Minneapolis/St. Paul - Zwiespältige Zwillinge, perfektes Paar: Minneapolis und Saint Paul

Zwiespältige Zwillinge, perfektes Paar: Minneapolis und Saint Paul

Von: Heike Schmidt, dpa
Letzte Aktualisierung:
Minneapolis und St. Paul
Keck und konservativ: Minneapolis und St. Paul sind ein perfektes Paar. Foto: dpa

Minneapolis/St. Paul. Von wegen Zwillinge. Nicht mal als Geschwister würden Minneapolis und Saint Paul durchgehen. Beide Städte liegen zwar im Herzen des nördlichen US-Bundesstaates Minnesota und nur 20 Kilometer voneinander entfernt am Ufer des mächtigen Mississippis.

Aber damit hat es sich mit der Ähnlichkeit der ungleichen „Twins” auch schon.

Minneapolis ist jung und flippig. Die Stadt trägt einen Stachelschnitt von blitzenden Wolkenkratzern aus Stahl und Glas. Ihr Herz schlägt für hippe Kunstgalerien im Northeast Arts District und für verrückte Skulpturenparks wie dem vom Walker Arts Center, wo kolossale Kirschen auf verbogenen Teelöffeln balancieren. Um ihre Mitte schlingt sich ein blauer Gürtel aus natürlichen Seen. In einer indianisch-griechischen Wortschöpfung der ersten weißen Siedler heißt Minneapolis schließlich Wasserstadt.

Minneapolis entstand beiderseits des Mississippis, an seinem höchsten natürlichen Wasserfall. Gegenüber den Niagarafällen ist dieser zwar ein Zwerg, nach dem Bau verschiedener Dämme sind aber immerhin noch 23 Meter Höhenunterschied geblieben. Die Falls of Saint Anthony trieben zuerst Sägewerke an, dann Getreidemühlen. Selbstbewusst krönte sich Minneapolis zur Welthauptstadt im Mehlmahlen. Tatsächlich genügte damals allein die Produktion der Washburn-A-Mühle - die renovierte Ruine ist heute das Mill City Museum - um täglich zwölf Millionen Brote zu backen.

Wasserkraft bedeutete Wohlstand. Auch wenn die Mühlen längst still stehen, dreht sich in Minneapolis doch noch vieles um das nasse Element. Wie andernorts Skier, kutschieren die Einwohner coole Kanus auf dem Autodach. Segelboote schaukeln auf den Gewässern, drumherum sausen Rennräder und Rollerblades - wohl auf der Flucht vor massenhaft Mücken, die hier zu solch enormen Größe gedeihen, dass Witzbolde die Plagegeister zu inoffiziellen Wappenvögeln Minnesotas erklärten.

Abends unterhält sich Minneapolis in einem der vielen Theater auf der Hennepin Avenue. Nicht ohne Grund wird diese auch Little Apple genannt. Gleich nach New York City gibt es hier die meisten Theaterplätze. Allein die Architektur des in nachtblaues Glas gekleideten neuen Guthrie-Theaters mit seinen gewagten geometrischen Formen und der im Nichts endenden Auslegerbrücke ist eine Show für sich.

Nach der Vorstellung geht es in den Warehouse-Bezirk mit seinen zahlreichen Bars. Im „First Avenue”-Nachtclub schwofte sogar schon Prince bei den Dreharbeiten zu „Purple Rain”.

Über all das kann Saint Paul nur den Kopf schütteln. Um 1840 aus einem Handelsposten für franko-kanadische Pelzjäger dort geboren, wo der Mississippi für die dicken Dampfschiffe nicht weiter befahrbar war, ist St. Paul immerhin ein paar Jahre älter als seine lebenslustige Schwester. Zugegeben, die Anfänge der heutigen Bundeshauptstadt waren ähnlich turbulent - mit Indianern und Abenteurern, Ganoven und Schnapsbrennern wie Pierre „Pigs Eye” Parrant.

Sein Bretterhaufen von Spelunke - offiziell St. Pauls erstes Bauwerk - hieß ebenfalls „Schweinsauge” und war so berühmt wie berüchtigt. Schon bald kannte jeder die gesamte aufstrebende Siedlung nur noch unter dem unfeinen Spitznamen. Zum Entsetzen von Pater Lucien Galtier: Der frisch zugewanderte Missionar zimmerte auf den Uferklippen eine Blockhaus-Kapelle für seinen Lieblingsheiligen Paulus - seit 1915 steht hier die vierte Version, eine immens große und graue Kathedrale mit Kupferdom - und überredete das neue Nest zu einem vernünftigen Namen: Aus Saul wurde Paul.

Seither übt sich der Musterknabe in sittsamer Bescheidenheit. Minneapolis hat sechs Stripclubs. Das artige St. Paul genau einen, und der ist ein hochanständiges Restaurant, wo „Strip” genannte Rindersteaks in Zitronensaft mit pochierten Kartoffeln serviert werden. St. Pauls Bürohochhäuser sind rechteckig, praktisch und maßvolle hundert Meter niedriger als die von Minneapolis. In einer guten halben Stunde ist man durch die adrette Innenstadt spaziert.

Rice Park ist ein grüner Mittelpunkt mit Springbrunnen und Bänken im Schatten des historischen Landmark Centers, einem neoromanischen Möchtegern-Schloss aus hellrosa Granit mit Giebeln, Erkern und Uhrenturm. 1902 wurde es als Behördensitz für Post, Zoll und Gericht gebaut. Mitglieder der notorischen Ma-Baker-Bande wurden hier 1935 verurteilt. Die Gangstermama und ihre vier Jungs - im schmissigen Discohit von Boney M. verewigt - hielten sich nämlich nicht an die saubere Abmachung mit St. Pauls Sheriff, krumme Dinger gefälligst außerhalb der Stadtgrenzen zu drehen.

Vor dem Landmark Center hockt Charlie Brown, aus Bronze und überlebensgroß, auf dem Schoß Hund Snoopy. Hüftschwingende Popstars kann St. Paul nicht bieten, aber achtbare Autoren wie Peanuts-Vater Charles M. Schultz, der hier seine Comics zeichnete. Auch der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald wurde hier geboren.

Sieben Kilometer viktorianische Prachtvillen fädelt die auf einem Höhenkamm über dem Fluss verlaufende Summit Avenue auf. Auch Radiostar Garrison Keillor ist hier zuhause. Wenn seine altmodisch-komische Samstagssendung „A Prairie Home Companion” über den Äther tönt, schmunzelt ganz Amerika über neueste Nachrichten aus Lake Wobegon, einem erfundenen Dorf in Minnesota, wo „alle Frauen stark sind, die Männer gut aussehend und alle Kinder überdurchschnittlich”. Oft wird die Live-Schau aus St. Pauls Fitzgerald-Theater übertragen. Mit Glück gibt es noch Karten - vielleicht auch für die „Saints”.

Im Gegensatz zu den „Twins” von Minneapolis, die in der Profi-Oberliga spielen, nehmen St. Pauls „Heilige” Baseball nicht so ernst. Ein quiek-lebendiges Schwein wetzt in den Pausen als Maskottchen über den Platz. Furchtlose Freiwillige stellen sich Quizfragen. Bei falschen Antworten regnet es Tomatensoße. Wer vorausbucht, kann das Spiel sogar aus einem Whirlpool verfolgen.

Wenn St. Paul auch bewusst sein Understatement pflegt, der für Minnesota typisch trockene Humor und ein liberaler Geist wirken auch hier. Die University of Minnesota mit Campus in beiden Orten gilt als eine der besten öffentlichen Hochschulen des Landes.

Parallel zur Summit Avenue verläuft die Hauptgeschäftsstraße Grand Avenue. Gedrängel und Geschubse gibt es hier anders als auf ihrem Pendant, der Nicolett Mall in Minneapolis, nicht. Dort verbinden klimatisierte Skyway-Fußgängerbrücken die Gebäude, damit das Shoppen auch bei den häufigen Winterstürmen Spaß macht. St. Paul begnügt sich mit schlichten Bürgersteigen.

Necken sich die angeblichen „Twins” auch wie rivalisierende Geschwister - „In Minneapolis wird gefeiert, St. Paul ist zum Ausschlafen” oder „Die Bibel berichtet von St. Paul, Minneapolis wird nicht erwähnt” - so sind es vielleicht gerade die Gegensätze, die das Gespann so anziehend machen. Keck und konservativ: Minneapolis und St. Paul sind ein perfektes Paar.
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