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Borussia: Zwischen Pflanzenschutz und zentraler Problemlösung

Von: Bernd Schneiders
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Wie kriege ich das kreative Problem in den Griff, ohne die Defensive zu vernachlässigen? Borussia Mönchengladbachs Trainer Lucien Favre hat nicht viel Zeit zum Überlegen. Foto: imago/M.i.S/Moritz Müller

Mönchengladbach. Wie ein militanter Kleingärtner versuchte Max Eberl das arg geschundene Pflänzchen zu schützen. „Lazio hat uns nicht an die Wand gespielt“, versuchte Borussia Mönchengladbachs Sportdirektor aus dem 3:3 im Heimspiel gegen Rom noch etwas Nektar zu ziehen. Doch „borussia vulgaris europeensis“ ist mehr als bedroht.

Libor Kozák trampelte das noch nicht sonderlich robuste Gewächs mit seinem Ausgleich in der Nachspielzeit fast tot. Die Aufgabe fürs 1/16-Final-Rückspiel in der Europa League am Donnerstag der kommenden Woche in Italiens Hauptstadt erscheint mehr als verzwickt. „Ein 4:4 halte ich für unrealistisch“, glaubt nicht nur Lucien Favre. Und Mönchengladbachs Trainer weiß auch, dass ein Sieg in Rom – Voraussetzung für den Einzug ins Achtelfinale – eine nicht sehr viel geringere Herausforderung ist.

Max Eberl aber konzentriert sich vorerst auf seine (Ab-)Schirmherrschaft. Wir dürfen jetzt nicht in die Tiefenpsychologie reingehen“, und weigerte sich, auf „das was wäre wenn“ weiterhin einzugehen. „Auch die Spieler müssen diese Fragen abblocken.“ Vor allem deshalb, weil es am Samstag, keine 40 Stunden nach dem Abpfiff, bereits um die neue Saat für die kommende Saison geht.

Der unbarmherzige Spielplan der DFL, gesteuert durch die Rechte der Fernsehsender, gesteht wegen der Vielzahl an deutschen Europa-League-Teilnehmern diesmal den Gladbachern keine echte Regenerationszeit zu. Lucien Favre möchte erst später darüber sprechen, aber deutete vorgestern Nacht in der Pressekonferenz kurz vor Mitternacht, als seine Profis noch nicht mal mit dem Duschen fertig waren, schon mal süffisant an: „In 18 Minuten können wir schon sagen, wir spielen morgen . . .“

Heute also – beim Hamburger SV, und dann auch nicht zum Topspiel mit einem Bonus von drei Stunden, sondern pünktlich um 15.30 Uhr. Die Probleme aber, die beim Torfestival gegen Lazio erneut offensichtlich wurden, werden Favre und seinen Kader noch länger begleiten. Das weiß auch Max Eberl. Womöglich gerade auch deshalb versucht der Manager kritischen Nachfragen zuvorzukommen – antizipieren der verbalen Art: „Wir hatten drei, vier richtig gute Torchancen, dazu noch drei Strafstöße“, zählt der ehemalige Abwehrspieler auf. Macht in seiner Rechnung gut acht Torchancen.

Eine geschönte Bilanz. Denn aus dem Spiel heraus demonstrierte Gladbach einmal mehr sein Unvermögen, sich ernsthafte Möglichkeiten zu erspielen. Juan Arangos Pfostenschuss war ein Freistoß (41.), und auch der Alu-Treffer von Martin Stranzl entsprang einem Einwurf (70.).

Natürlich kann man die Diskussion abbrechen mit dem Hinweis auf die sportliche Situation vor noch nicht einmal zwei Jahren. Frei nach dem Motto „Wo kommse her?“, garniert mit dem (fast tot-) schlagenden Argument „Das sind Mannschaften von Kaliber“ (Favre), was übersetzt hieße: Gegen Lazio kann und darf man sogar verlieren, aber erst recht unentschieden spielen. Doch das Kernproblem bleibt, auch für das Spiel in der Bundesliga am Samstag beim HSV. Im konstruktiven Spiel nach vorne knirscht es gewaltig. „Wir hatten auch ein, zwei gute Stafetten drin“, lieferte Tony Jantschke ungewollt einen Beleg, dass die offensiven Triebe bei Borussia stark verkümmert sind.

Der Rechtsverteidiger musste am Donnerstag genau in der Zone aushelfen, wo eigentlich auch die Kreativität beheimatet sein soll: im zentralen Mittelfeld. Dort aber bleibt nicht nur der Fortschritt aus. Die Zeichen stehen auf Rückentwicklung. Eigentlich war Granit Xhaka dafür auserkoren und finanziert worden, der Gladbacher Schaltzentrale nach dem Weggang von Roman Neustädter mehr Spielwitz und Offensivgeist einzuhauchen. Das ist mächtig in die Hose gegangen, und es spricht Bände, wenn Routinier Thorben Marx sich hier als stabilster Sechser zeigt, indem er sich abgeklärt und fehlerminimierend auf Defensivarbeit und einfache Pässe nach vorne konzentriert.

„Wir haben viele unterschiedliche Spielertypen fürs Zentrum“, beschreibt Jantschke das Angebot für Favre. Doch er selbst ist als Rechtsverteidiger wertvoller, Havard Nordtveit demonstrierte erneut sein Formtief und kommt aber eh wie Marx nicht aus der Abteilung Fußball-Feinkost. Im kreativen Loch verschwinden reihenweise die eingesetzten Spieler, recht häufig durfte sich zuletzt Tolga Cigerci versuchen. Die Leihgabe vom VfL Wolfsburg kann durchaus mit dem Ball umgehen, doch ist fleischgewordener Beweis dafür, dass der Höchstwert in der Laufstrecke nicht immer Aussagekraft über die Qualität der Arbeit eines Profis liefert: viel Aufwand – wenig Ertrag.

„Unsere Fehler bei den Gegentoren sind leicht abzustellen“, hatte Lucien Favre nach dem 3:3 gegen Leverkusen gesagt. Die drei gegen Lazio kassierten Treffer beurteilte er als „anders, als die von Leverkusen“, aber ebenfalls als „zu einfach“. Sein zentrales Problem erscheint weder ähnlich variantenreich, noch leicht abstellbar. Wie auch immer muss er bei aller Risikovermeidung Granit Xhaka ins Spiel bringen, auch wenn das bei den Defensiv-Schwächen des selbstbewussten Schweizers fast wie die Quadratur des Kreises erscheint. Vielleicht schon am Samstag in Hamburg.

Mögliche Aufstellung: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dominguez, Wendt - Nordtveit (Xhaka), Marx - Cigerci, Arango - Hanke, Herrmann

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