Rio de Janeiro - Zuckerzauber mit Schattenseiten: In Rio prallen Welten aufeinander

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Zuckerzauber mit Schattenseiten: In Rio prallen Welten aufeinander

Von: Helmut Reuter, dpa
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Rio de Janeiro Zuckerhut
Christus der Erlöser breitet seine Arme über Rio aus: Eine Zahnradbahnfahrt zum Corcovado, auf der die Figur trohnt, oder eine Seilbahnfahrt auf den gegenüberliegenden Zuckerhut gehört für viele Besucher zum Rio-Pflichtprogramm. Foto: dpa

Rio de Janeiro. Beim Anflug auf den Stadtflughafen von Rio de Janeiro, den Aeroporto Santos Dumont, wird dem Passagier mit Fensterplatz schnell klar, warum Rio auch „Cidade Maravilhosa”, „Wunderbare Stadt”, genannt wird.

Der azurblaue Atlantik schmiegt sich in kleinen Buchten an perlweiße Strände, die landeinwärts von einem Häusermeer, zerklüfteten Bergen und Hügeln und dem satten Grün des Atlantischen Regenwaldes begrenzt werden. Der Anblick ist so spektakulär wie der Anflug, denn die Flugzeuge schweben nur wenige Meter über der Meeresoberfläche, bis sie endlich auf die Landebahn aufsetzen. „Seja bem-vindo ao Rio de Janeiro”, heißt die Stadt ihre Besucher willkommen.

Für viele Brasilien-Urlauber ist Rio de Janeiro ein absolutes Muss. Wie keine zweite Stadt prägt die sechs Millionen Einwohner zählende Metropole am Atlantik das Gesicht des Landes. Copacabana und Karneval, Fußball und Samba-Feste - das sind nur einige bildreiche Klischees, die dem Touristen vor seiner Landung in der „Stadt am Zuckerhut” schillernd vor Augen stehen.

Die meisten Rio-Urlauber kommen aber am Internationalen Flughafen an. Der Landeanflug dort bietet kein überragendes Panorama. Deshalb empfehlen sich nach der Ankunft zur Übersicht zwei Rio-Klassiker: Der Zuckerhut, der wörtlich übersetzt eigentlich Zuckerbrot (Pão de Açúcar) heißen müsste, ist 396 Meter hoch und per Panorama-Seilbahn zu erreichen. Vor dort hat man bei guter Witterung einen herrlichen Ausblick - genauso wie vom gut 700 Meter hohen Corcovado-Berg, auf dem ein weiteres Wahrzeichen Rios thront: Cristo Redentor, Christus der Erlöser.

Seit 1931 schon breitet die Heiligenstatue ihre Arme mit einer Spannweite von 28 Metern schützend über Rio aus. Der Weg hoch zum Corcovado ist steil, und man fährt am besten vom Stadtviertel Cosme Velho mit der einzigen Zahnradbahn Brasiliens nach oben. Sie nimmt die knapp vier Kilometer lange Strecke mit einer Steigung von 30 Prozent mit brasilianisch-schweizerischer Gelassenheit. Denn der Zug kommt aus dem Land der Eidgenossen, die wissen, wie man solche Bahnen baut. Hin- und Rückfahrt kosten insgesamt 36 Reais, was knapp 16 Euro entspricht.

Zwar sollte man darauf achten, bei sonnigem Wetter zu fahren. Aber auch eine Nebelfahrt hat ihren Reiz. Bei der etwa halbstündigen Auffahrt geht es durch dichten atlantischen Regenwald, die Mata Atlântica, vorbei an nektarsuchenden Kolibris und rotblühenden Hibiskus-Bäumen. „Pro Tag haben wir etwa 1400 Passagiere in der Bahn”, sagt Mariane, die am Drehkreuz freundlich und immer lächelnd aufpasst, dass sich die Touristen auch ordentlich anstellen. Auch Papst Johannes Paul II. stieg 1980 in den „Trem do Corcovado”, um die mit Podest 38 Meter hohe Jesus-Figur zu sehen.

Abgehärtete Stadttouristen machen sich gleich danach auf den Weg zur nächsten Attraktion, bei der man praktischerweise auch Hunger und Durst stillen kann. „Garota de Ipanema” oder „Girl from Ipanema” heißt nicht nur der Welt-Hit, von dem jeder Rio-Fan zumindest die ersten Worte („Olha que coisa mais linda ...”) singen können sollte. Sondern so heißt auch die Kneipe, in der Vinícius de Moraes (Text) und Tom Jobim (Musik) der Legende nach das Lied schrieben, damals, 1962, als die Kneipe noch „Bar Veloso” hieß. „Der ist noch echt”, sagt der Kellner und klopft wie zum Beweis auf den Tisch, wo die beide Bossa-Nova-Größen gern dem eiskalten „Chopp” frönten, wie das frisch gezapfte Bier in Brasilien heißt.

Über dem Tisch hängt eine riesige Kopie des Originalliedtextes, der vom bezaubernden Charme des 19-jährigen Mädchens (Garota) Helô erzählt. Täglich schlenderte sie auf dem Weg zum nahen Strand von Ipanema an der Bar Veloso in der Rua Montenegro (heute: Rua Vinícius de Moraes 49) vorbei und zog die Blicke der Stammgäste Vinícius und Tom auf sich. Zwar entstand das Lied in Wirklichkeit gar nicht in der Kneipe, aber die Legende lebt: An den Tisch drängeln sich Touristinnen aus aller Herren Länder, die sich vielleicht selbst ein wenig als Garota de Ipanema fühlen wollen. Mit den Fotos nehmen sie wenigstens eine Erinnerung mit an die melancholisch-sanften Bossa-Nova-Töne und den schmeichelnden Text.

Rio de Janeiro zieht seit jeher Menschen in seinen Bann. Eine der wortgewaltigsten und elegantesten Elogen auf die Stadt stammt wohl vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Der kam nach langer, bitterer Flucht vor den Nationalsozialisten 1940 nach Brasilien und schrieb den Klassiker „Brasilien - Ein Land der Zukunft” (1941). „Es gibt - wer sie einmal gesehen, wird mir nicht widersprechen - keine schönere Stadt auf Erden, und es gibt kaum eine unergründlichere, eine unübersichtlichere”, schrieb Zweig, der 1942 in dem bei Rio gelegenen Petrópolis, der Sommerresidenz der zwei brasilianischen Kaiser, seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Rio hatte es dem Schriftsteller angetan. Geradezu ekstatisch verehrte er die „Glücksbringende”, die bis 1960 Brasiliens Hauptstadt war: „Nie wird man müde, nie hat man genug. (...) Wer von Rio kommt, dem scheinen in allen anderen Städten dann alle Farben ohne Leuchtkraft, die Menschen auf den Straßen monoton, das Leben zu ordentlich, zu einheitlich.” Auch wenn sich heute noch viele dieser Eindrücke einstellen mögen - seit Zweigs Zeiten sind auch viele Schattenseiten hinzugekommen. Die Stadt ist gewachsen und mit ihr die Probleme. Wer denkt, er kann in lauer Abendstunde sorglos Hand in Hand mit Freund oder Freundin am Strand der Copacabana entlangschlendern, ist sehr schlecht beraten.

Gerade im Stadtteil Copacabana ist die Kriminalität hoch und Prostitution weit verbreitet. Nachts sollten sich Unkundige nur mit Taxis über die Straßen Rios bewegen, und auch tagsüber sollte man eine gewisse, wenn auch nicht übertriebene Achtsamkeit walten lassen. Fast nirgendwo sonst in Brasilien treten die sozialen Unterschiede so krass hervor wie in Rio. Arm und Reich leben dicht beieinander. Glitzerviertel wie Ipanema und Leblon liegen oft nur einen Straßenzug entfernt von einer Favela, einem Armenviertel. Es gibt Angebote für geführte Favela-Touren inklusive Übernachtung. Auf eigene Faust sollten sich Rio-Besucher nicht in Favelas vorwagen.

Dann doch schon eher ins Maracanã-Stadion im gleichnamigen Viertel von Rio. Wer keine Menschenmassen scheut, Fußball mag und Hitze verträgt, der sollte sich das Erlebnis eines Spiels gönnen, möglichst zwischen den Erzrivalen Flamengo und Fluminense. Die Cariocas, die Einwohner Rios, nennen diesen Klassiker kurz und knapp „Fla-Flu”. Tickets können am Stadion selbst, am besten ein oder zwei Tage vorher, gekauft werden. Die Hinfahrt mit der Metro (U-Bahn) zur „Estação Maracanã” ist problemlos, aber Achtung: Am Spieltag herrscht mehr als drängende Enge.

Völlig abseits vom Gedränge der Fußball-Pulks und dicht bevölkerten Strände liegt auf einem Hügel das Viertel Santa Teresa. Geprägt vom vergangenen Kolonialstil, stehen dort prächtige Villen mit herrschaftlichen Gärten. Das Viertel ist Treffpunkt vieler Künstler und Rucksacktouristen. Es gibt dort preisgünstige Pousadas (Pensionen), aber auch kleine, gediegene Luxushotels. Zudem fährt eine der letzten Bondes genannten Straßenbahnen von Santa Teresa runter in die Stadt. 60 Centavos (25 Eurocent) kostet die einfache Fahrt in den wackeligen und offenen gelben Waggons, die quietschend über Schienen aus dem 19. Jahrhundert rattern. Wer auf dem Trittbrett fährt, braucht nichts zu bezahlen.

Es ist schwer Rio zu verlassen, das wusste auch Stefan Zweig: „Niemand nimmt gern Abschied, der hier einmal gewesen. Bei jedem Fortreisen und von jedem Ort wünscht man sich zurück. Schönheit ist selten und vollendete beinahe ein Traum. Diese eine Stadt unter den Städten macht ihn wahr auch in düstersten Stunden; es gibt keine tröstlichere auf Erden.”

Rio de Janeiro

Reiseziel:
Rio de Janeiro - bis 1960 Hauptstadt - ist mit rund sechs Millionen Einwohnern nach São Paulo die zweitgrößte Stadt Brasiliens und 2016 Ausrichter der Olympischen Sommerspiele.

Anreise und Formalitäten: Die meisten Touristen kommen per Flugzeug. Deutsche brauchen kein Visum. In Rio legen auch viele Kreuzfahrtschiffe an. Bestes Transportmittel in der Stadt ist das Taxi. Nachts und sonntags gilt der teurere „Tarif 2”, ansonsten „Tarif 1”. Die U-Bahn ist modern, schnell und billig.

Klima und Reisezeit: Im Sommer, also im europäischen Winter, steigen in Rio die Temperaturen oft auf über 40 Grad. Der meiste Regen fällt von Dezember bis April. Ganzjährig herrscht tropisch-feuchtes Klima. Viele bevorzugen als Reisezeit den Winter (April bis Oktober) mit Temperaturen zwischen 25 und 28 Grad.

Unterkunft: Unterkünfte sämtlicher Kategorien sind verfügbar - von 45 Euro pro Zimmer und Nacht in einer einfachen Pension bis 500 Euro in Luxushotels in Ipanema oder Leblon.

Geld: Währung ist der Real (Plural: Reais). Ein Real entspricht 100 Centavos. Für einen Euro gibt es rund 2,30 Reais (Stand Mitte Mai 2010).

Informationen: Brasilianisches Fremdenverkehrsamt Embratur, Börsenplatz 4, 60313 Frankfurt (Tel.: 069/96 23 87 33; Touristikamt Rio de Janeiro.

## Orte - [Aeroporto Santos Dumont](-22.912587,-43.165841) - [Aeroporto Galeão - Antônio Carlos Jobim] (-22.81,-43.250556) - [Zuckerhut] (-22.948658°, -43.157444°) - [Corcovado] (-22.9515,-43.210701) - [Maracanã-Stadion] (-22.911469,-43.231414)

Die folgenden Informationen sind nicht zur Veröffentlichung bestimmt

## dpa-Kontakte - Autor: Helmut Reuter, - Redaktion: Dirk Averesch, +49 40 411332980,

dpa/tmn hr av cr
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