanie hat die Qualifikationen für die DM im Juli für alle Rücken-Distanzen bereits geschafft. Dafür nimmt sie einiges in Kauf. Fünf Mal Training die Woche, in der Hochsaison jedes Wochenende ein Wettkampf. Für Freundschaften bleibt da nur wenig Zeit. Doch auch im Privaten bleibt Stephanie Czayka in ihrem Element. Ihr Freund Jan Pietschmann ist ebenfalls Schwimmer. Und so trifft man sich auch schon mal sportlich. Wie etwa im Dezember bei den Kurzbahn-Bezirksmeisterschaften in Aachen. Der ein Jahr jüngere Aachener holte für die SV 06 sechs Titel und wurde sieben Mal Vize-Meister. Aber noch mal übertrumpft von seiner Freundin: Die da noch 18-Jährige startete zwölf Mal - gewann zehn Titel und holte zwei Vize-Meisterschaften. Ein Dutzend Rennen, ein Dutzend Mal eine wichtige Konzentrationsphase vor dem Start. Zwölf Mal eintauchen in sich selbst also, sich mental abkapseln von der Außenwelt und sogar vom eigenen Freund? Denkste: Stephanie Czayka schwimmt hierbei gegen den Strom. Keine Musik über Kopfhörer, keine Yoga-Übungen. Der übliche „Tunnel”, in den sich die meisten Sportler begeben, „wäre für mich tödlich”. Sie bevorzugt und benötigt eine Vorbereitung der „sozialen” Art: „Ich muss quatschen!” Das hat inzwischen auch Trainer Rothärmel akzeptiert, nachdem sie zuvor gerüffelt wurde: „Konzentrier Dich, hör auf zu quatschen!”

So redet sie sich - zu ihren Siegen. Und genießt inzwischen auch wieder unbesorgt ihre Lieblingsausrüstung: Stephanie Czayka hat einen speziellen Geschmack bei ihren Schwimmanzügen. Dass High-Tech-Anzüge inzwischen verboten sind, kommt ihr entgegen. „Ich mag’s bunt. Und dafür nehme ich auch gerne in Kauf, etwas langsamer zu sein.”
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