Aachen - Rohrreiniger-Attacken auf Spielplätze: Philipp S. wird eingewiesen

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Rohrreiniger-Attacken auf Spielplätze: Philipp S. wird eingewiesen

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
Rohrreiniger Foto: Marius Becker/dpa
Der Angeklagte (links) beim Prozessauftakt neben seinem Verteidiger Rainer Dietz im Landgericht. Foto: Marius Becker/dpa
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Auf frischer Tat fotografiert: Diese Bilder einer Überwachungskamera im Westpark zeigen den tatverdächtigen Mann beim Verteilen von Rohrreiniger im Park. Foto: Polizei Aachen
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Die monatelangen wiederholten Attacken hatten in der Bevölkerung Besorgnis ausgelöst. Foto: Harald Krömer
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Auch auf zwei Grillplätzen im Aachener Stadtwald hatte der 53-Jährige giftigen Rohrreiniger verteilt. Foto: Harald Krömer
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Die Ermittler hatten die weißen Kügelchen im Labor untersuchen lassen. Foto: Harald Krömer
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Die betroffenen Bänke und Spielgeräte mussten aufwendig gereinigt werden. Foto: Holger Richter
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Die Polizei ermittelte öffentlich und im Verborgenen: Sie stellte im Westpark mehrere Kameras auf, die schließlich zur Überführung des Täters beitrugen. Foto: Michael Jaspers
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Geschrei unerwünscht: Der 53-Jährige hatte die Belästigung durch Kinderlärm als Motiv für seine Taten angegeben. Dieser Aufkleber fand sich unmittelbar vor dem Spielplatz im Westpark. Foto: Harald Krömer

Aachen. Philipp S. aus Aachen lebt in einem Wahnsystem – einem inneren Gedanken- und Forderungsgebäude, das ihn ständig befehlende Stimmen hören lasse. So beschrieb der Vorsitzende Richter des Aachener Schwurgerichts Roland Klösgen den seelischen Zustand des Mannes auf der Anklagebank.

Das mache den an paranoiden Wahnvorstellungen erkrankten 53-Jährigen auch weiterhin für die Allgemeinheit hochgefährlich. So begründete der Richter am Freitagmittag die von der Kammer verfügte  dauerhafte Unterbringung des Aacheners in einer psychiatrischen Klinik. Er hatte im Sommer 2017 in Aachener Parks und auf Spielplätzen Rohrreiniger-Granulat verteilt – und damit Angst und Schrecken in der Stadt verbreitet.

Fünf Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren verätzten sich an dem auf Bänken, Schaukeln und Klettergerüsten verteiltem Giftstoff. Sie nahmen die weißen Körnchen entweder in den Mund oder setzten sich auf mit dem Reiniger bestreute Spielgeräte, so dass ihre Haut geschädigt wurde.

Auch auf zwei Grillplätzen nahe dem Aachener Wald und an einem Waldorfkindergarten hatte S. die Granulatkörner auf dem Boden verteilt. Kinder steckten sie dort in den Mund. Mit einer schnellen Reaktion konnten Betreuerinnen Schlimmeres verhindern. Sie brachten ihre weinenden Schützlinge umgehend in eine Klinik.

Rohrreiniger sei eines der stärksten frei verkäuflichen Gifte und reagiere in Verbindung mit Feuchtigkeit, bewertete der Kölner Rechtsmediziner Dr. Thomas Kamphausen die Aachener Vorgänge, die sich  von Anfang Juni bis September 2017 abspielten. So werde die Flüssigkeit zu einer äußerst ätzenden Lauge. Gerade für Kinder sei das „potenziell lebensgefährdend“, sagte Kamphausen. Die starke Lauge sei sogar schlimmer als Säure.

Versteckte Kameras im Park

Nach einer polizeilichen Videoüberwachung des Aachener Westparks wurde Philipp S. am frühen Sonntagmorgen des 10. September aufgenommen und später von Nachbarn erkannt. Er wohnte ganz in der Nähe des Parks. Am 13. September nahm die Polizei ihn fest.

Bei der Entscheidung, den ehemals drogenabhängigen, aber seit etwa 20 Jahren ohne Drogen lebenden Mann dauerhaft einzuweisen, habe sich die Kammer auf die Feststellungen der psychiatrischen Gutachterin gestützt, sagte Klösgen. Danach habe S. nicht nur Stimmen gehört, vor denen er sich durch das Tragen von Gehörschutz vergeblich abzuschirmen versucht hatte. Er habe sich auch insgesamt von seiner Umwelt extrem bedroht gefühlt; besonders von Kinderstimmen, die wiederholt und unaufhörlich seinen Namen gerufen hätten.

Der Griff zum giftigen Rohrreiniger sei eine Art letzte Maßnahme gewesen. Zuvor hatte S. bereits in akuten Phasen seines Wahns Kot und Urin auf den Spielplätzen verschmiert. Doch niemand hatte damals eine Verbindung zu dem ansonsten völlig unauffälligen Anwohner des Westparks herstellen können.

Im Wald gelebt

Als die Stimmen zum Sommer 2017 immer bedrohlicher wurden, entschloss sich S., mit einem Rucksack und einem Tarnzelt in den Aachener Wald zu ziehen. Dort übernachtete er in der Nähe der zwei betroffenen Grillplätze – und fühlte sich erneut von Kinderstimmen sowie von „weggeworfenem Glas und rohen Koteletts“ in seiner Existenz bedroht.

Zum Prozessbeginn, nach der Beweisaufnahme, hatte die Schwurgerichtskammer wie auch die Staatsanwaltschaft den Fall zunächst wesentlich schärfer als möglichen fünffachen versuchter Mord eingestuft. Doch wie dann die Staatsanwältin, schloss auch die Kammer schließlich aus von wahnhaften Vorstellungen geprägten Erklärungen des Beschuldigten, dass er in seinem Verfolgungswahn „nur“ seine Ruhe haben wollte.

„Er hatte in seinem komplexen Wahnsystem jedoch keine Tötungsabsichten. Das glauben wir ihm“, sagte Klösgen. So wertete das Schwurgericht die Taten als fünffache gefährliche Körperverletzung, mehrere weitere Versuche kämen hinzu.

Sein Wahnzustand habe ihn als Täter mit einer „schweren seelischen Störung“ handeln lassen, die dringend in der Psychiatrie behandelt werden müsse. Richter Klösgen: „Ich hoffe, dass er dann mitarbeitet und Medikamente nimmt.“

Philipp S. war früher bereits in Behandlung gewesen und hatte irgendwann die Einnahme von Medikamenten eingestellt. Der Anwalt von S., Rainer Dietz aus Aachen, wertete den Wegfall des Tötungsvorwurfs als „juristischen Erfolg“, der das Augenmaß der Kammer zeige.

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